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Berlin³ #allesdichtmachen: Wenn die Erregungsgesellschaft überschnappt

Szene aus dem Video mit dem Schauspieler Martin Brambach: Es regt zum Nachdenken an
Szene aus dem Video mit dem Schauspieler Martin Brambach: Es regt zum Nachdenken an
© Screenshot Youtube
Satire muss auch wehtun dürfen. Die Angriffe gegen die Schauspieler der Aktion #allesdichtmachen sind völlig überzogen.

"Ich bin Martin Brambach, Schauspieler, und ich habe im letzten Jahr damit angefangen, solidarisch mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen. Ich bin ein eher unsicherer Mensch und brauche klare Regeln. Und es tut mir gut, wenn ich andere darauf hinweisen kann, was sie falsch machen ..."

Das ist der Anfang eines Videos, gut eine Minute lang, zu sehen unter #allesdichtmachen. Das Video geht gerade viral, so wie die Videos von gut 50 anderen Schauspielerinnen und Schauspielern auch, darunter sehr bekannte wie Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur oder Meret Becker. Und, was soll man sagen, die Wallungsgesellschaft gerät in Schnappatmung. Denn das, was da vorgetragen wird, mal vom Blatt, mal frei, mal im Stehen, mal auf der Couch, ist doch unerhört, oder?

Ist es nicht. Es ist klug. Es regt zum Nachdenken an. Es ist Satire. Es trifft. Und das ist auch gut so. Denn Satire muss auch wehtun dürfen.

Die Videos spießen Verhalten in einem Obrigkeitsstaat auf

Jetzt zurück zu Brambach. Das, was Brambach da sagt, ist nicht nur großartig in der Beschreibung jener Gesellschaftssichten, denen das Pochen auf das Einhalten auch der absurdesten Corona-Maßnahmen einen neuen Lebenssinn gegeben hat. Es spießt auch das Verhalten eines Obrigkeitsstaates auf, der glaubt, Kritik an diesen Maßnahmen mit dem Verweis auf mangelnde Solidarität mit den Covid-Patienten ersticken zu können.

Leider wahr, die Schauspieler und der Verfasser dieses Kommentars werden jetzt um den Beifall von der falschen Seite nicht umhinkommen. Aber das ist ja gerade das Perfide. Wer für Differenziertheit plädiert, den Zwischentönen nachhängt, womöglich gar Ambiguitätstoleranz für seine Argumentation benötigt, der ist schnell in eine Ecke gestellt, weil es sich gerade anbietet: die rechte. Jan-Josef Liefers muss nachschieben, dass er mit Verschwörungstheoretikern und Querdenkern nichts gemein habe. Meret Becker rechtfertigt sich auf Instagram allen Ernstes damit, dass ihre Großmutter von der Gestapo abgeholt wurde.

Und spätestens hier wäre ein Innehalten angebracht. Ja, soweit ist es schon gekommen.

Was Kritiker fordern, wäre ein Schritt in Richtung Staatsfernsehen

Martin Brambach übrigens kennt man als Tatort-Kommissar Schnabel aus Dresden. Auch in dieser Rolle ist er großartig – ein leicht verhuschter, dem Obrigkeitsdenken der ehemaligen DDR durchaus noch zugetaner Kriminaler.

Geht es nach dem SPD-Rundfunkrat Garrelt Duin, ein früherer Minister in NRW und Niedersachsen, dann hat nicht nur Brambach mit dem Video seine Zukunft als Tatort-Kommissar verwirkt, sondern auch alle anderen Schauspieler, die sich an der #allesdichtmachen-Aktion beteiligt haben. Die "zuständigen Gremien" müssten die "Zusammenarbeit schnellstens beenden," forderte der Sozialdemokrat vollmundig, bevor er seinen Tweet dann doch lieber wieder löschte.

Was man eben so sagt, wenn man nicht genau hinschaut. Was Duin forderte, wäre nichts anderes als ein Schritt in Richtung Staatsfernsehen. Schnabel würde das gut gefallen, nur, dass er von Brambach nicht mehr gespielt werden dürfte.


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