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Benedikt XVI.: Nicht von dieser Welt

Ein Mann des Zeitgeistes war Benedikt XVI. nie. In seiner Abkehr vom Weltlichen und der Betonung des Mysteriums trifft er sich eher mit Traditionalisten als mit Liberalen. Und darum öffnete er den Piusbrüdern die Kirchenpforte.

Von Frank Ochmann

Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont. Denn ich weiß, dass dieser gewaltige Sturm durch meine Schuld über euch gekommen ist." Mit diesem Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jona reagierte Bischof Richard Williamson auf den Sturm der Entrüstung, der über den Vatikan und Benedikt XVI. im Besonderen gekommen war. "Unnötige Pein und Probleme", so Williamson in einem Brief an den zuständigen Kardinal Darío Castrillón Hoyos, habe er durch seine "unklugen Bemerkungen" im schwedischen Fernsehen hervorgerufen.

"Unklug" war es demnach gewesen, mit goldenem Brustkreuz und violettem Zingulum bekleidet von höchstens vielleicht 200.000 oder 300.000 in Konzentrationslagern ermordeten Juden zu sprechen, von denen aber kein einziger in einer Gaskammer gestorben sei. Die seien dazu technisch nämlich gar nicht geeignet gewesen, erläuterte Williamson ungerührt wie ein Ingenieur des Genozids.

Weder Reue noch Entschuldigung

Was dann aus allen Himmelsrichtungen über Papst und Kirche fegte, war lange nicht gesehen worden. Das Spektrum der Vorwürfe reichte von dilettantischer Kommunikation bis zum unverhohlenen Antisemitismus. Je eine Messe werde er darum für Castrillón und Ratzinger als Zeichen seiner Dankbarkeit "opfern", schloss Williamson sein Schreiben. Von einer Rücknahme der Leugnung des Holocausts kein Wort. Kein Wort der Reue. Kein Wort der Entschuldigung beim jüdischen Volk. Stattdessen später die Ankündigung, er wolle sich noch einmal mit der Beweislage in Sachen Holocaust vertraut machen, was allerdings Zeit brauche. Williamson wurde seither nicht ins Meer geworfen. Als Direktor des Priesterseminars im argentinischen La Reja wurde er zwar inzwischen abgesetzt.

Trotzdem gilt weiter, was per Dekret der Bischofskongregation vom 21. Januar verfügt worden war: Der Bischof der traditionalistischen Piusbruderschaft, die 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet worden war, ist mit seinen traditionsverliebten Brüdern und einigen Schwestern zurück im Schoß der Kirche. "Bewegt von väterlichen Empfindungen", so der Begnadigungserlass, hatte der Papst ihnen die Tür geöffnet.

Halbgare Klarstellung

Bevor er sich nicht klar von seiner Position zum Holocaust distanziere, dürfe er das Amt eines Bischofs allerdings nicht ausüben, stellte der Vatikan einige Tage nach der Wiederaufnahme klar. Nicht aber, um zusätzlichen Druck auf Williamson auszuüben, sondern weil in den Medien und auch etlichen Politikerköpfen "Exkommunikation" und "Suspendierung" kreuz und quer purzelten, als wäre das ein und dasselbe. So folgte eine widerwillig gegebene Klarstellung, die angeblich beim Staatssekretariat, der obersten Regierungsbehörde des Vatikans, ohnehin in Arbeit gewesen sei. Dass sich da in einem diplomatisch außergewöhnlichen Akt bereits die deutsche Bundeskanzlerin aus der sonst in kirchlichen Fragen üblichen Deckung gewagt und Klarheit eingefordert hatte, wurde als Zufall heruntergespielt. Dazu gab es bei Fernsehinterviews noch den herablassenden Hinweis, man sollte die Wirkmacht einer solchen politischen - und von der Kurie trotz eines folgenden Telefonats des Papstes mit der Kanzlerin als überaus ärgerliche Einmischung gewerteten - Forderung nicht überschätzen.

Doch auch die römische Aufforderung zum Widerruf an Williamson ist nicht sonderlich kraftvoll, selbst wenn einige deutsche Bischöfe sich ein härteres Durchgreifen wünschten: Ändert Williamson seine Haltung zum Völkermord an den Juden nicht, weil er vielleicht zuvor noch zwei oder auch 20 Bücher studieren will, hat das fürs Erste keine weiteren kirchenrechtlichen Folgen. Und selbst wenn er in ein paar Wochen bekennen würde, es habe den Holocaust wohl doch gegeben, wer sollte ihm eine ehrliche Wandlung seines verwirrten Geistes abnehmen? Wieso also konnte ein solcher Mann überhaupt wieder in die Kirche aufgenommen werden?

