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Bildung: Die Schicksalsfrage der Nation

Deutschland steckt alle Kraft in den Sozialstaat. Doch das reicht nicht. Geld zu verteilen schafft keine Gerechtigkeit. Sozialen Fortschritt gibt es nur, wenn wir endlich mehr Bildung wagen.

Von Walter Wüllenweber

Hurra! Die deutschen Schüler sind nicht mehr ganz so schlecht wie noch zu Beginn des Jahrtausends. Herzlichen Glückwunsch - liebe Eltern! Denn Sie - und nur Sie - haben das erreicht. Sie kümmerten sich intensiver um Ihre Kinder und legten bei Ihrer Unterstützungsarbeit eine Schippe drauf. Von dem Lob ausnehmen müssen wir ganz ausdrücklich jene, die sich in den vergangenen Tagen so ausgiebig selbst gefeiert haben: die Bildungsminister und -senatoren aller Parteien. Die Politiker haben in den vergangenen Jahren viel geredet und sich mit schicken Modellprojekten geschmückt. Doch das fundamentale Problem der Bildung in Deutschland haben sie bislang nicht ansatzweise angepackt.

Ungerechtigkeit bleibt das Markenzeichen des deutschen Bildungssystems. Für den Lernerfolg von Kindergartenkindern, von Schülern und auch von Studenten ist in Deutschland noch immer das Elternhaus entscheidend. Zu diesem Ergebnis kommt auch die allerneueste Pisa-Studie. Die gebildeten Eltern sorgen dafür, dass ihre Kinder lernen. Sie gleichen die Defizite der Schulen durch Engagement aus. Auf diese Weise haben sie für die weniger schlechten Pisa-Ergebnisse gesorgt. Eltern jedoch, die selbst mit dem Lernen Schwierigkeiten haben, sind dazu nicht in der Lage. Am schwersten fällt das Einwanderern. In keinem anderen Land produziert die Schule einen so großen Abstand zwischen Kindern von Migranten und von Einheimischen. Für die Guten läuft es also gut an der deutschen Schule. Doch wer Hilfe braucht, der bekommt sie nicht.

Die Gelegenheit, das Bildungssystem gründlich umzubauen, ist so günstig wie nie: Die Koalition ist nahezu beschäftigungslos, denn bis zur Wahl hat sie sich keine nennenswerten Reformziele mehr gesetzt. Zudem gibt es gegen größere Investitionen in die Bildung keinerlei Opposition. Und der Finanzminister berichtet von steigenden Einnahmen. Besser kann man die Konstellation nicht erfinden für den großen Aufbruch: Mehr Bildung wagen!

Die Länder geben rund zwei Milliarden Euro weniger für Bildung aus

Aber daraus wird nichts. Denn grundsätzliche Veränderungen trauen sich deutsche Bildungspolitiker grundsätzlich nicht zu. Das haben sie in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen. Wissenschaftler schätzen, dass jährlich bis zu 45 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden müssten, um zu den erfolgreichen Ländern aufzuschließen. Das wäre eine Steigerung um bis zu 60 Prozent. Doch die Länder geben seit 2001, seit dem Pisa-Schock, nicht mehr, sondern inflationsbereinigt rund zwei Milliarden Euro weniger für Bildung aus. Nicht genug für die Wissensgesellschaft. Darum schließen im OECD-Schnitt rund 32 Prozent der jungen Leute jedes Jahrgangs ein Studium ab. In Deutschland schaffen das gerade mal 20 Prozent. Und Professoren gibt es immer weniger. Zwischen 1995 und 2005 wurden 6,4 Prozent der Professuren gestrichen, in den Ingenieurwissenschaften sogar 13,3 Prozent. Und in der Bibliothek werden die Bücher knapp. Seit 2001 müssen die Uni-Bibliotheken mit zehn Prozent weniger Geld auskommen. FH-Bibliotheken können sich heute pro Student nur noch ein halbes Buch im Jahr leisten.

