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Berlin³ zur Bayernwahl: Vier Fäuste für ein Halleluja? Wie die CSU erstmals in der Opposition landen könnte

Die CSU auf die Oppositionsbank? Warum eigentlich nicht? In Bayern wird es Zeit für die "Freie Ampel", meint stern-Hauptstadtreporter Axel Vornbäumen.

Bayerns Grüne Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann

Grüne Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. Ihre Partei könnte nach der Landtagswahl die stärkste Regierungsfraktion in Bayern stellen

DPA

Eine knappe Woche noch, dann haben sie in Bayern gewählt. Nicht mehr viel Zeit also, um wenigstens einmal kurz das bislang Undenkbare durchzunehmen: Den Verlust der absoluten Mehrheit der CSU? Nein, ihren kompletten Machtverlust. Die Landung der Christsozialen auf den harten Oppositionsbänken.

Horst Seehofers CSU steht in Umfragen derzeit nicht gut da, strenggenommen sogar ziemlich bescheiden. Auf 33 Prozent taxiert sie der jüngste "Bayerntrend". Das ist ein Wert, mit dem der Machtanspruch nicht mehr zwangsläufig beglaubigt wird. Das zu erwartende Ergebnis ist nicht nur derart weit von einer Mehrheit im Freistaat entfernt, dass die Suche nach Koalitionspartnern schwierig werden dürfte. Es ist sogar von solch großer Distanz, dass ein anderes Modell allein schon rechnerisch als Option auf dem Tisch liegen muss.

Das Undenkbare wird in Bayern fassbar

Das Undenkbare ist fassbar geworden: In Bayern ist eine Viererkoalition aus Grünen (Umfragewert derzeit bei: 18 Prozent), SPD (11) , "Freien Wählern" (11) und FDP (6) im Bereich des Möglichen. Diese 46 Prozent könnten reichen, weil es die Linke möglicherweise nicht in den Landtag schafft und kleinere Parteien ebenfalls noch ein paar Prozent wegnehmen, so dass für die Mehrheit der Sitze bereits deutlich weniger als 50 Prozent der Wählerstimmen nötig sind.

Ein Viererbündnis also. Am besten sucht man schon mal nach einem einprägsamen Label. Das Unbekannte braucht schließlich einen Begriff, mit dem sich öffentlich wirksam hantieren lässt. Wie wäre es mit "Freier Ampel"?

Die vier so unterschiedlichen Parteien wären mit einer möglichen Regierungsbildung in München jedenfalls so frei, den Zeitgeist erkannt zu haben. Das Ende der jahrzehntelang existierenden Gleichung CSU = Bayern. Sie gilt nicht mehr. Kommt es so, wie von Demoskopen als Stimmung festgestellt, dann wird (bei einer angenommenen Wahlbeteiligung von um die 60 Prozent) nur etwa jeder fünfte Wahlberechtigte sein Kreuz bei der CSU machen. Das heißt: vier von fünf Bayern ist eine Regierungsbeteiligung der CSU zumindest egal, wenn sie nicht sogar dagegen sind.

Das Undenkbare denken heißt dann nur noch, das Wahlergebnis richtig zu interpretieren. Es wäre an der Zeit, wenn das nicht längst schon geschieht, dass sich die Spitzenkandidaten der für die "Freie Ampel" in Frage kommenden Parteien diesem Gedanken in ersten sondierenden Gesprächen nähern. Die Distanzen untereinander sind schließlich nicht unüberwindbar. Sie erscheinen noch kleiner angesichts des historischen Momentums.

Längst überfälliger Veränderungsimpuls 

Sie könnten Geschichte also schreiben, die Vier, die heute eher noch über einen bescheidenen Bekanntheitsgrad verfügen: Die Grüne Spitzenkandidatin Katharina Schulze, die bayerische SPD-Chefin Natascha Kohnen, der FDP-Spitzenkandidat Martin Hagen sowie Hubert Aiwanger von den "Freien Wählern". Sie könnten ihre vier Fäuste zusammenballen für ein bayerisches Halleluja. Es wäre auch der längst überfällige Veränderungsimpuls für die gesamte Republik.

Und jetzt komme keiner mit dem Argument, das hätte man in Bayern ja noch nie so gemacht. Genau darum geht es nämlich. Jedenfalls dann, wenn man Wahlergebnisse ernst nimmt.

Horst Seehofer und seine Frau Karin
wue