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Bundeswehr in Afghanistan: "Sie lachen dich an und schießen dir in den Rücken"

Soldaten der Bundeswehr haben in Afghanistan Leben gerettet. Drei der Fallschirmjäger, die dafür als Erste das neue "Ehrenkreuz für Tapferkeit" erhielten, sprechen im stern über dramatische Stunden in Kundus, den Sinn von militärischen Orden und die Angst im Einsatz.

Von Dorit Kowitz

Sie finden es richtig, dass der Bundesverteidigungsminister endlich von "Gefallenen" spricht. Sie sind überrascht, dass ein gerettetes Leben manchen Afghanen so wenig zählt. Und sie wünschen sich, sehr, endlich mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit in Deutschland für den lebensgefährlichen Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch: Drei der vier Fallschirmjäger, die Anfang Juli als erste das neue "Ehrenkreuz für Tapferkeit" erhalten haben, sprechen im aktuellen stern erstmals ausführlich über ihren dramatischen Einsatz, für den sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgezeichnet wurden.

Das neue Ehrenkreuz ist jedoch politisch umstritten. "Mich stört, dass manche ihre Kritik daran nicht von dem trennen können, was wir geleistet haben", sagt Hauptfeldwebel Alexander Dietzen (33) im stern. Dietzen sowie seine Kameraden Henry Lukács (28), Markus Geist und Jan Berges (beide 29) hatten am 20. Oktober 2008 versucht, unter Einsatz ihres Lebens afghanische Kinder und Bundeswehrkameraden nach einem Selbstmordattentat nahe Kundus zu retten. Während der Aktion war noch eine Stunde lang gefährliche Splittermunition detoniert, die im Umkreis von 25 Metern tödlich sein kann. Zwei deutsche Soldaten im Alter von 22 und 25 Jahren sowie fünf Kinder waren bei dem Anschlag getötet worden.

Angst und Pflicht

Wie sie es geschafft haben, die Gefahr für ihr Leben auszublenden, wüssten sie nicht mehr, sagen die Soldaten. "Wir dachten einfach", erinnert sich Dietzen, "wir können unseren Kameraden nicht da liegen lassen". Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland seien sie jedoch nervöser gewesen als je zuvor. Jeder geplatzte Reifen haben sie zusammen zucken lassen. Als Silvester geböllert wurde, habe er gedacht, "ich muss in den Bunker", sagt Berges.

Kritiker sehen das neue Ehrenkreuz in unseliger Tradition zum Eisernen Kreuz, einem Orden, der in den vergangenen 200 Jahren in diversen Kriegen von Feldherren an deutsche Militärs verliehen worden ist, zuletzt von Adolf Hitler an Wehrmachtssoldaten. Andere erkennen darin das verbrämte Eingeständnis, dass die Bundeswehr längst nicht mehr nur zur Landesverteidigung oder dem Schutz des so genannten "Nation Building" in Afghanistan eingesetzt wird, sondern regelrecht in einen Krieg verwickelt ist. Übers Kriegsvölkerrecht müssten sich Politiker Gedanken machen, sagt Feldwebel Lukács dazu. Aber: "In einem Krieg sind die Kombattanten klar zu erkennen. Die Taliban aber kommen daher wie normale Bauern, lachen dich an und schießen dir dann von hinten in den Rücken."

Überraschende Reaktionen

Den vier Soldaten des Fallschirmjägerbataillons aus Zweibrücken gelang es während ihres Einsatzes, ein afghanisches Mädchen zu retten. Es wurde nachher in der Krankenstation des Feldlagers Kundus versorgt. "Überrascht", sagt Jan Berges, habe sie aber die Reaktion des Kindes und seines Vaters während eines Krankenbesuchs in den Tagen danach. Der Vater habe nur gesagt, "Inschallah": Es sei Gottes Wille, das seine Tochter nicht gestorben sei. "Da ist diese Undankbarkeit", sagt Henry Lukács.

Erfolgserlebnisse dagegen hätten sie während ihres dreimonatigen Einsatzes gehabt, wenn es ihnen gelungen war, feindliche Stellungen und Waffenlager auszuheben. "Jede Granate und jeder Panzerfaust weniger", die auf die internationale Schutztruppe Isaf gerichtet sind, sagt Berges, schützten die Mission.

Kritik übten die drei Soldaten an der mangelnden Unterstützung der Deutschen für den Auslandseinsatz der Bundeswehr. Jeder, der rufe "Raus aus Afghanistan", biete "nur Futter für die Jungs, die uns dort angreifen". Während die US-Amerikaner zu ihren Truppen stünden, klagt Lukács, seien die eigenen Landsleute nur dann patriotisch, "wenn Deutschland Fußball spielt". Insofern sei ein "militärischer Orden für einen militärischen Einsatz" richtig und die Verleihung durch die Kanzlerin ein "gutes Zeichen" gewesen.

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