Die Exkommunikation - die strafweise Trennung von der Gemeinschaft der in Treue zu Papst und katholischer Lehre verbundenen und in den Sakramenten vereinten Gläubigen also - ist durch das Dekret vom 21. Januar tatsächlich aufgehoben. Daran ändert auch die fortwährende Leugnung des Holocausts nichts. Denn kirchenrechtlich hat die nicht mehr Bedeutung als Zweifel an der Versklavung des Volkes Israel unter Babylons König Nebukadnezar. Das mag einen ärgern, aufregen und entsetzen. Doch ändert es nichts an der Rechtslage, die für falsche Sachaussagen ebenso wenig eine Exkommunikation vorsieht wie das deutsche Recht eine Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Selbst wer gegen besseres Wissen handelt und Juden oder sonst jemandem dadurch schaden will, sollte nach kirchlicher Lehre zwar sein Gewissen prüfen, möglichst auch bereuen und seine Sünde bei der Beichte bekennen. Doch mit der Absolution ist der Fall abgeschlossen. Mehr noch: Da nicht einmal der Papst die Seele Bischof Williamsons durchleuchten kann und darum nicht weiß, ob der mit echter Überzeugung spricht, ist nicht einmal sicher, ob Williamson überhaupt im theologischen Sinne "sündigt".

Einmal geweiht, immer geweiht

Er ist und bleibt auch gültig geweihter Bischof, egal was er glaubt und verkündet. Denn jeder ist ein gültig geweihter Bischof, der von einem gültig geweihten Bischof - wie Erzbischof Lefebvre es war - zum Bischof geweiht wird. Diese magisch anmutende Auffassung macht gerade das Sakramentale am Akt der Weihe aus und unterscheidet sie beispielsweise von der rein weltlichen Ernennung Angela Merkels zur Kanzlerin. Auch George Bush ist nur noch Expräsident ohne bleibende Amtsgewalt. Anders in der Kirche: einmal geweiht, immer geweiht. Ebenso kann niemand "enttauft" werden, denn auch die Taufe setzt wie die Weihe eine Art himmlisches Brandzeichen in die empfangende Seele.

Mögen Amtsträger also sündigen, was das Zeug hält, vom Glauben abfallen, die Kirche spalten, huren oder auch morden - sie bleiben in jedem Fall geweiht. Allerdings kann ihnen verboten werden, ihr Amt - in bestimmten Fällen oder generell - auszuüben. Denn der Papst hat in der Kirche "die höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann". So steht es im Kanon 331 des kirchlichen Gesetzbuches, und es bedeutet: Über ihm ist nur noch Gott.

Das immerhin hatte Erzbischof Marcel Lefebvre mit den Seinen nicht bezweifelt. Was aber Johannes XXIII. und sein Nachfolger Paul VI. von 1962 bis 1965 mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Gang gesetzt hatten, brachte die Traditionalisten auf die Zinne. Daran konnte auch nichts ändern, dass solche feierlichen Versammlungen des weltweiten Bischofskollegiums zusammen - und nur zusammen - mit dem Papst die höchste Autorität der katholischen Kirche darstellen. Vom "aggiornamento" war damals die Rede gewesen, von einer zeitgemäßen Erneuerung. Die fiel mit entsprechenden gesellschaftlichen Umwälzungen von der Bürgerrechtsbewegung bis zu den Massendemonstrationen der "68er" zusammen und weckte bei vielen Hoffnungen, auch in der Kirche werde nun "unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" verwehen.

Doch Aufbruch macht oft auch Angst. Während die einen freudig das Neue begrüßen, trauern andere dem Verlorenen nach und versuchen festzuhalten, was der Zeitgeist bedroht. Der "Geist des Konzils", hieß der in der Kirche. Und etlichen wurde eiskalt, wo er wehte. Gitarrenlieder statt Gregorianik? Das "Allerheiligste" sollte das Laienvolk nun mit ungeweihten Händen berühren dürfen? In munterem Wettbewerb entdeckten Theologen selbst unter Atheisten noch "anonyme Christen". Oder sie sprachen davon, die doch "heilige" Kirche habe gegen Frauen und Juden "gesündigt", weil sie die einen als zweitrangig und die anderen als "Gottesmörder" abgestempelt hatte. Wohin also trieb diese Kirche, während Zehntausende Priester heirateten und einfache Gläubige offenbar annahmen, sie könnten den Kurs auch gegen die "Amtskirche" mitbestimmen?

