Berlin vertraulich! Horst Köhler, mitunter ruppig


Wer ist unser Bundespräsident? Eine neue Biografie gibt überraschende Antworten. Horst Köhler tritt zwar manierlich auf, kann aber auch eitel und barsch sein, zum Beispiel zu Gerhard Schröder. Außerdem: Max Stadler am Schachbrett und Dirk Niebels Statistikproblem.
Von Hans Peter Schütz

Politische Biografien gehen in der Regel mit ihrem Sujet eher beschönigend um. Bemerkenswert ehrlich ist jedoch die erste Biografie von Bundespräsident Horst Köhler ausgefallen, die jetzt in Berlin vorgestellt worden ist - und sich in der Polit-Szene seither regen Interesses erfreut, Geschrieben hat das lesenswerte Buch Gerd Langguth, Professor für politische Wissenschaften in Bonn und früher CDU-Bundestagsabgeordneter, der 134 Zeitzeugen und Weggefährten Köhlers befragt hat. Die Gunst eines Gesprächs mit dem Präsidenten selbst wurde ihm nicht gewährt. Aus "haptischen Gründen", wie das Präsidialamt wissen ließ. Gemeint war damit: Ein Taschenbuch wird für den Bundespräsidenten als nicht angemessen genug angesehen. Ein im Januar erschienener Bildband über Köhler kam da repräsentativer daher. Aber den hatte ja - auf Anfrage des Präsidialamts - der Sparkassenverband gesponsert, dessen Präsident der Präsident auch einmal gewesen ist.

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Auch ansonsten öffnet die Biografie eher unbekannte Blicke aufs Staatsoberhaupt. Zum Beispiel, dass Köhler zu cholerischen Ausrastern neigt, die niemand auf Anhieb dem ersten Repräsentanten des Staates zutraut. "Ruppig, barsch und verletzend" könne Horst Köhler sein, schreibt Langguth. So geriet er sich einmal mit dem Präsidenten der Bayerischen Landesbank und CSU-Politiker Franz Neubauer in die Haare, der sich darüber aufregte, dass Köhler eine Stunde zu spät zu einer Sitzung des Sparkassenverbands gekommen war. Neubauer sauer: "Ihretwegen bin ich um vier Uhr morgens aufgestanden." Köhler barsch: "Wenn Ihnen das hier nicht passt, können Sie ja gehen!" Neubauer stand auf und ging. Immerhin: Köhler hat sich später entschuldigt. Geflegelt hat er auch bei einer Rede, die Gerhard Schröder als niedersächsischer Ministerpräsident hielt. Ständig kommentierte er den Vortrag mit "erregten Zwischenrufen." Bis Schröder es zu dumm wurde. "Herr Köhler, wenn ich mal Bundeskanzler bin, können Sie unter mir Staatssekretär sein." Ganz so kam es nicht: Schröder musste im Bundestag ansehen, wie Köhler zum Präsidenten gewählt wurde.

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Sauer wird Köhler, der sich Professor Dr.rer.pol. nennen darf, aufstoßen, dass der Professor Langguth seine von der Uni Tübingen verliehene Ehrenprofessur kritisches hinterfragt. Denn zur Vorgeschichte gehört, dass Köhler als Sparkassenpräsident sich zuvor schon bei der Uni Leipzig um den Professor-Titel bemüht hatte, indem er einen finanziellen Zuschuss zur Arbeit der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Aussicht stellte. Dort ließ man ihn bei einem Essen mit der Universitäts-Spitze wissen, dass der Titel nur durch entsprechende Leistungen in der Lehre zu erwerben sei. Professor Langguth merkt ironisch an, der Präsident habe offensichtlich den Titel "Honorar"-Professor missverstanden.

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Perfekt organisiert war die 400.000 Euro teure Feier zum 80. Geburtstag von Hans-Dietrich Genscher. Gepatzt hat - ausgerechnet - FDP-Generalsekretär Dirk Niebel. 15 Außenminister und drei Präsidenten, so jubelte er, seien zu "Berlins größter Party" gekommen. Drei Präsidenten? Niebel: Schewardnadse, früher in Georgien, Norbert Lammert, Deutscher Bundestag, Schiphorst, Hertha BSC. Sabine Bergmann-Pohl (CDU) war mit der Zählweise "nur relativ" einverstanden. Man kann es verstehen: Sie war 1990 für sechs Monate Präsidentin der DDR-Volkskammer und als solche Staatsoberhaupt der DDR.

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Mag sein, dass Politiker wie Heinz Lanfermann (FDP) oder Arnold Vaatz (CDU) eine Menge vom politischen Schachspiel verstehen. Mit ihrer strategischen Kunst am realen Brett ist es nicht weit her. Die beiden Politiker gehörten zu einem Team von Abgeordneten, das in der sächsischen Landesvertretung in Berlin gegen jugendliche Schachspieler aus Dresden antrat, wo dieses Jahr die Schach-Europameisterschaft stattfindet. Alle Politiker wurden von den Schülern matt gesetzt. Einer allerdings schlug sich wacker: Max Stadler. Der Passauer FDP-Mann, ein begabter Schach-Amateur, durfte gegen Juniorenweltmeisterin Elisabeth Paehtz antreten. Allerdings in einer so genannten "blinden" Partie gegen zwei Gegner. Dabei durfte Paehtz das Schachbrett nicht sehen und spielte gleichzeitig gegen zwei Gegner - einmal gegen Stadler, parallel dazu gegen August Hanning, Staatssekretär im Bundesin-nenministerium. Pikant daran: Stadler und Ex-BND-Chef Hanning haben erst vor kurzem im BND-Ausschuss gegeneinander "gespielt." Nach einiger Zeit bot Deutschlands beste Schachspielerin Stadler ein Remis an, Hanning war zwei Züge später matt.


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