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Pressestimmen

Deutschkenntnisse in der Grundschule: CDU-Politiker Linnemann "nutzt bewusst eine Rhetorik der Ausgrenzung"

Sollte die Einschulung zurückgestellt werden, weil die Deutschkenntnisse nicht ausreichen? Der Vorschlag von Unionsfraktionschef Carsten Linnemann sorgt für Diskussionen. Die Pressestimmen.

CDU-Politiker Carsten Linnemann hat für viel Diskussionsstoff gesorgt

CDU-Politiker Carsten Linnemann hat für viel Diskussionsstoff gesorgt

DPA

In der deutschen Innenpolitik ist ein Streit darüber entbrannt, wie unser Bildungssystem mit Kindern umgehen sollte, die nicht ausreichend Deutsch sprechen. Der stellvertretende Unionsfraktionschef Carsten Linnemann schlug in der "Rheinischen Post" vor, die Einschulung von Kindern, die kaum Deutsch sprechen, zu verschieben – und erntete teils harsche Kritik, vor allem vom politischen Gegner. So kommentieren Medien den viel diskutierten Vorstoß Linnemanns.

Sollte das Schule machen? Das Medienecho zum umstrittenen Vorstoß von CDU-Politiker Linnemann

"Welt": "Linnemann hat keineswegs, wie ihm unterstellt wird, vorgeschlagen, Sechsjährige zu bestrafen. Er will eine intensive Förderung in einer verpflichtenden Vorschule, sodass die Kinder später besser gerüstet am Regelschulunterricht teilnehmen können. Wer das für ausländerfeindlich hält, sollte sich anschauen, wie das Einwanderungsland Kanada seine hervorragenden Integrationsergebnisse erzielt. Dort kommen Kinder, die des Englischen beziehungsweise Französischen noch nicht mächtig sind, zunächst in spezielle Einrichtungen, in denen der Spracherwerb höchste Priorität hat. Spätestens nach einem Jahr geht es an eine Regelschule. Dass auch dort der Ausländeranteil oft hoch ist, spielt dann überhaupt keine Rolle, denn alle Schüler können dem Unterricht ohne sprachliche Schwierigkeiten folgen."

"Straubinger Tagblatt": "Nichts ist daran falsch, bessere Sprachkenntnisse bei Schulanfängern zu fordern. In der Sache hätte es dazu aber auch andere, lohnendere und praxisgerechtere Ansatzpunkte gegeben. Eine Debatte, wie bestehende Angebote - vor und nach der Einschulung - verbessert, verzahnt und ausgebaut werden können, hätte allen wohl weit mehr gebracht als diese aufgeblasene Scheindebatte um politischen Stil."

"Frankfurter Rundschau": "Wer die heutigen Probleme an den Schulen auf die jüngste Zuwanderung reduziert, ignoriert die eigene Rolle dabei. Da die Union seit gefühlt immer in Regierungsverantwortung ist, müsste Linnemann sich fragen, welchen Anteil seine Partei daran hat. Lange haben vom Deutsch-Förderunterricht fast nur jene profitiert, die als 'deutsch' galten - also Spätaussiedler. Andere, zum Beispiel die Kinder aus Gastarbeiterfamilien, wurden nicht gefördert. Für geflüchtete Kinder gab es sehr lange überhaupt keine Schulpflicht. Die von Linnemann angestoßene Debatte ist die falsche. Die richtige Debatte wäre die über Chancen. Es geht um Umverteilung von Geld und um Investitionen in Bildung. Es geht um ein gerechtes Steuersystem, das Chancen schafft und sie nicht jenen nimmt, die sowieso schon benachteiligt sind."

"Süddeutsche Zeitung": "Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen, die in der Grundschule "nichts zu suchen" hätten, sind für ihn zuvörderst ein Problem, das es dringend zu beseitigen gilt. Immerhin gehe es ja um das "Leistungsniveau" der Mehrheit deutschsprachiger Sechsjähriger. Dabei gibt es Zehntausende Kinder, die trotz schlechter oder gänzlich fehlender Deutschkenntnisse mit gleichaltrigen Muttersprachlern in die erste Klasse kamen, rasend schnell in der Praxis Deutsch lernten und später Beispiele gelungener Integration wurden. Aber das ignoriert Linnemann. Er möchte lieber, dass die Schullaufbahn von Kindern mit Migrationshintergrund mit einer Zurücksetzung beginnt. Dass sich eben jene Kinder oft nichts anderes wünschen, als genauso behandelt zu werden wie ihre deutschsprachigen Gleichaltrigen, ignoriert Linnemann, immer das "Leistungsniveau" von Sechsjährigen vor Augen. Der CDU-Politiker nutzt bewusst eine Rhetorik der Ausgrenzung."

"taz": "Was der Unionsfraktionsvize mit seinem pseudonüchternen Thesenbrei betreibt, ist purer Populismus und sonst nichts. Wenn er der deutschen Sprache tatsächlich so mächtig wäre, wie er es von Kleinkindern erwartet, würde er längst nicht mehr das Wort „Integration“ verwenden, sondern Segregation. Setzen, Sechs."

vit / DPA