Marcel Lefebvre, ein freundlich und bescheiden wirkender älterer Herr, der die Französische Revolution wohl mindestens so verfluchte wie das Konzil, erklärte 1974: "Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit. Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kamen."

Da war an Abspaltung noch nicht zu denken. Und so wurde auch die Priesterbruderschaft des Heiligen Pius X. zunächst mit offiziellem Segen gegründet. Die Lage verschärfte sich aber durch weitere Polarisierungen. Während hierzulande bärtige Kapläne die Klampfe zupften und jedes lateinische Wort für einen Rückfall in das Mittelalter hielten, paktierten ebenso bärtige Priester in Südamerika mit kommunistischen Revoluzzern und schlossen selbst den bewaffneten Kampf für die Armen nicht aus. Ideologisch überbaut wurde das durch eine "Befreiungstheologie", die auch hier bald als Synonym für jede Art von Widerwillen gegen den Vatikan stand.

Anfangs gar aufmüpfig

Die Spannungen erreichten ein kritisches Stadium, als der 1978 gewählte polnische Papst drei Jahre später einen zwar etwas scheu wirkenden, aber messerscharf denkenden deutschen Gelehrten an die Spitze der Glaubenskongregation berief. Joseph Ratzinger, zuvor Professor für Dogmatik, dann vier Jahre Erzbischof von München und Freising, sollte die geistliche Spreu vom Weizen trennen. Bald gab es kaum Zweifel, dass Ratzinger diese Arbeit gründlich erledigen würde.

Was er 1984 einem italienischen Journalisten in langen Gesprächen erläuterte und dann als Buch "Zur Lage des Glaubens" publizierte, ist nicht gar so weit von den Gedanken Lefebvres und seiner Gesinnungsbrüder entfernt. Das "wahre Konzil" nämlich sah der Kardinalpräfekt missachtet. Denn dem "stellte man schon während der Sitzungen und mehr und mehr dann in der darauffolgenden Zeit einen angeblichen ‚Geist des Konzils‘ entgegen, der in Wirklichkeit ein wahrer ‚Ungeist‘ ist".

Zwar hatte Ratzinger als junger Berater des Kölner Kardinals Joseph Frings beim Konzil selbst mitgewirkt, galt gar als aufmüpfig gegenüber der verkrusteten römischen Kurie, die das angereiste Bischofskollegium mit Verfahrenstricks auszubremsen versuchte. Doch wer damals Bischöfen zu ihrem theologisch verbrieften Mitspracherecht verhelfen wollte, muss sich später noch lange nicht dafür einsetzen, dass auch Frauen geweiht werden, Priester heiraten und Laien mit entscheiden dürfen, ob Pille, Abtreibung oder Homo-Ehe katholisch erlaubt sind.

Bischofsweihe war nicht rechtens

Was Konservative im Verein mit Papst und Glaubenskongregation für Übertreibungen oder schlicht für entsetzliche Irrlehren hielten, wurde von Ratzingers Glaubenshütern zunehmend klarer benannt und bekämpft. Auch in dieser Zeit schon gab es Verhandlungen mit den Piusbrüdern, um die Einheit der Kirche zu wahren. Doch denen ging die Restauration des Wahren, Guten und Schönen zu langsam und nicht weit genug.

Da Marcel Lefebvre schon 82 Jahre alt war und damit rechnen musste, dass seine Bruderschaft durch seinen Tod ausbluten könnte, da nur Bischöfe weihen dürfen, entschied er sich schließlich trotz energischer römischer Ermahnungen für den Bruch. Am 30. Juni 1988 vollzog er eine vierfache Bischofsweihe mit dem gleichgesinnten brasilianischen Bischof Antonio de Castro Mayer an seiner Seite. Doppelt hält nämlich auch sakramental besser. So soll sichergestellt werden, dass die vermeintlich ununterbrochene apostolische Reihe von den ersten Jüngern bis zu den heutigen Bischöfen, ihren Nachfolgern, auf keinen Fall abreißt.

Da dies aber im Ungehorsam geschah und so etwas wie eine illegale Filialkirche gegründet wurde, machte sich Lefebvre aus vatikanischer Sicht eines "Schismas" schuldig, also einer (Ab-)Spaltung. Darauf steht nach Canon 1364 des kirchlichen Gesetzbuches die Exkommunikation als "Tatstrafe". Und die traf Lefebvre und de Castro Mayer samt den vier neu geweihten Bischöfen wie ein göttlicher Blitz.

