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Analyse

CDU-Kandidatenkür: Redet sich Friedrich Merz um seine zweite Chance aufs Kanzleramt?

Wer CDU-Parteichef ist, wird in aller Regel auch Kanzlerkandidat. Friedrich Merz war schon einmal kurz davor. Doch bei der Kandidatenkür um die Merkel-Nachfolge droht er sich um seine zweite Chance zu reden.

Für Friedrich Merz hätte es deutlich besser laufen können. Kaum hatte Angela Merkel verkündet, beim Parteitag Anfang Dezember in Hamburg nicht mehr für den CDU-Parteivorsitz zu kandidieren, tauchte er nach Jahren plötzlich wieder auf der Polit-Bühne auf und meldete Ansprüche an. Und zunächst schien es so, als habe die Partei nur auf einen wie ihn gewartet - auf einen stattlichen, kantigen, wirtschaftsliberalen Mann, der solche Sätze sagt, wie er sie dann auch gesagt hat: "Das traue ich mir zu, die AfD zu halbieren - das geht." Oder dass er die CDU wieder auf 40 Prozent bringen könne. Doch zur Halbzeit der CDU-Kandidatenkür ist Ernüchterung eingekehrt - bei einigen Parteimitgliedern, bei politischen Beobachtern, vielleicht auch bei Merz selbst?

Aktuelle Umfragen machen dem Mann wenig Hoffnung, der sich 2002 als Oppositionsführer im Bundestag schon einmal als Kanzlerkandidat wähnte, ehe er von Angela Merkel ausgebootet wurde. Laut dem an diesem Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer hat er in den vergangenen zwei Wochen vier Prozentpunkte an Zustimmung eingebüßt. Mit 29 Prozent liegt er nun deutlich hinter Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich im Moment nicht nur 38 Prozent der CDU-Mitglieder als neue Parteichefin wünschen, sondern die laut Politbarometer auch glaubwürdiger und sympathischer als der Sauerländer wirkt. AKK, die Abkürzung wird immer gebräuchlicher, baute ihren Vorsprung also gleich auf mehreren Ebenen aus. Und die Zeit bis zur alles entscheidenden Wahl beim Hamburger Parteitag verrinnt.

Friedrich Merz: War's das schon mit dem CDU-Vorsitz?

Hat sich Merz - statt sich stark zu reden - sozusagen schon um seine zweite Chance aufs Kanzleramt "gequatscht". Es deutet einiges darauf hin. Es sind vor allem zwei Themen, die dem einflussreichen Lobbyisten des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock auf die Füße gefallen sind:

"Ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht zählen"

Ausgesprochen während eines "Bild"-Interviews, wäre die Äußerung an sich nicht weiter bemerkenswert, wäre da nicht auch die Antwort auf die Frage nach einem möglichen Millionenvermögen des 62-Jährigen gewesen. "Ich liege jedenfalls nicht darunter", gab Merz eher widerwillig zu Protokoll. Damit stand es dann fest: Der Mann, der CDU-Vorsitzender, damit wahrscheinlich auch Kanzlerkandidat der großen Volkspartei und somit letzten Endes Kanzler sein will, glaubt, dass in der Mittelschicht Millionenvermögen nicht ungewöhnlich seien. Die öffentliche Diskussion, die diese Worte auslöste, und die Menge an Kommentaren, die folgten, belegen deutlich die entstandene Skepsis: Da will jemand Regierungschef werden, der in seiner Zeit in der Finanzwelt offenbar die Maßstäbe verloren und sich von der Lebensrealität eines Großteils der Wähler weit entfernt hat; vielleicht zu weit.

Dass er "eher die Interessen der normalen Bürger vertritt" glauben laut ZDF-Umfrage dementsprechend nur neun Prozent der CDU-Mitglieder (bei 33 Prozent für Kramp-Karrenbauer). In den sozialen Medien wurde sogleich der Vergleich mit dem 2013er SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück gezogen. Der kickte sich seinerzeit ebenfalls mit übertrieben elitär wirkenden Äußerungen aus dem Rennen. Steinbrück betonte seinerzeit in einem Podiumsgespräch, er würde niemals einen Pino Grigio für fünf Euro die Flasche trinken, eher für fünf Euro das Glas. Zuvor hatte er sich schon wegen horrender Vortragshonorare rechtfertigen müssen. Zusammen machte ihn das chancenlos.

"Ich bin seit langem der Meinung, dass offen darüber geredet werden muss, ob das Asylgrundrecht in dieser Form fortbestehen kann"

Ein Satz, der recht eindeutig das in Artikel 16a Grundgesetz festgeschriebene Individualrecht auf Asyl bei politischer Verfolgung infrage stellt. Friedrich Merz relativierte die Aussage am Tag danach dennoch - und zwar in selbstgefälligem Ton: "Für alle Interessierten noch einmal zum Mitschreiben: Ich bin für die Beibehaltung des Grundrechts auf Asyl. Punkt." Da wiederum klang er fast wie Sean Spicer, Pressesprecher der ersten Amtstage von US-Präsident Donald Trump bei der genervten Rechtfertigung offensichtlich falscher Behauptungen über den Zulauf zu Trumps Amtseinführung: "This was the largest audience to ever witness an inauguration. Period." Und in guter Populistenmanier schob Merz Journalisten die Schuld dafür in die Schuhe, dass er falsch interpretiert worden sei, und blieb grundsätzlich bei seiner Position. Was er diskutieren wolle sei, ob die Regelungen nicht über Gesetze erfolgen müssten. Nur ein solcher Gesetzesvorbehalt lasse eine gemeinsame europäische Asylgesetzgebung zu, so Merz. Fachleute entgegneten aber, dass dies ohnehin schon gängige Praxis sei und Merz eine Scheindebatte führe. Die Frage, die seither im Raum steht: Ist Friedrich Merz ausreichend vorbereitet? Oder redet er nicht so manches Mal - der Wirkung wegen - allzu frei vor den bei den Regionalkonferenzen versammelten CDU-Mitgliedern? In jedem Fall hat Merz auch die Asyldebatte nicht geholfen, wie der massive Gegenwind selbst aus eigenen Reihen belegt.

Einst Merkel, jetzt Merkels Kandidatin?

Trotz allem ist das Rennen um den CDU-Chefposten längst nicht entschieden. Aber Merz hat den Vorteil durch den Überraschungseffekt seines unerwarteten Comebacks schon verspielt. Er befindet sich jetzt in der Defensive. Findet der Sauerländer keinen Weg, den aktuellen Trend umzukehren, sieht alles danach aus, dass Friedrich Merz rund anderthalb Jahrzehnte nachdem er in seinem Streben zur politischen Macht von Angela Merkel jäh ausgebremst wurde, diesmal an Merkels Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer scheitert.