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Bundespräsidentenkandidatin der Linken Beate Klarsfeld hat einen Orden verdient


Nazijägerin Beate Klarsfeld wurde bei der Präsidentenwahl von den Konservativen schäbig behandelt. Sie hat für die Bundesrepublik mehr geleistet als viele Politiker. Gebt ihr das Verdienstkreuz!
Von Hans Peter Schütz

Die Stimmen, die Beate Klarsfeld in der Bundesversammlung bekommen hat, sind keine verschenkten Stimmen gewesen. Sie ehren eine Kandidatin für das höchste Staatsamt der Republik. Klarsfeld hat sie sich durch ihr persönliches politisches Lebenswerk mehr verdient als manche Kandidaten früherer Präsidentschaftswahlen, die am Ende sogar im Schlosse Bellevue einziehen durften.

Die CSU nannte Beate Klarsfeld dieser Tage eine "SED-Marionette", eine "DDR-Helfershelferin". Die Ohrfeige, die sie Kanzler Kiesinger einst gegeben hat, sei eine Ohrfeige für alle "Demokraten in unserem Land" gewesen.

Beschämend und blamabel

Was für eine beschämend blamable Argumentation! Denn die eher symbolische Wirkung dieser Ohrfeige hat für die Bundesrepublik mehr positives Ansehen in der Welt bewirkt als die allermeisten Aktionen jener Deutschen, die sich bisher mit dem Bundesverdienstkreuz schmücken durften. Ihre Ohrfeige war eine politische Botschaft gegen die deutsche Halbherzigkeit und Verlogenheit bei der Bewältigung der Nazi-Vergangenheit. Wer Klarsfeld heute "SED-Werkzeug" nennt, müsste im Sinne dieser Logik die zahlreichen Nazis im Staatsdienst der Bundesrepublik nachträglich "NS-Werkzeuge" nennen - etwa den Staatssekretär in Adenauers Kanzleramt, Hans Globke, zuvor Chef-Kommentator der Nürnberger Rassengesetze. Er war nur ein Vertreter von vielen unbelehrbaren Nazi-Sympathisanten und Hitler-Helfern im Dienst der deutschen Demokratie nach dem Krieg. An der Vertuschung und Verdrängung der Nazi-Vergangenheit vieler Staatsdiener waren vor allem jene Parteien besonders aktiv beteiligt, die sich jetzt mit giftiger Empörung auf eine Beate Klarsfeld gestürzt haben - die CDU/CSU und die FDP.

Verschwiegen wird, dass sich die damals von diesen Parteien regierte Bundesrepublik nicht schämte, sich der Dienste des Gestapo-Führers Klaus Barbie, des "Schlächters von Lyon", als Agent für den Bundesnachrichtendienst zu bedienen. Und ein Kurt Lischka, der verantwortlich gewesen war für den Transport von 76.000 Juden aus Frankreich in die deutschen Vernichtungslager, durfte unbehelligt von der deutschen Justiz in Köln leben.

Wer jetzt als Vergehen anprangert, dass Klarsfeld bei ihrer Suche nach Altnazis sich von der DDR unterstützen ließ, muss sich die Frage gefallen lassen: Sind nicht jene Politiker krimineller und verantwortungsloser mit der deutschen Vergangenheit umgegangen, die den schlimmsten Kriegsverbrechern das Abtauchen ermöglichten? Die sich eines Barbies als Staatshelfer bedienten, der zuvor nackte Frauen zum Verkehr mit Hunden gezwungen hatte? Und im Fall Lischka mit frommer rechtspolitischer Unschuldmiene erklärt hatten, leider lasse die Rechtslage keine Auslieferung zu.

Wiedergutmachung ist überfällig

Es war Beate Klarsfeld, die ihr persönliches Leben in den Dienst eines Kampfes gegen diese schamlose Verlogenheit bei der Bewältigung der NS-Vergangenheit gestellt hat. Dass dies auch mit Hilfe einer DDR geschah, in deren System ebenfalls zehntausende NSDAP-Mitglieder Unterschlupf fanden, mindert den Wert dieses Engagements nicht. Wir, die Bundesrepublik, haben Alt-Nazis in Ministerien gehievt. Die neue Demokratie wurde missbraucht, um eindeutige Mitträger des Hitler-Systems wieder in neue, hohe Staatsämter zu drücken. Unterm Strich dieser Aktionen der Nachkriegszeit steht eine Relativierung des Holocausts.

Die Ohrfeige gegen Kiesinger, Beate Klarsfelds Mithilfe bei der Jagd nach Lischka und Barbie, hat dem Ansehen der Bundesrepublik weltweit gedient. Dennoch wurde ihr zweimal die Anerkennung eines Bundesverdienstkreuzes verweigert. Es wäre ein überfälliger Akt der Wiedergutmachung, wenn der neue Bundespräsident Gauck ihr das Verdienstkreuz nachträglich verleihen würde. Die Kiesingers und Globkes durften sich schließlich sogar mit dem Großkreuz des Verdienstordens schmücken.

Ein Akt der Wiedergutmachung an Beate Klarsfeld ist überfällig.


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