Sofortige Exkommunikation

Auch das ist nämlich eine Besonderheit klerikalen Rechtsverständnisses: Die Strafe tritt im selben Augenblick ein, in dem ein Rechtsbruch begangen wird. Ganz egal, ob sie ein Kirchenoffizieller ausspricht oder nicht. Im Fall Lefebvres und seiner Bischöfe ist die Exkommunikation wenige Tage nach dem vollzogenen Schisma sogar ausdrücklich festgestellt worden. Rechtlich erforderlich aber war das nicht. Letztlich steckt dahinter der Glaube, dass im Himmel sogar auch das alles bemerkt - und im Sündenregister vermerkt - wird, was irdischen Augen entgehen mag.

Der Generalobere der Piusbrüder, der aus dem Schweizer Wallis stammende Bischof Bernard Fellay, bezweifelt allerdings, dass es in strenger kirchenrechtlicher Interpretation der Vorgänge je zu einem Schisma - und demzufolge zu einer Exkommunikation der Beteiligten - gekommen ist. Denn der Ungehorsam entstamme Gewissenszwängen, und zudem habe Lefebvre nicht grundsätzlich die Autorität des Papstamtes attackiert. Auch wenn es bis heute unter seinen Anhängern schwere Zweifel an der Rechtgläubigkeit aller Päpste ab Johannes XXIII. gibt.

Dass diese Argumentation trotzdem einiges Gewicht haben könnte, bestätigt auch der heutige Papst und damalige Präfekt der Glaubenskongregation: 1993 hatte Ratzinger die vom dortigen Bischof ausgesprochene Exkommunikation von sechs hawaiianischen Katholiken aufgehoben, die sich öffentlich zu Lefebvre bekannt und entsprechende Messen besucht hatten. War das nicht ein Signal von höchster Stelle für die fortdauernde Zugehörigkeit der Rebellen zur katholischen Kirche? Joseph Ratzinger war erst wenige Monate im päpstlichen Amt, da empfing er im August 2005 bereits Bernard Fellay, den in voller Bischofsmontur angetretenen und doch exkommunizierten obersten Piusbruder. Auch der Leiter des deutschen Distrikts war zugegen, als man sich herzlich die Hand schüttelte. Seither sind die Kontakte nicht abgerissen, die vor allem über die schon 1988 eigens eingerichtete Kommission "Ecclesia Dei" liefen. Auch vorher bemühte sich der Vatikan um Nähe. Mehrfach traf sich Ratzinger mit Lefebvre und handelte eine Konsenserklärung aus, die aber nicht mehr unterzeichnet wurde.

Darum wäre es eine wenigstens intellektuelle Beleidigung Benedikts, wollte man ihm unterstellen, er sei mit dem Gedankengut der Piusbrüder nicht vertraut. Als fleißig arbeitender oberster Glaubenswächter war deren Studium über viele Jahre eine seiner Aufgaben. Und es braucht keine Kenntnis des Williamson-Interviews, um antijüdische Tendenzen unter ihnen auszumachen. Das Bild von den verfluchten "Gottesmördern" ist dort noch nicht sehr verblasst. Und dass die Bekehrung der Juden zum Christentum notwendig sei, findet sich auch im neuesten Mitteilungsblatt der deutschen Sektion: "Alsdann wird Israel gerettet werden."

So sehen das auch die Petrusbüder, die nie auch nur im Verdacht der Exkommunikation waren, weil sie 1988 rechtzeitig unter das schützende Dach der römischen Kirche gezogen sind. Auch sie feiern im alten Ritus, auch sie haben mit "Basisgemeinden", Ökumene und Religionsfreiheit nichts im Sinn, solange nicht klar ist, dass es keine zwei Wahrheiten und auch nicht mehrere Weltenretter nebeneinander geben kann. "Problematisch ist es daher nicht, die Bekehrung der Juden zu ihrem wahren und einzigen Erlöser zu erbitten", verkündet folgerichtig Petrusbuder Bernward Deneke, "problematisch wäre es vielmehr, sie nicht zu erbitten."

Halbherzige Ökumene

Im allgäuischen Wigratzbad, wo die Petrusbrüder ihren Hauptsitz haben, hat Joseph Ratzinger schon 1990 die nach altem Ritus vorgeschriebenen Pontifikalhandschuhe übergestreift und gepredigt: "Wir können den Glauben selbst nur bewahren, indem wir ihn anderen geben."