An den Schulen ist die finanzielle Situation katastrophal. Klassenräume werden fast prinzipiell von Eltern gestrichen. Fördervereine erbetteln jedes Jahr rund 100 Millionen Euro für die Renovierung der vor sich hin gammelnden Schulgebäude. 85 Prozent aller Schulen haben nicht mal eine Bibliothek. In fast allen anderen EULändern gehören Bibliotheken zu den Pflichtaufgaben des Staates und werden massiv ausgebaut. In Deutschland wird im Schnitt an jedem Werktag eine Bibliothek geschlossen. Seit Jahren. Raten Sie mal, welche Stadtteile besonders betroffen sind.

Sicher, das Geld entscheidet nicht allein über die Qualität eines Bildungssystems. Doch es zeigt, welchen Wert eine Gesellschaft dieser entscheidenden Zukunftsinvestition beimisst. Deutschland gibt weniger für Bildung aus als der Schnitt der OECD-Länder. Und das bereits seit 30 Jahren. Der Bildungsgeiz hat Tradition.

Bildung ist der sicherste Schutz vor Arbeitslosigkeit

Die Bildung hat in Deutschland einen mächtigen Konkurrenten: das Soziale. "Bildung für alle" - Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre einte dieses Ziel große Teile der Gesellschaft. Dann kam die erste Wirtschaftskrise der Bundesrepublik. Seitdem heißt es: Sozialknete für alle. Seit 1970 sind die öffentlichen Ausgaben für den Sozialstaat viereinhalbmal so stark gestiegen wie die für Bildung. Über Jahrzehnte hat die deutsche Politik versucht, alle Probleme mit Mitteln der Sozialpolitik zu lösen. Das war der falsche Weg. Gerechter ist Deutschland durch das Verteilen von Geld nicht geworden. Die Almosen vom Staat sind nur ein Schmerzmittel. Sie machen die Benachteiligung erträglich. Aber sie beseitigen sie nicht. Eine fundierte Bildung jedoch kann die Ungerechtigkeit wirksam bekämpfen. Sozial ist, was Bildung schafft.

In der Wissensgesellschaft ist die größte Gemeinheit, wenn man das Lernen nicht gelernt hat. Noch 1975 hatten Ungelernte eine Arbeitslosenquote von knapp über fünf Prozent, Akademiker knapp unter fünf Prozent. Heute ist die Arbeitslosenquote für Menschen ohne Ausbildung auf 26 Prozent emporgeschnellt. Und für Akademiker? Wie vor 32 Jahren liegt sie bei 4,1 Prozent. Ein Studium ist der sicherste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Die Geschichte von der Akademiker- Schwemme ist ein Märchen. Das Gegenteil stimmt. In Deutschland fehlen heute Hochschulabsolventen, massenweise, in den kommenden sieben Jahren allein rund 100.000 Ingenieure und 135 000 Naturwissenschaftler. Gleichzeitig werden die Chancen für Ungelernte von Jahr zu Jahr schlechter. Noch vor einer Generation reichte es, gesund und fleißig zu sein, um in der Gesellschaft mitzukommen. Wer nur das zu bieten hat, ist heute verurteilt zum Nichtstun.

Die Knäste sind voll von Menschen ohne Ausbildung

In den erfolgreichen Bildungsnationen schafft Bildung gerechtere Chancen. In Deutschland verstärkt das System die Klassenunterschiede. Warum? Will man einen kniffligen Fall lösen, hilft oft die alte Krimi-Methode: Folge dem Geld. Die Gymnasien werden im internationalen Vergleich ordentlich finanziert. Ergebnis: Die Gymnasiasten schneiden bei Pisa ordentlich ab. Die finanzielle Ausstattung vor allem der Hauptschulen ist im internationalen Vergleich ungenügend. Ergebnis: Ein Fünftel der 15-Jährigen kann nicht richtig lesen und nur ansatzweise rechnen. Von denen, die es zu einer Lehrstelle schaffen, bricht rund ein Viertel die Ausbildung wieder ab. Studenten sind da übrigens nicht besser: Abbrecherquote 25 Prozent. Bei der Produktion von Bildungsaussteigern und Bildungsversagern gehört Deutschland zur internationalen Spitzengruppe.

