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Berlin³: Die CSU geht vor die Hunde - das muss man erstmal schaffen, Herr Söder

Kurz vor der bayerischen Landtagswahl rutscht die CSU im ARD-"Bayerntrend" auf ein Rekordtief von 33 Prozent. Das hinzubekommen, ist schon eine einzigartige Leistung.

Jetzt ist schon wieder was passiert. Okay, noch nicht wirklich, aber wir tun einfach mal so (das tun wir ja fast immer), als wären Umfragen das wahre Leben und so etwas wie ein halbwegs präzise vorweggenommenes Wahlergebnis. Also los.

33! Prozent!! Für die, Achtung, CSU!!!

33. Schon wieder so eine Zahl, die man sich wird merken müssen.

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben sollten: Das ist das Ergebnis, mit dem die CSU bei der Landtagswahl am Sonntag kommender Woche nach dem aktuellen Politbarometer rechnen muss. Wird ein ziemlich ungemütlicher Abend werden bei den Christsozialen. Die politischen Überlebenschancen für CSU-Chef Horst Seehofer wie für den aktuellen Ministerpräsidentendarsteller Markus Söder dürften Richtung Minimal rauschen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder steuert mit seiner CSU auf ein bislang undenkbares Wahldebakel zu. Er interpretiert die neuen Wahlumfragen als "Zahlen, die unglaublich geprägt werden durch die Berliner Politik"

DPA

So ungefähr muss sich einer der wuchtigen Leberhaken von Graciano Rocchigiani angefühlt haben, nur etwas weniger schmerzhaft. Außerdem hat dieser Schmerz doch relativ schnell nachgelassen. Bei der CSU dürfte er deutlich länger anhalten. Man vergisst ja so schnell, deshalb nur kurz noch mal zur Erinnerung, warum diese 33 Prozent eine historische Dimension hätten. Die CSU regiert in Bayern seit 1962, mit einer als Unfall begriffenen kurzen Koalitions-Episode mit einer nicht weiter aufgefallenen FDP, alleine; vor 15 Jahren gaben ihr die Wähler noch satte 60 Prozent. Die CSU war nicht irgendeine Partei. Sie war Bayern. Sie hat sich meist auch so aufgeführt.

Der Champion CSU strauchelt

33 Prozent, das wäre der jähe K.O. des scheinbar unschlagbaren Champions. Und nur mal so nebenbei: Die 35 Prozent, die der CSU bisher vorhergesagt wurden, würden die Sache auch nicht viel besser machen. Allerdings hatten die Christsozialen nun schon ein paar Wochen Zeit, sich daran zu gewöhnen. Oder wie es auf Politikersch heißt: einzupreisen und ein entsprechendes Erwartungsmanagement zu betreiben. Nicht schön, aber irgendwie wegzustecken.

33 Prozent, das wäre noch mal eine ganz andere Schlagkombination. Linker Haken, rechter Haken, und noch mal von links.

Und was sollen wir sagen? Dieses Desaster, ob nun 33, 34 oder 35 Prozent, haben sich die Christsozialen redlich verdient, obwohl man durchaus bedauern kann, dass nun auch noch eine der letzten europäischen Volksparteien mit überragender Bindekraft vor die Hunde zu gehen droht. Das Verrückteste an diesem drohenden Ergebnis ist ja: Dieses Bayern gehört zu den am besten regierten Bundesländern; kaum eine andere Regierung hätte es 2015 so gut geschafft, die zu Hunderttausenden ankommenden Flüchtlinge unterzubringen und zu betreuen. Vermutlich hätte es aber auch keine andere Partei fertiggebracht, diese Leistung durch dauerhaftes Krakeelen über die Fehler der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingspolitik komplett in Vergessenheit geraten zu lassen. Und alle anderen Leistungen gleich mit.

Markus Söder sieht die Schuld woanders

Zur vollständigen Chronik dieses sich ankündigenden Wahldesasters gehört auch das Schnellurteil des möglicherweise nur als Übergangsministerpräsident amtierenden Markus Söder über die jüngsten Umfrageergebnisse. Sein Schuldspruch lautet, dies seien "Zahlen, die unglaublich geprägt werden durch die Berliner Politik."

Unglaublich? Ja.

Jetzt tun wir einfach mal so (was wir wirklich nicht immer tun), als glaubten wir, dass Markus Söder selbst glaubt, was er da sagt. Dann müsste er ehrlicherweise auch hinzufügen, wer diese Berliner Politik samt ihrer Krisen der letzten Monate unglaublich geprägt hat: die CSU, angeführt von Horst Seehofer, bis vor kurzen angetrieben von Markus Söder. Söder hat zumindest seine Wortwahl ("Asyltourismus") vor ein paar Wochen von AfDsch auf Demokratisch umgestellt, als er merkte, dass  ihm der Radikalismus eher schadet als nutzt. Seehofer hat das bis heute nicht geschafft.

Wir würden uns wundern, wenn sich Söder über die Folgen wirklich wunderte. Wer seinen Wähler erst auf den Baum jagt, um ihn dann wieder runter zu schütteln, der muss damit rechnen, dass eben dieser Wähler sich – unten gelandet – erst den Hosenboden reibt und dann laut oder leise fluchend das Weite sucht, in welche Richtung auch immer. Wer nicht damit rechnet, muss diesen Wähler für ziemlich dämlich halten.

Die Grünen wachsen und wachsen

Die AfD klein kriegen zu wollen, indem man sich inhaltlich und vor allem rhetorisch immer weiter an sie annähert, und dabei nebenbei die Grünen auf halbe CSU-Stärke zu mästen, das ist eine nahezu einmalige Leistung der Söder-Seehofer-Partei. Muss man auch erst mal hinkriegen. Dafür muss man die CSU fast schon wieder lieben.

Anders gesagt: Diese 33 Prozent gönnen wir den Söders, Seehofers und auch Dobrindts von ganzem schwarzen Herzen. Noch mehr allerdings die noch gerechtere Strafe: dass sie beziehungsweise ihre Nachfolger die nächsten Jahre wohl ausgerechnet mit den Grünen regieren werden müssen. Einen schöneren Stachel im Allerwertesten der CSU kann man sich nur schwer vorstellen. Vergelt´s Gott!

Bizarres CSU-Video: Fremdscham in der Staatskanzlei: Wie sich Stoiber und Söder gegenseitig bauchpinseln
anb