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Berlin vertraulich!: Von Einparkhilfen und Nacktbadern

Worüber redet das politische Berlin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? stern-Autor Hans Peter Schütz hört hin und notiert für stern.de wöchentlich den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt: Diesmal geht es um Frauenfeindlichkeit und Rauchfreuden.

Sic pereat gloria mundi. Jahrelang mussten Besucher des Berliner forsa-Instituts an drei Schröder-Bildern des finnischen Künstlers Robert Lucander vorbei, wenn sie zum Chef wollten. Das hat forsa-Boss Manfred Güllner den nicht ganz unberechtigten Verdacht eingetragen, es mit der wissenschaftlich-demoskopischen Distanz zum Kanzler nicht immer ganz genau zu nehmen. Forsa-Umfragen galten als SPD-freundlich eingefärbt. Schluss damit jetzt? Güllner, auch genannt der "Kanzlerflüsterer," hat den Altkanzler jedenfalls abgehängt - weil eben der Ruhm der Welt vergeht? Oder weil Schröder jetzt keine Umfragen mehr in Auftrag geben kann und der Altkanzler nicht mehr an der Zukunft interessiert ist? Denn früher pflegte Schröder über den Mann, der sich selbst als "Einparkhilfe" des Kanzlers bezeichnete, zu sagen: "Der Güllner sagt mir heute, was die Menschen in sechs Wochen von uns denken."

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Nacktbaden - was ist schon dabei? In politisch hervorgehobener Position sollte man zwar etwas sensibler mit der FKK-Frage umgehen, als dies EU-Kommissar Günter Verheugen und seine Kabinettschefin Petra Erler beim Bade- und Sonstwieurlaub in Litauen getan haben. Aber in den politischen Hinterzimmern Berlins wettet jeder darauf, dass Verheugen über den neuesten Schlenker dieser "Affäre" nicht stolpern wird. Ihn schützt die Machtbalance der Großen Koalition besser als jede Kugelweste. Angela Merkel will, dass der Genosse in Brüssel bleibt, denn mit seinem Rücktritt handelte sie sich nur Ärger ein: SPD-Chef Kurt Beck müsste einen Sozi als Nachfolger fordern. Die CDU/CSU wiederum würde lautstark intonieren, jetzt sei aber mal einer der Ihren dran - Peter Altmeier, ein CDU-Abgeordneter und Merkel-Vertrauter, scharrt schon mit den Hufen, ebenso der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Joachim Wuermeling (CSU), der ebenfalls gerne Brüsseler Luft atmen möchte. Doch die Kanzlerin stünde dabei vor einem Kraftakt ohnegleichen und dies zu Beginn der deutschen EU-Präsidentschaft. So einfach ist Politik zuweilen: Weil zwei sich nicht streiten wollen und dürfen, darf sich Verheugen freuen.

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In den Regierungsflugzeugen darf neuerdings nicht mehr geraucht werden. Das gilt selbst für Kabinettsschwergewichte wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Im Bundestag dagegen gilt Tabakkonsum immer noch als honorige Tätigkeit. Dort wurde diese Woche der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poß von der Tabakindustrie zum "Pfeifenraucher des Jahres 2006" gekürt und von SPD-Fraktionschef Peter Struck, trotz angeschlagener Gesundheit ebenfalls an der Pfeife hängend, mit reichlich Wortqualm gefeiert. Poß antwortete: "Ich kann mich herrlich bei einer Pfeife vom Alltagstress entspannen." Ob er auch im Bundestag für ein Rauchverbot stimmen wird, ließ die Pfeife des...äh...der Pfeifenraucher des Jahres offen. Struck hingegen macht dem Publikum keinen blauen Dunst mehr vor: Er ist gegen ein absolutes Rauchverbot in Gaststätten. Solche Abgeordnete braucht die Tabaklobby.

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Gründlich schief hängt bei der FDP der Weihnachtsfrieden. Ihr Parteimagazin "Elde" hat zwölf prominenten FDP-Politikern die Frage gestellt "Wie feiern Sie das Weihnachtsfest?" Seither sind die FDP-Frauen auf den höchsten Zinnen des Zorn. Irmgard Schwaetzer, Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes liberaler Frauen, beklagte in einem wütenden Brief an Parteichef Guido Westerwelle, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, auch ein paar profilierte FDP-Frauen zu befragen. Antwort auf die nahe liegende Frage, dass Guido ungern mit Frauen allein zu Haus ist, bekam sie nicht. Die bayerische Spitzenliberale Sabine Leutheuser-Schnarrenberger fand eine andere Erklärung für den frauenfeindlichen Akt: "Die männlichen Kollegen in der FDP demonstrieren die Arbeitsteilung von gestern. Am Heiligabend plant der Mann und die Frau darf es dann richten." Zuweilen sei es exakt so auch in der Politik.