Aber macht nichts. Für die Millionen Chancenlosen haben wir ein enges soziales Netz geknüpft. So unterstützt der Staat die Klassengesellschaft: Für die da oben gibt es Bildung, für die da unten den Sozialstaat. Am deutlichsten wird das bei den Einwanderern. "Was die Bildung der Migranten angeht, betreiben wir eine suizidale Politik", sagt Professor Klaus Bade, der Altvater der deutschen Migrationsforscher. Rund 40 Prozent der unter 25-Jährigen mit Migrationshintergrund erreichen keinen Berufsabschluss. Nur wenige westliche Länder haben so gravierende Probleme bei der Integration von Einwanderern. Und nur wenige zahlen ihnen so hohe Sozialtransfers. Deutschland hat nicht versucht, Migranten in unser Bildungssystem zu integrieren, sondern in unser soziales Sicherungssystem. Hat geklappt. Da sind sie angekommen, im Sozialstaat. Doch in der Gesellschaft blieben sie Fremde, Menschen mit Migrations-Vordergrund.

Aus den besseren Vierteln hört man sie einwenden: "Aber es können nun mal nicht alle aufs Gymnasium gehen und studieren. Es muss auch welche geben, die die einfache Arbeit machen." Was für ein Quatsch! In den meisten skandinavischen Ländern, in Australien oder in Island studieren etwa doppelt so viele wie bei uns. Sind die alle schlauer? Bleibt bei denen der Müll liegen? Nein, dort gibt es Vollbeschäftigung und kräftiges Wirtschaftswachstum. Und dort gibt es einen hohen Anteil der Studierenden aus unteren sozialen Schichten. Bei uns ist er seit 2000 um ein Drittel gesunken. Das ganze Geschwafel, man müsse sich eben damit abfinden, dass nicht jeder ein Einstein sei, ist nichts anderes als Standesdünkel, getarnt als Verständnis für Benachteiligte. Denn wer in Deutschland oben und wer unten ist, das entscheidet zuerst die Bildung. Dieses Privileg wollen viele nicht teilen. Dann schon lieber die Sozialtransfers erhöhen, damit Ruhe herrscht. Sozialknete ist ungefährlich. Sie verkleinert die gesellschaftliche Spaltung um keinen Millimeter. Lieber Geld teilen als Bildung.

In der Politik spiegelt sich die alles überragende Bedeutung der Bildung nicht wider. Das sieht man schon am Personal. Bildungspolitiker sind keine Polit-Promis, keine Alphatiere, die ihre Sache durchkämpfen. "Bildungsminister sind so etwas wie Poeten, die man sich leistet, auf die man aber nicht hört", sagt Jan-Hendrik Olbertz. Er muss es wissen. Er ist Bildungsminister in Sachsen- Anhalt.

Bildung ist die nationale Schicksalsfrage

Bei der Föderalismusreform hat der Bund großzügig auf alle Kompetenzen in der Bildungspolitik verzichtet. Politisch gesehen ist Bildung damit keine Frage von nationaler Bedeutung mehr. In der Realität dagegen schon. Hört sich pathetisch an, ist aber wahr: Bildung ist die nationale Schicksalsfrage. Und das bei Weitem nicht nur ökonomisch. Alle großen gesellschaftspolitischen Probleme haben eine starke Verbindung zu Versäumnissen bei der Bildung. Oft sind sie sogar die Ursache. Und meistens ist Bildung die wirksamste Methode, die Probleme zu lösen.

