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Bundespräsident Gauck in Indien "Sie sind das Volk!"


Bundespräsident Gauck auf schwieriger Mission: In Indien trifft er auf enormes Selbstbewußtsein, aber auch auf das unvorstellbare Leid der Frauen. Und er findet abermals die richtigen Worte.
Von Jens König, Delhi

Kann das gut gehen? Als deutscher Staatspräsident die größte Demokratie der Welt zu besuchen, ihr Respekt zu erweisen, ihre Fortschritte zu loben - und gleichzeitig ihre demokratischen Defizite anzusprechen? Joachim Gauck versucht sich gerade an dieser nicht ganz einfachen diplomatischen Aufgabe. Seit Dienstag ist er auf Staatsbesuch in Indien, einem riesigen Land voller radikaler Gegensätze: Armenhaus und Atomstaat, uralte Traditionen und Hochtechnologien, Gandhi und Gates, fast 1,3 Milliarden Einwohner, ein wichtiger Handelspartner Deutschlands. Aber eben auch eine aufstrebende Weltmacht mit enormem Selbstbewusstsein, die nicht gerade darauf wartet, von einer Mittelmacht der alten Welt kritisiert oder gar belehrt zu werden.

"Bei aller Bescheidenheit", sagt Gauck, "wir erteilen hier keine Ratschläge. Aber wir werden zu den Problem, die es in diesem Land gibt, auch nicht schweigen, nur weil wir aus dem Westen kommen und man uns das als Arroganz auslegen könnte."

Das Leid der Frauen

Wumms. Das sind nicht gerade typische Staatspräsidentensätze. Gauck sitzt in einem Restaurant des Hotels Taj Mahal in Delhi, draußen die 18-Millionen-Metropole unter einer Smogwolke, drinnen acht indische Bürgerrechtler, vor allem Frauen, Anwältinnen, Schauspielerinnen, Gewerkschafterinnen. Sie reden mit Gauck offen über die Probleme des Landes, vor allem die der Frauen. Das Thema liegt ihm am Herzen. Er hat sich in Vorbereitung seines ersten Indienbesuchs ausführlich damit beschäftigt. Er hat im Fernsehen einen Film über Frauenschicksale in Indien gesehen, bei dem es ihm die Sprache verschlug. Er erfuhr von grausamer Gewalt, von Vergewaltigungen, Zwangsheiraten, getöteten Babys.

All das hört Gauck jetzt noch einmal, ausführlich, von indischen Aktivistinnen, die seit Jahren dagegen kämpfen, nicht erst seit der Westen vor ein paar Monaten aufgeschreckt ist durch ein paar besonders grausame Fälle von Massenvergewaltigungen. Er erfährt, dass Frauen in Indien täglich misshandelt werden. Alle 21 Minuten wird die Vergewaltigung einer Frau gemeldet; die Dunkelziffer ist sogar noch um ein Vielfaches höher. Junge Frauen werden zwangsverheiratet. Weibliche Föten werden massenhaft abgetrieben - rund 7.000 am Tag.

Mädchen in Indien gelten gemäß der hinduistischen Tradition als Last, weil die Familie ihrem Bräutigam Brautgeld Zahlen muss. "Unsere Gesellschaft ist tief gespalten", sagt die Schauspielerin und Frauenaktivistin Shabana Azmi. "Die einen leben im 21. Jahrhundert, die anderen im 19. oder sogar noch im 18. Jahrhundert."

"Auf die Machtlosen hören"

Gauck ist begeistert von der Offenheit der Frauen, vor allem aber von ihrer Energie, trotz der deprimierenden Lage und der Dimension der Probleme in diesem Milliarden-Staat Projekte auf die Beine zu stellen: von anwaltlicher Beratung für Opfer, über Aufklärung in Schulen, bis hin zu Hilfen für arme Frauen, damit diese ein selbstbestimmtes Leben führen können. Gaucks Augen leuchten. In solchen Momenten fühlt sich der Präsident wieder als Bürgerrechtler, der er früher, in der DDR, selbst einmal war.

Und dann haut er einen echten Gauck raus: ein paar emotionale, ganz und gar undiplomatische Sätze, die der indische Premierminister Manmohan Singh, sein Gesprächspartner vom Vortag, bestimmt nicht gern gehört hätte. Gauck hält eine fünfminütige Eloge auf die bürgerliche Zivilgesellschaft, die hier in Gestalt der acht Aktivisten vor ihm sitzt, die in seiner politischen Gedankenwelt aber sowieso zu Hause ist. "Wir müssen auf die hören, die noch nicht an der Macht sind, die aber gerade deswegen offen und freimütig über die Probleme reden", sagt er. "Sie bahnen die Wege, die später die offizielle Politik beschreitet."

Der "deutsche Mandela"

Das ist nicht ganz zufällig eine Kurzzusammenfassung der politischen Vita des Joachim Gauck durch Joachim Gauck. Klar, dass ihm da im Hotel Taj Mahal in Delhi das Jahr 1989 in Leipzig in den Sinn kommt. "Sie sind das Volk!", ruft er den Bürgerrechtlern zu. Sie lächeln, sie klatschen, sie sind berührt.

Bei jedem anderen Präsidenten wären diese großen, schweren Sätze als politischer Kitsch durchgegangen. Gauck steht mit seinem Lebenslauf für ihre Glaubwürdigkeit ein. Das haben die indischen Bürgerrechtler genau registriert. Die Anwältin Karuna Nundy steht nach dem Treffen vor der Tür und sagt, es gebe nicht viele Präsidenten auf der Welt, die so eine Widerstandsbiografie haben wie Gauck und es an die Spitze eines demokratischen Staates geschafft haben. Auf Twitter hatte Nundy ein paar Stunden zuvor ein Porträt gepostet, in dem Gauck als "deutscher Mandela" bezeichnet wird.

Ein listiger Hinweis

Gauck weiß, dass die Bürgerrechtler nur einen kleinen Teil der indischen Gesellschaft repräsentieren. Er hat registriert, dass am Rande seiner Empfänge nicht wenige Inder sagten, der Westen habe seine Menschenrechte, Indien jedoch seine eigenen. Und außerdem habe das Land größere Problem als die Frauenrechte. Gauck hält das zwar für falsch, aber er hat gerade angesichts dieses schier überbordenden indischen Selbstbewusstseins in vielen Gesprächen diplomatische Zurückhaltung geübt. Da war er ganz Bundespräsident in offizieller Mission. Er sprach mit großem "Respekt" von den großen Leistungen des Landes, lobte Indien als "lebendige Demokratie" und registrierte ein "sehr feines Gespür" der Inder, "wenn im Namen von Werten anderen Ländern der eigene Wille aufgezwungen werden soll".

Gauck beherrscht seine Rollen. Bürger und Präsident. Er kann ohne große Probleme von einer in die andere schlüpfen. Stunden nach seinem Treffen mit den Bürgerrechtlern hält er vor Hunderten von Studenten an der Nehru-Universität in Delhi eine Rede. Auch hier geht es wieder um Demokratie. Er lobt die vielfältige Zivilgesellschaft in Indien, die kritischen Medien, die harten öffentlichen Debatten. Und dann fordert er die Studenten listig dazu auf, sich diese Offenheit von niemandem verbieten zu lassen. Diese Offenheit habe nämlich Feinde, die "im Namen von kulturellen und religiösen Traditionen" Debatten über Veränderungen ersticken wolle. Einige gucken verwundert. "Dissens und kritische Diskussionen gehören zu einer Demokratie dazu", sagt Gauck. "Das ist nun mal so."

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