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Bundestag Das neue deutsche Oberhaus


Im neuen deutschen Bundestag ist jeder vierte Abgeordnete Jurist. Arbeiter, Handwerker und einfache Angestellte sind dagegen kaum mehr vertreten. Wenn aber fast nur noch Akademiker im Bundestag sitzen: Wer versteht dann noch die Probleme der einfachen Menschen?
Ein Kommentar von Sebastian Christ

Deutschland wird von Juristen regiert. Und das ist nicht sonderlich beruhigend. Würden sich alle Rechtswissenschaftler im Bundestag zu einer Fraktion zusammenschließen, stellten sie zusammen beinahe so viele Abgeordnete wie die SPD. Insgesamt 143 der 622 Abgeordneten haben ein Jura-Studium absolviert. Sie sind die mit 22 Prozent die größte Berufsgruppe im neuen Bundestag.

Noch drei Fakten: 124 Abgeordnete haben einen Doktortitel. In den vergangenen 15 Jahren ist der Anteil von Abgeordneten ohne Abitur um etwa 50 Prozent gesunken. Und nur noch zwölf Arbeiter und Handwerker sitzen im neuen Bundestag. Das deutsche Parlament ist auf dem Weg, ein bundesrepublikanisches Oberhaus zu werden. Es ist so offensichtlich wie noch nie: Formelle Schulbildung entscheidet auch über den politischen Erfolg. Und das in einem Land, in dem die sozialen Aufstiegschancen immer geringer werden.

Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, dass Deutschland jetzt eine ostdeutsche Kanzlerin und einen schwulen Außenminister hat - an der Spitze der Gesellschaft herrscht immer mehr Eintönigkeit. Der Trend geht zur Selbstreproduktion der Eliten. Und genau deshalb fehlen dem Land auch die so oft von Nachwuchspolitikern zitierten "frischen Ideen". Wenn man Sohn eines Juristen ist und Jura studiert, und dann nach noch in einem Parteivorstand voller Juristen Karriere macht, ist es eher unwahrscheinlich, dass man dieses Land von einem anderen Blickwinkel als dem eines Juristen aus sehen lernt.

Den Volksparteien bröckelt die Basis weg

Das ist besonders fatal für die Volksparteien. Als erstes hat es die SPD erwischt, die ehemalige Arbeiterpartei, in die Anfang der 70er Jahre hunderttausende junge Akademiker eingetreten sind - während die Wählerbasis noch in den 90er Jahren mehrheitlich aus Angestellten und Malochern bestand. SPD und Sympathisanten sind sich unter anderem auch deswegen fremd geworden, weil die zur Studenten - und Beamtenpartei mutierte Sozialdemokratie keinen Zugang mehr zum Proletariat des 21. Jahrhunderts gefunden hat. Die Welt des Lehrers ist zu weit von der des Hartz-IV-Empfängers entfernt.

Ähnlich könnte es bald der Union ergehen. In den vergangenen 20 Jahren haben liberal denkende Kräfte die Wirtschaftspolitik der Partei übernommen. Zwar wurden sie in der vergangenen Legislaturperiode durch eine pragmatisch und machtpolitisch agierende Kanzlerin gebremst. Doch besonders in der jüngsten Generation von CDU-Politikern gibt es kaum mehr engagierte Sozialpolitiker. Die Rufe nach dem freien Markt gehören zu Veranstaltungen der Jungen Union genauso dazu wie die BMW-Schlüssel auf dem Tagungstisch. Und das in einer Partei, die in weiten Teilen der Republik noch von Bauern und einfachen Angestellten gewählt wird.

Keine Parteikarriere ohne höhere Bildung

Das Auseinanderdriften der sozialen Schichten in Deutschland ist daher längst in den Mitgliederstatistiken der Volksparteien angekommen. Eher praktisch begabte Menschen kommen nicht mehr mit den Verhaltensregeln klar, die in einer Partei von rhetorisch geschulten Akademikern gemacht werden. Anders gesagt: Ein Herbert Wehner hätte mit seinem schnodderigen Tonfall auch deswegen heute keine Chance mehr, weil ihn die geschliffen argumentierenden Jungsozialisten schon ab der ersten Parteiversammlung ausgelacht hätten.

Doch gerade die Volksparteien leben von der Illusion, dass unter ihrem Dach jeder ein Zuhause finden kann - egal ob arm oder reich. Dass Union und SPD kaum mehr in der Lage sind, auch Menschen ohne höhere Bildung eine Karriere zu ermöglichen, ist besorgniserregend. Der Prozess ist jedoch nicht unumkehrbar. Vielleicht würde es schon reichen, Parteihierarchien flacher zu gestalten. Basisdemokratische Elemente helfen auch jenen, die nicht schon mit 20 beim RCDS gelernt haben, Mehrheiten zu organisieren.

Und dass jetzt fast jeder vierte Abgeordnete Jurist ist, bedeutet noch nicht zwangsläufig Kommunikationsprobleme mit der einfachen Bevölkerung. Und dennoch stehen die ins Parlament gewählten Eliten in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen den Menschen zuhören, den Kontakt halten. Verstehen wollen, statt alles schon verstanden haben zu meinen. Denn sonst war die historisch niedrige Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 nur der Anfang eines sehr schmerzhaften Umbruchs.


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