  • Bildung schützt vor Rechtsextremismus. Junge Männer mit Hauptschulabschluss denken fast fünfmal so häufig rechtsextrem wie Gleichaltrige mit Abitur.
  • Bildung klärt auf. Das Risiko, schwanger zu werden, ist für Hauptschülerinnen fünfmal so hoch wie für Mädchen im Gymnasium.
  • Bildung ist Suchtprävention. Unter Suchtkranken sind nur wenige Menschen mit Abitur, nicht mal halb so viele wie im Schnitt der Gesellschaft.
  • Bildung schützt vor medialer Verwahrlosung. Hauptschüler verbringen viel mehr Zeit vor der Glotze und spielen mehr als doppelt so oft verbotene oder indizierte Computerspiele wie Gymnasiasten.
  • Bildung ist Kriminalitätsprävention. Die Knäste sind voll von Menschen ohne Ausbildung. Einer Studie zufolge sind die jugendlichen Intensivtäter in Berlin zu 90 Prozent Sonderschüler oder Hauptschüler. Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat in einer
  • Befragung von 15-jährigen Jugendlichen herausgefunden: Hauptschüler begehen dreimal so häufig Gewalttaten wie Gymnasiasten. Mehrfachgewalttäter: viermal so häufig. Diebstahl: fünfmal so häufig.
  • Bildung hält gesund. Frauen mit niedrigem Bildungsniveau sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen mit Abitur oder Hochschulabschluss. Bei Männern beträgt der Abstand sogar sechs Jahre. "Für die Gesundheit hat die Bildung die absolute Schlüsselrolle", sagt Thomas Lampert vom Robert Koch Institut in Berlin. Das Institut weist nach: Erwachsene mit niedrigem Bildungsniveau rauchen etwa doppelt so viel. Sie treiben weniger Sport und essen mehr Fast Food. Darum haben sie doppelt so häufig Übergewicht. Das hat Folgen. Erwachsene mit Hauptschulabschluss sind etwa doppelt so häufig chronisch krank wie Abiturienten: Herzinfarkt, Schlaganfall, Angina pectoris, Diabetes.

Wirklich wirksam ist Bildung natürlich nur, wenn damit nicht lediglich reines Datenlernen gemeint ist. Es reicht nicht zu wissen, wie lange der Dreißigjährige Krieg dauerte. Die Bildung der Persönlichkeit heißt in unserer Sprache Erziehung. Die meisten anderen Sprachen unterscheiden da nicht. Den Satz des Pythagoras büffeln oder wie man sich gesund ernährt - für Engländer ist das alles "education". Und weil sie nicht unterscheiden, haben sie auch kein Problem damit, wenn die Schule erzieht oder wenn der Kindergarten bildet. In Deutschland ist das streng getrennt: Eltern erziehen, Schule bildet.

Am Kindergarten wird geknausert

Und was macht der Kindergarten? Basteln. Ob die Kinder im Kindergarten gefördert werden, hängt vom Zufall ab, von der einzelnen Kindergärtnerin. Die müssen in Deutschland nicht studieren, wie es in den allermeisten EU-Ländern Standard ist. Das Kindergartenpersonal ist nicht nur unzureichend ausgebildet, es gibt auch viel zu wenige Betreuer. Die EU empfiehlt höchstens acht Kinder pro Erzieher. In Deutschland sind es im Schnitt 24. Das macht den Kindergarten billig. Ganze elf Milliarden Euro gibt der Staat dafür aus. Allein das Wohngeld für Hartz-IV-Empfänger kostet die Steuerzahler 13,7 Milliarden Euro. Bei der Bildung knausern wir, bei der Finanzierung der Folgen mangelnder Bildung sind wir großzügig.

Sozialstaat ist Nachsorge. Bildung ist Vorsorge. "Wir investieren zurzeit fast alles in die Nachsorge. In einen Sozialstaat, der versucht, die Kinder aus dem Brunnen zu fischen, in den er sie hat fallen lassen", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Um aus den Kindergärten Bildungseinrichtungen zu machen, müsste der Staat seine Investitionen in die frühkindliche Erziehung verdoppeln. Die Bildungsforscher sind sich einig: Diese Investition hat von allen die höchste Priorität.

Verdoppelung?, werden die Politiker stöhnen. Naiv, unrealistisch, vergesst es! Doch der Staat nimmt 2007 an Steuern etwa 50 Milliarden Euro mehr ein als 2006. So richtig hatte niemand damit gerechnet, ein unverhoffter Geldsegen. Was wäre, wenn wir genau das mit dem Geld machen würden, was in den Parteitagsreden gefordert, in den Wahlkampfreden versprochen und in den Regierungserklärungen behauptet wird: Wenn wir das Geld in die Zukunft investieren würden, in das Bildungswesen?

Man wird ja noch träumen dürfen.

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