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CDU-Basis: Wer liebt schon die Merkel-Frau?

Sie haben denen in Berlin geglaubt. Sie haben monatelang für sie gekämpft. Doch jetzt zerlegen sich ihre einstigen Helden. An der CDU-Basis brodelt es. Die neue Kanzlerin ist ihnen fremd - ein Besuch im Schwarzwald.

Ein alter Mann mit Stock schlurft über den Platz. Er ist der Erste am Treffpunkt. Er bleibt stehen und betrachtet die Bäume, wohlbeschnittene kleine Bäume, und ein Ehepaar mittleren Alters schlendert heran und noch mehr Alte und ein paar Junge auch, alle adrett, aufs Ordentlichste bürgerlich, und sie fangen zu schwätzen an. Sanfter Herbsttag im südbadischen Schopfheim. Die Ortsgruppe der CDU sammelt sich zum Ausflug nach Müllheim in den Lindenhof - zu Hausmannskost und bekömmlichen Weinen.

"Wir wollen nach der Katerstimmung dieser enttäuschenden Wahl gute Gespräche miteinander führen", hat Heidi Malnati, die Vorsitzende der Ortsgruppe, in die Einladung geschrieben, und dass es danach bestimmt andere Gründe geben werde für eine Katerstimmung. Andere. Das war ein Scherz.

Die Leute von Schopfheim lachen gern über solche Scherze. Sie sind gesellige Leute. Und so steigen sie in den Bus, und der Busfahrer sagt, dass er Luigi heiße, und einer ruft, dass Luigi ja ein toller allemannischer Name sei, wieder so ein Scherz, und alle lachen ein bisschen. Ein bisschen. Verhalten. Weil lautes Lachen seit der Bundestagswahl nicht mehr zur Stimmung passt. Weil sie wieder einmal erfahren haben, dass ihre politische Heimat kleiner geworden ist. Über drei Prozent kleiner. Zu klein, um sich darin noch wohlzufühlen.

Ach, was haben sie sich danach gesehnt, dass ihre Partei endlich wieder das ganze Land regiert. Und jetzt reicht es nicht mal fürs halbe Kabinett. Ja, der Schröder ist weg, aber wer liebt schon die Merkel? "Die Leute hier sind nicht warm geworden mit ihr", sagt Frau Malnati. In der Nacht nach der Wahl hat sie lange wach gelegen. Sie hat geweint. "Die Leute wollen eben keine Ehrlichkeit. Die wollen Lügen. Aber ich bin bei der CDU, weil da die ehrlichen Leute sind", sagt sie. Das meinen viele hier. Das klingt nach Trotz und Stolz und großer Moral. Das klingt, als werde alles wieder gut, wenn man nur ein bisschen mehr schwindelt.

Doch die Leute von Schopfheim ahnen, dass die Erklärung mit der Ehrlichkeit eine Lüge ist. Sie haben ja auch so ein unwohles Gefühl gegenüber dieser Merkel-Frau und ihrer hilflos zerstrittenen Partei. "Eigentlich kapiert doch keiner, was die Frau Merkel jetzt noch durchsetzen will", klagen sie. "Eigentlich haben selbst wir doch nie kapiert, wie ihre komische Kopfpauschale funktioniert", seufzen sie. "Eigentlich weiß doch niemand, was die Frau Merkel wirklich denkt", stöhnen sie.

Sie spüren, sie sind einer Fremden ins Fremde gefolgt, und da stehen sie jetzt und wissen nicht, wohin. Ihre einstigen Helden da oben, ganz oben, der Stoiber, die Merkel, der Merz, die streiten nur und brüllen herum. Doch die Leute hier unten, ganz unten in Schopfheim, die wollen nicht streiten. Die sind enttäuscht. Die haben Angst. Im März müssen sie wählen in Baden-Württemberg. Sie sollen für Günther Oettinger kämpfen. Der ist der neue Ministerpräsident. Aber irgendwie wirkt der auch wie diese unglückselige Merkel. Zu kühl. Zu fremd - zu viel moderne Sachlichkeit, zu viel schrilles Orange. Zu wenig konservative Werte im ruhigen, traditionsreichen Blau.

Die Leute im Ländle fühlen sich unwohl. Sie hängen an ihren alten Werten. Sie lieben das Immer-schon. Immer schon singen sie sonntags ein Halleluja. Immer schon lieben sie ihr Vaterland. Doch wo, wo nur ist dieses Immer-schon bei ihrer CDU geblieben? "Ich bin zur CDU gegangen, weil ich Christ bin", sagt Herr Härzschel. Er ist 81 Jahre alt, einer, der aus Schlesien kam und Schlosser lernte und seit 52 Jahren in der Gewerkschaft ist. Einer, der eines Tages CDU-Abgeordneter im Bonner Bundestag wurde. Dort hat er vier Jahre lang neben Norbert Blüm gesessen, dem Nobbi, den die Merkel-CDU nach Meinung von Herrn Härzschel auf ihrem neoliberalen Marsch so böse stehen ließ.

"Leute, die wie Norbert und ich an die christliche Soziallehre glauben, haben in der Partei von Merkel und Merz keine Chance mehr", sagt Herr Härzschel. "Es gibt eben nichts mehr zu verteilen", sagt Herr Röttel, und Herr Hetzel nickt, und Herr Härzschel stöhnt und rollt mit den Augen. Er sagt: "Ein Vogel mit nur einem Flügel kann nun mal nicht fliegen." Die anderen Herren zucken mit den Achseln. "Es wird wieder neokommunistische Umtriebe in den Betrieben geben", sagt Herr Härzschel. Die anderen Herren wiegen skeptisch ihre Häupter. "Ich kann nur davor warnen, den Armen zu nehmen und den Reichen zu geben", sagt Herr Härzschel. Er macht sich große Sorgen.

