Berlin vertraulich! Merkel und die dicken Fische

Im politischen Sommerloch lohnt die Lektüre von Sachbüchern. Dabei lernt man beispielsweise, warum sich Merkel in jungen Jahren einen Angelverein untertan machte. Außerdem: Kennen Sie schon Christian Wulffs vielversprechenden Doppelgänger?
Von Hans Peter Schütz

Denke keiner, das politische Sommerloch sei unpolitische Saure-Gurken-Zeit. Es kann gelesen werden, mit politischem Erkenntnisgewinn. Etwa in dem für Angler und ganz besonders für Nichtangler, die Angler noch nie verstanden haben, geschriebenen Buch "Das Glück am Haken - er ewige Traum vom dicken Fisch" (Droemer-Verlag, 16,99 E). Geschrieben hat es Christoph Schwennicke, außerhalb des Sommerlochs in Berlin für den "Spiegel" schreibend.

Versucht haben schon viele Autoren, die Machtpolitikerin Angela Merkel zu analysieren. Schwennicke enthüllt, dass Angela Merkel bereits in jungen Jahren, lange vor der Wiedervereinigung, ein hoch entwickeltes Gespür für die Macht besaß. Auf dem See nahe ihrem Häuschen im brandenburgischen Hohenwalde durfte nur im Boot fahren, wer im lokalen Angelverein war. Also trat Angela, damals noch ein Fräulein Kasner, in den Verein ein, machte den Angelschein und enterte - wenn schon, denn schon - sogleich auch den Vereinsvorsitz. So ähnlich, findet Schwennicke, habe sie es auch mit der CDU gemacht. Seine erste Erkenntnis, dem alle Angler und viele Politikbeobachter gewiss zustimmen: "Wir Angler kommen immer dorthin, wo wir wollen, selbst wenn wir gar nicht angeln, sondern nur Boot fahren." Seine zweite Erkenntnis: "Eine Kanzlerin mit Angelschein. Deutschland ist weiter als manche glauben." Es gibt hierzulande 3,5 Millionen Angler. Programmatisch werden sie derzeit im CDU-Programm arg vernachlässigt.

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Politiker sind auch nur Menschen. Autor Schwennicke belegt es eindringlich. Nachdem er einmal zusammen mit CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer einen Tag lang in Bayern fischen gewesen war, mailte der ihm aus einer Sitzung des CDU/CSU-Fraktionsvorstands: "Fraktionsvorstand ist so öde, fischen ist schöner." Als daraufhin Schwennicke auch noch Fotos der gemeinsam gefangenen Fische schickte, simste Ramsaueraus dem Bundestag, wo der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier gerade eine Rede hielt, zurück: "Zeige sie gerade rum. Interessiert die Kollegen viel mehr als der Steinmeier." Was den politischen Journalisten erkenntnistheoretisch bereicherte: "Politiker sind auch nur Menschen." Vor allem im Sommerloch. Ob die CSU indes ihren Ramsauer noch weiter fischen lassen sollte, sollte sie intern einmal diskutieren. Denn der meint zum Thema Fischen: "Ach, herrlich, das ist besser als politische Prügelei."

Man sollte nach diesem Buch im Übrigen nie wieder eine kritische Geschichte von Schwennicke im Spiegel über Ramsauer suchen. Seit er gesehen hat, wie Ramsauer beim Fang eines Karpfen "den Kescher sanft unter den Bauch des Fisches geführt" hat, steht für ihn fest, "dass ich nie wieder ein Porträt über Peter Ramsauer schreiben kann". Deshalb sei hier auf stern.de "enthüllt": Ramsauer hat als 5-Jähriger mal illegal die Angel in den Fluss gehalten. Da war er noch ein echter Schwarzfischer.

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Für den CDU-Bundestagsabgeordneten Clemens Binninger aus Böblingen stellt der neue Bundespräsident Christian Wulff ein ganz besonderes, sehr persönliches Problem dar. Seit Wulff präsidiert, wird Binninger fortwährend fotografiert und um Autogramme gebeten. Wird er in einer der schwarzen Limousinen der Fahrbereitschaft des Bundestags durch Berlin gefahren, reißen bei einem Ampelstopp immer wieder Passanten ihr Fotohandy aus der Tasche und knipsen - den Falschen natürlich. Dass er mit Wulff verwechselt wird, ist nicht neu für Binninger: Wulff und er sehen sich beachtlich ähnlich (Hier das offizielle Foto auf seiner Website). Gleiche Figur, gleiche Brille, gleicher Seitenscheitel, fast gleich alt. Wulff ist 51, Binninger 48. Und zuweilen wird er beim Einkaufen auch schon mal mit dem respektvollen Satz begrüßt "Ach, gestern habe ich sie noch im Fernsehen gesehen." Als er Wulff im Bundestag zur Wahl gratulierte, fragten sich einige der Besuchertribüne, ob das denn der Zwillingsbruder des neuen Präsidenten sei. Ist er nach stern.de-Informationen natürlich nicht. Macht Binninger den Mund auf, ist sein schwarzwälder-alemannischer Akzent unüberhörbar und weit entfernt vom Niedersächsisch des Bundespräsidenten. Außerdem hat Binninger, wie er sagt, bei seinem Heimatblatt, der "Stuttgarter Zeitung", heftig dafür plädiert, ihn doch bitte erst mit gebührendem Abstand zur Wulffs Wahl als dessen "Doppelgänger" zu präsentieren.

Als Aufsteiger gilt freilich auch Binninger, der seit 2002 im Bundestag sitzt. Der gelernte Polizeibeamte, einst für die Sicherheit des früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel verantwortlich, gilt CDU-intern als der wichtigste sicherheitspolitische Experte in der Unionsfraktion. Dass er in absehbarer Zeit zum Staatssekretär in der männermordenden Berliner Merkel-CDU aufsteigen könnte, gilt als sehr wahrscheinlich. Oder vielleicht benötigt Baden-Württemberg bald einen neuen Innenminister, spätestens nach der dortigen Landtagswahl im nächsten Frühjahr, da der derzeitige Amtsinhaber Heribert Rech von einer Polizeipanne zur nächsten eilt.


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