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Berlin³: Gauck-Nachfolge: Bundespräsident: Lost es aus!

Drei Blickwinkel, immer aus Berlin - das ist unsere neue Kolumne Berlin³. Los geht's mit dem Bundespräsidenten: Die Kandidatenkür ist mal wieder ein Trauerspiel. Ging es auch anders? Ja. Mit dem Zufallsprinzip!

Das Schloss Bellevue, Sitz des Bundespräsidenten

Die Entscheidung, wer als Bundespräsident ins Schloss Bellevue einziehen wird, gestaltet sich als schwierig - hilft vielleicht das Los?

Der renommierte Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey hat dieser Tage einen einigermaßen revolutionären Vorschlag zur Weiterentwicklung demokratischer Gesellschaften gemacht. Freys Kernthese geht, stark gerafft, so: Wahlen werden in ihrer Bedeutung für die Demokratie überschätzt. Besser wäre, man würde bisweilen losen!

Na gut, der Mann ist Schweizer.

Andererseits: Wer das per se für ein Ausweis absurden Denkens hält, der verpasst Freys zweiten Gedanken.

In der aktuellen "Geo" schildert der Ökonom doch ziemlich plausibel, wie wertvoll ein beherzter Griff in die Lostrommel bisweilen für uns alle sein könnte: "Zufall bedeutet gleiche Chancen für jeden. Aus einer Gruppe werden Personen ausgelost, und zwar mit gleicher Wahrscheinlichkeit für jedes Ergebnis. Damit werden Menschen berücksichtigt, deren Ideen sonst verloren gingen. Sie brauchen sich nicht bei der Mehrheit einzuschmeicheln und über Beziehungen verfügen. Offenheit und Dynamik einer Gesellschaft würden gestärkt."

Und? Gar nicht so doof, oder?

Bundespräsident: Wie finde ich ihn nur?

Ich weiß auch nicht, warum ich bei Freys Vorschlägen automatisch auf das unsägliche Geschacher und Geschiebe komme, das derzeit in Berlin zu besichtigen ist. Stichwort: Wie finde ich einen Bundespräsidenten?

Was einen hier in der Hauptstadt gerade Berlin-hoch³-mäßig aufregt, ist die ungeheure Selbstgefälligkeit, mit der sämtliche beteiligten Parteien die Frage so abhandeln, als sei die Vergabe des höchsten Staatsamtes eine Art von Puppenspiel. In der Phase des Kandidatensuchens wirkt es bisweilen so, als werde es sich beim nächsten Bundespräsidenten um eine leicht zu steuernde Marionette handeln. Es ist ein Ärgernis, dass sich der künftige erste Mann (oder die erste Frau) im Staat davon erstmal emanzipieren muss. Richtig daran stören tut sich längst niemand mehr, weil: Dit ham wa hier imma schon so jemacht! Es ist leider ein eingeschliffenes Ritual. Und das soll einer Demokratie förderlich sein?

Dann vielleicht doch besser losen?

Wie wäre das, wenn man das Freysche Modell auf die Bundespräsidentenkür anwenden würde? All die klugen Köpfe, die durchaus infrage kämen, müssten nicht über Beziehungen verfügen oder sich bei Mehrheiten einschmeicheln.

Sie müssten vor allem nicht in ihrem Zweitjob als "Signal" für einen vermeintlichen oder bevorstehenden Machtwechsel herhalten. Sie müssten nicht vor allem schwarz-grün oder rot-grün oder großkoalitionär wirken. Sie müssten nur: Sein. Gerne staatstragend, gerne kompetent, noch lieber kreativ, innovativ. Und mutig. Die Besten könnten so noch im Rennen sein. Das wäre gut.

Könnte es sein, dass man ab sofort mit seinem Bundespräsidenten ganz anders im Reinen wäre, wenn dieser automatisch von dem lästigen Verdacht befreit wäre, er sei unter gänzlich anderen Prämissen ins Amt gekommen? Sie müssten also nur bereit sein, sich in die Lostrommel werfen zu lassen, all die Namen, die wir schon kennen. Sie alle waren (oder sind noch) irgendwie im Rennen, manche schon längst "verbrannt", weil ihre Namen zu früh genannt worden sind - oder sie ins taktische Kalkül gerade mal nicht passen: Gregor Gysi, Margot Käßmann, Frank Walter Steinmeier, Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble, Andreas Voßkuhle, Marianne Birthler, Navid Kermani.

Und dann: Los geht’s!

Ja, es ist ein Gedankenspiel. Nicht ganz ohne Risiko. Aber das ist es in der Politik nie. Mit der Loserei, schreibt Frey, "kommt nicht unbedingt die fähigste Person an die Macht. Aber das ist nach dem heute geltenden aufwendigen und durch viele Machenschaften geprägten System auch nicht der Fall."

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