Für wertkonservative Menschen wie diese Herren hat die fremde Frau aus dem Osten ihrer Partei ein Stück Seele geraubt. "Was hält denn Frau Merkel von der Gentechnik? Ist sie mehr Christin oder Naturwissenschaftlerin?", fragt ein junger Mann. "Besonders christlich wirkt sie nicht", sagt eine ältere Dame. "Und wie denkt sie über die Schwulenehe?", fragt ein alter Herr.

Die Leute im Ländle, die Basis, sie alle erwarten, dass sich ihre Kanzlerin endlich bekennt zu den alten, ewigen Werten. Zu Gott. Zu Fleiß und Pünktlichkeit. Zur Heiligkeit der ordentlichen Ehe. Als im Sommer ihr Sozialminister die Schirmherrschaft für die Schwulen-und-Lesben-Parade in Stuttgart übernahm und sich der Ministerpräsident auch noch zu einem Grußwort hinreißen ließ, schrieben die Wertkonservativen böse Briefe. In denen stand, dass ein solches Verhalten den "christlichen Wurzeln und auch dem gesunden Menschenverstand widerspricht". Sie drohten mit Austritt. Sie meinten das ernst. Sie wollen endlich wieder Führung - aber nicht von dieser fremden, neumodischen Frau.

Immer schon essen diese Leute Kutteln. Aber was, um Gottes willen, aß man eigentlich in der Zone? Herr Hetzel erzählt, dass er kürzlich im Fernsehen erfahren habe, dass die Frau Merkel gar nicht komplett Ossi sei. "Die ist in Hamburg geboren. Warum haben uns das die Werbeleute nicht gesagt?", sagt er. Herr Härzschel und Herr Röttel nicken bedächtig. Ja, das hätten sie wissen sollen. Ja, das hätte sie erleichtert.

Am Abend, es ist schon kühl geworden, da haben die vielen Viertele Wein die düstere Stimmung der Leute von Schopfheim vertrieben. Also sitzen sie im Bus und lachen trunken, und Luigi fährt durch die dunklen Berge, und sie singen ihr altes "Badner-Lied": "Das schönste Land in Deutschlands Gaun, das ist mein Badner Land! Es ist so herrlich anzuschaun und ruht in Gottes Hand."

Die Menschen aus den gepflegten Schwarzwaldörtchen fühlen sich nie wohl mit "dena Leit aus Berlin". Sie mögen die ehrlichen, die echten Kerle, Kerle wie den Herrn Mappus aus Pforzheim. Stefan Mappus, der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag, ist ein kräftiger Landmann wie sie. Er kippt den Birnenschnaps so entschlossen wie alle hier. An diesem Sonntag im Oktober trifft er sich mit den CDU-Leuten aus Lauterbach zum Sternmarsch über die Berge nach Schiltach. Seit der Wahl muss Herr Mappus die erschütterte Basis noch intensiver pflegen.

"Das Ergebnis hat die Mitglieder unvorbereitet getroffen. Wie eine Katastrophe. Sie brauchen eine Weile, bis sie sich davon erholen", sagt er. Das Problem ist nur, dass sie diese Weile nicht haben. Sie müssen weiter, diesmal in die Schlacht ums Ländle. Doch womit? Wofür? Für ein hartes Sparprogramm? Für diese fremde Kanzlerin? Unmöglich. "Wir müssen klar machen, wofür die CDU steht. Wir müssen einen Kampf um die Werte führen", sagt Herr Mappus. Er meint Werte wie Heimat, Gott und Familie. Werte, die niemand ungestraft verändern darf - auch nicht die in Berlin.

Alles, was derzeit aus Merkel-Berlin ins Ländle dringt, macht die Leute unruhig. Mit den Sozis gemeinsame Sache machen ist schlimm genug, brummeln sie. Der Stoiber soll endlich sein Maul halten, schimpfen sie. Der Seehofer ist eine linke Sau, motzen sie. Und die Merkel soll denen was auf die Nuss geben, fordern sie. Wenn die Wandersleute so brummeln und motzen, werden sie deutlich. Sehr deutlich. Ihr Ärger muss raus. Irgendwie ist ihnen ihr Ländle abhanden gekommen. Irgendwie stimmt das Gefüge nicht mehr. Und irgendwie geht das mit ihrer Union so nicht weiter. Die müssen sich einigen. Sich CDSU nennen. Oder lieber CSDU? "Unsere Mitglieder sind verunsichert. Wir müssen wieder Halt vermitteln", sagt Herr Mappus.

Seit der Wahl überreicht ihm die Basis gern aufmunternde Geschenke. So auch der alte Mann, der ihm nach der Jause einen blauen Kamm zusteckt. "Hier, für Sie, Herr Mappus, der soll helfen gegen die lausigen Zeiten", sagt er. "Ja, ha, ha", sagt Herr Mappus, "sehr gut, ja, für lausige Zeiten." Wieder so ein Scherz, den die bodenständigen Leute hier so gern mögen. Also lacht der Herr Mappus, und die anderen lachen mit. Wieder nur ein bisschen. Wieder sehr verhalten. Weil ihnen das laute Lachen vergangen ist.

Franziska Reich / print