Bundeswehr-Affäre Erstes Geständnis abgelegt


Bei den Ermittlungen über die Misshandlungsvorwürfe in einer westfälischen Kaserne hat es offenbar ein erstes Geständnis gegeben. Hunderte Soldaten könnten von den Folterungen gewusst haben.

In der Affäre um Misshandlungen von Rekruten bei der Bundeswehr hat ein Beschuldigter einem Zeitungsbericht zufolge gestanden.

Der Unteroffizier habe eingeräumt, Rekruten mit Stromstößen aus einem Feldfernsprecher gequält zu haben, berichtete die "Bild"-Zeitung. "Er bereut sehr, was er getan hat", zitierte die Zeitung den Anwalt des 26-Jährigen. Insgesamt wird gegen 21 Offiziere und Unteroffiziere ermittelt, die vom Dienst suspendiert sind. Nach Angaben des Bundeswehrverbandes drohe den Beschuldigten der Ausschluss aus der Bundeswehr, berichtete das Blatt.

Versuch einer "kriegsnahen Ausbildung"

Verteidigungsminister Peter Struck wird heute den Verteidigungsausschuss des Bundestages über die Misshandlungen von Rekruten informieren. Der SPD-Politiker hat bereits Konsequenzen für alle Verantwortlichen des Skandals angekündigt.

Nach Angaben des Vorsitzenden des Bundeswehr-Verbandes, Bernhard Gertz, waren von den Misshandlungen vermutlich "in fast keinem Fall" Grundwehrdienstleistende mit einer neunmonatigen Ausbildungszeit betroffen. Gertz sagten den "Stuttgarter Nachrichten": "Das waren weit überwiegend Zeitsoldaten und freiwillig länger Dienende, zum Teil auch Offiziersanwärter."

Ähnlich äußerte sich Gertz in der Zeitung "Die Welt". Diese Soldaten gingen regelmäßig in Auslandseinsätze, sagte er. Er halte den Verantwortlichen zugute, dass sie nicht sadistische Neigungen ausleben, sondern kriegsnahe Ausbildung machen wollten. Dabei hätten sie verkannt, dass das in der allgemeinen militärischen Grundausbildung nicht vorgesehen sei und dass sie sich in der Wahl der Mittel katastrophal vergriffen hätten.

Sorge über das Schweigen der Soldaten

Der Sprecher der bundeswehrkritischen Offiziersvereinigung "Arbeitskreis Darmstädter Signal", Helmuth Prieß, sagte der "Berliner Zeitung", mit der Einstufung der Vorgänge als Einzelfall und der Ankündigung harter Strafen mache man es sich zu leicht. "Es müssen mehrere hundert Soldaten gewesen sein, die vor der zufälligen Aufdeckung des Skandals beim Gespräch in Kantinen und in Gemeinschaftsräumen auch an anderen Standorten davon erfahren und nichts gesagt haben", sagte der frühere Oberstleutnant.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, sagte der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung": "Es macht mir Sorgen, dass sich da niemand beschwert hat." Dennoch handele es sich um einen Einzelfall. Die Bundeswehr sei in der Lage, mit solchen Problemen fertig zu werden. Das Ministerium habe sehr konsequent gehandelt.

DPA/Reuters DPA Reuters

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