Charlotte Knobloch ''Empörung reicht nicht"

Die Zahl antisemitischer Gewalttaten steigt, kürzlich wurde ein jüdischer Kindergarten in Berlin attackiert. Andererseits blühen die jüdischen Gemeinden auf, das neue Jüdische Zentrum in München ist ein Symbol dafür. Ein Interview mit Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden.

Frau Präsidentin Knobloch, seit kurzem gibt es sogar eine 55-Cent-Briefmarke mit Bild und Titel „Jüdisches Zentrum München“. Eine besondere Ehre?

Eine besondere Freude! Durch ein kleines Stückchen Papier wird das jüdische Zentrum nun weit über München hinaus bekannt.

Was in der Post an Sie und die jüdischen Gemeinden steht, dürfte allerdings nicht immer erfreulich sein.

Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von der Weltpolitik. Während der Libanonkrise kam viel Negatives, kürzlich, als der Anschlag auf den jüdischen Kindergarten in Berlin verübt wurde, viel Positives. Viele Menschen haben ihr Mitgefühl ausgedrückt.

Was überwiegt: Anteilnahme oder Schmähschriften?

Die Zahl ist nicht das Ausschlaggebende, die Inhalte einzelner Briefe sind es, die sehr, sehr tief verletzen – durch einen offenen, hasserfüllten Antisemitismus. Das Beunruhigende ist aus unserer Sicht, dass es auch mit den nachgewachsenen Generationen nicht aufhört.

Stammen die Absender eher aus dem Osten oder Westen?

Da muss man gerecht sein: Es gibt zwar auffallend viele Absender aus dem Osten, allerdings stammen viele dieser Leute aus dem Westen. Sie sind in den Osten abgewandert, weil sie sich der NPD verschrieben haben, und stiften andere an.

Sie haben kürzlich angekündigt, in Sachsen an einer Lehrerfortbildung teilzunehmen. Um dort was zu vermitteln?

Nachdem ich immer wieder höre, dass Lehrer nie Methoden gelernt haben, mit denen man den aggressiven Auswirkungen von Antisemitismus entgegentreten kann, möchte ich über das Was und Wie reden. Ich möchte, dass sie die jungen Menschen zunächst einmal von der Schuld am Nationalsozialismus frei sprechen. Diese Kinder kann man nicht verantwortlich machen für die Taten ihrer Großeltern. Mit viel Einfühlungsvermögen müssen Lehrer sie aber daran erinnern, dass sie die Verantwortung dafür tragen, dass sich die Verbrechen nie mehr wiederholen.

Also einerseits das Schuldgefühl nehmen, andererseits Verantwortung bewusst machen?

Und wie! Das sollte in die Lehrerfortbildung einfließen, und zwar im Osten und Westen, weil die Zeitzeugen, die authentisch das Leid miterlebt haben, immer weniger werden. Umso mehr müssen das die Lehrer übernehmen.

Wenn auf dem Schulhof das Schimpfwort „Du Jude!“ fällt, was in Berlin immer häufiger passiert, was sollte ein Lehrer tun?

Bei solchen Beleidigungen darf es keine Toleranz geben. Das ist ja kein Streich von dummen Buben. Außer Sanktionen, die die Schulen verhängen sollten, muss den Schülern klargemacht werden, was es bedeutet, in Zeiten leben zu müssen, in denen Menschen aufgrund ihrer Religion oder Herkunft verfolgt werden.

Offenbar gibt es Versäumnisse auch an anderen Schulen – für Erwachsene. Berliner Medien berichteten am 20. März 2007 von einer Berliner Polizeischule, in der sich Auszubildende weigerten, etwas über Nationalsozialismus und Holocaust zu lernen. Zu Juden meinten sie, das seien eh' nur reiche Leute.

Das ist natürlich schockierend – zumal es sich hier um eine Personengruppe handelt, die später als Exekutive über die Einhaltung unserer freiheitlichen Grundordnung wacht. Diese Menschen sollten aus dem Staatsdienst ausgeschlossen werden, denn wie können sie etwas verteidigen und vertreten, was sie gar nicht anerkennen?

Die "taz" schrieb kurz zuvor: "Seit 2004 hat die Zahl antisemitischer Übergriffe um 50 Prozent zugenommen. Ein Skandal, der in der Breite der Bevölkerung nicht als solcher empfunden wird.“ Ist das auch nach ihrer Einschätzung so?

Das ist leider auch mein Eindruck. Da muss ich auch die Politiker ansprechen, die sich zwar immer wenn ein Kindergarten brennt oder Grabsteine umgeworfen werden, empört äußern. Sie überlegen sich aber nicht ausreichend, wie man diese Exzesse auch verhüten kann. Mit Empörung ist es nicht getan. Nur stets symbolisch zu regieren hilft nicht.

Wie müssten denn geeignete Programme gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus aussehen, wie sie beispielsweise vom Familienministerium Ursula von der Leyens entwickelt werden?

Rechtsextremismus kann nicht von einem Ministerium gelöst werden. Es ist zwar gut, wenn eine gewisse Finanzierung in Aussicht gestellt wird, aber diese Dinge müssen auf lokaler Ebene behandelt werden. Ein Ministerium hat ja gar nicht die Möglichkeiten, mit Tätern, potenziellen Tätern oder aber den Initiativen, die sich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus betätigen, vor Ort in Kontakt zu treten. Da gibt es schon viele erfolgreiche Projekte. Die müssen unterstützt werden, vor allem im Osten.

Am Tag vor dem Holocaust-Gedenktag Ende Januar gab es in der niedersächsischen Stadt Verden einen antisemitischen Brandanschlag. Ein alter Güterwagen der Bahn, aus dem Berufsschüler ein Mahnmal gemacht hatten, um an die Deportationen zu erinnern, wurde nachts angezündet. Daraufhin entschied sich der Bürgermeister den ausgebrannten Waggon vorübergehend direkt vor das Rathaus in die Fußgängerzonen zu stellen, damit der Anschlag für jedermann zu einem Thema wird. Würden Sie sich solchen Mut von Kommunalvertretern öfter wünschen?

Ja absolut. Ich finde das absolut richtig, wie dieser Bürgermeister reagiert hat – die nötige Hintergrundinformation für die Bürger darüber vorausgesetzt. Meine Hochachtung für diese mutige Aktion!

Interview Holger Kulick

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