Dabei aber sieht der Papst sich und seine Kirche mindestens ebenso stark der "Welt" gegenüber wie in ihr zugegen. "Anstatt dem Zeitgeist zu folgen, müssten gerade wir ihm von Neuem mit evangelischem Ernst entgegentreten. Wir haben den Sinn dafür verloren, dass Christen nicht wie ‚jedermann‘ leben können", bekennt Joseph Ratzinger vor 25 Jahren. Wer also von weltlicher, vor allem politischer Seite glaubt, er könne mit der Kirche umspringen wie mit einer Partei oder einem Folkloreverein, verkennt vollständig deren Selbstverständnis. Dabei spielt es keine Rolle, dass selbst die meisten Katholiken keine Ahnung von der mystisch vernebelten Seite des Katholizismus haben. Sehr zum Gram Joseph Ratzingers und der Kurie: Denn während sich in Deutschland Mitglieder vieler katholischer Gemeinden ehrlich um Nähe zu Protestanten, Juden und Muslimen mühen und nicht erklären könnten, wo nun genau die theologischen Fußangeln auf dem Weg zu den Andersglaubenden liegen, wird man in Rom nicht müde, die Unterschiede zu betonen.

Mögen Gemeindefeste und, wie im Mai nächsten Jahres in München, sogar Kirchentage "ökumenisch" gefeiert werden, die offizielle Einschätzung der Protestanten bleibt dennoch unverändert: Sie sind nicht "Kirche im Vollsinn", sondern nur "kirchliche Gemeinschaft", "getrennte Brüder und Schwestern" oder was sonst noch an Verbrämungen für den Anspruch eigener Überlegenheit aufgeboten wird. Grund: Der Herr Jesus selbst habe es so gewollt.

"Die Kirche ist hierarchisch"

Diese Verklärung führt dann auch dazu, dass Kirche und "Welt" selbst beim besten Willen aller Beteiligten nie wirklich zusammenkommen können. Denn, so Ratzinger, "die Kirche Christi ist keine Partei, keine Vereinigung, kein Club; ihre tiefe und unaufhebbare Struktur ist nicht demokratisch, sondern sakramental, folglich hierarchisch". Und das heißt, ihre Autorität "gründet sich nicht auf Mehrheitsvoten; sie gründet sich auf die Autorität Christi selbst". Das sollte jeder bedenken, der es mit dieser Autorität zu tun bekommt. Sie versteht sich als göttlichen, nicht weltlichen Rechtes. Entsprechend leicht fällt es ihren Repräsentanten, sich "weltliche" Einmischungen wie die der Bundeskanzlerin zu verbitten. Aus dem gleichen himmlischen Grund aber sieht das kirchliche Lehramt für sich in anderer Richtung eine Allzuständigkeit, die vom Deutschen Bundestag bis in die deutschen Betten reicht. Und so sollte sich auch niemand wundern, dass im Vatikan derzeit schon der nächste Schlag vorbereitet wird: Erzbischof Raymond Burke, Präfekt der Apostolischen Signatur und damit des höchsten vatikanischen Gerichtshofes, beabsichtigt, allen katholischen Politikern, die Abtreibungsgesetze befürwortet haben, bei der Messe den Empfang der Kommunion zu verbieten, da sie in "Todsünde" lebten. Auch im öffentlichen Raum hätten Politiker göttlichem Recht zu folgen. Das als Einmischung anzusehen, sei "einfach lächerlich". Formal würden das iranische Ayatollahs auch so sehen.

Beim mühsam erreichten Grad an Aufklärung und "Säkularisierung" des Westens kann eine solche Haltung des Gegenübers trotz freundlich abwiegelnder deutscher Bischöfe letztlich nur Konflikt und nicht Konsens bedeuten. Das sieht auch der Papst so, und darum spricht er im 2007 erschienenen Jesus-Buch von den "dunklen Abgründen des Bösen" und von der "Zersetzung der sittlichen Ordnung durch eine zynische Art von Skepsis und Aufklärung". Da geht es zwar zunächst um die Anfangszeit der Kirche vor 2000 Jahren. Doch hat sich seitdem etwas zum Positiven geändert? Hat sich die "Welt" bekehrt? "Auch wenn es das Römische Reich und seine Ideologien nicht mehr gibt - wie gegenwärtig ist doch das alles!"

Niemand aus der Piusbruderschaft wird ihm jedenfalls auszureden versuchen, dass die kirchlichen Schafe mitten unter den weltlichen Wölfen leben müssen. Da ist man sich schon einig. Zwar ist der Papst noch nicht ganz so, wie Richard Williamson es sich wünscht. "Die modernen Gesinnungen sind sehr krank", beklagt er 2006 in einem Interview. "Und Benedikt XVI. hat eine moderne Gesinnung." Die Hoffnung aber lässt er nicht sinken und fordert die Seinen darum zum kraftvollen Gebet für den amtierenden Papst auf, "damit sein bayerisches Herz den konzilsfreundlichen Kopf auch weiter in eine katholische Richtung drängt!" Das Flehen könnte erhört werden.

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