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Pandemie Und es liegt doch Ruhm in der Prävention! Wir sollten die Corona-Erfolge nicht zerreden

Bundespräsident Steinmeier veröffentlicht Videobotschaft zu Wirtschaft und Gesellschaft in der Corona-Pandemie.
Sehen Sie im Video: Bundespräsident Steinmeier äußert sich zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.


"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
seit dieser Woche dürfen vielerorts die ersten Geschäfte wieder öffnen. Es ist nur ein erster, ein vorsichtiger Schritt auf dem langen Weg aus der Krise. Aber es ist ein Schritt, der Hoffnung macht und uns den Blick nach vorne richten lässt. Ich bitte uns: Handeln wir auch weiterhin sorgsam und verantwortungsbewusst, um diesen Weg nicht zu gefährden!
Viele Menschen in unserem Land sind in diesen Tagen beunruhigt und machen sich große Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Sie fragen sich: Wie geht es weiter mit meinem Job, der Firma, meinen Lebensplänen?
Die Krise trifft uns alle, aber sie trifft nicht alle Menschen gleich: Homeoffice ist vielleicht nicht das, was sich die meisten wünschen – aber es ist ganz gewiss etwas anderes, als mit 60 Prozent seines Gehalts in Kurzarbeit zu gehen oder gar ohne Arbeit dazustehen; kaum jemand findet es schön, bei Sonnenschein zu Hause zu bleiben – aber es ist doch ein Unterschied, ob man etwas Grün ums Haus hat oder mit vier Kindern in einer kleinen Wohnung ohne Balkon lebt.
Auch die Wirtschaft ist nicht überall gleich betroffen. Die Krise erschüttert manche Branchen besonders. Und insbesondere viele Kleinunternehmer, Gastwirte, Hoteliers, Freiberufler und Kulturschaffende wissen oft nicht, wie lange sie noch durchhalten können.
Zugleich gibt es auch in der Wirtschaft viele Beispiele von Hilfsbereitschaft gegenüber denjenigen, die in Schwierigkeiten geraten. Manche Familienunternehmer helfen mit, wenn bei Mitarbeitern wegen Kurzarbeit die Rückzahlung des Hypothekendarlehens schwierig wird. Manche Mittelständler verzichten auf einen Teil ihres Gehalts, um Solidarität mit den Mitarbeitern zu zeigen. Manche Unternehmen zahlen in einen Fonds, um besondere Härten für einzelne Mitarbeiter zu überbrücken.
Ich wünsche mir, dass diejenigen von uns, die glimpflich durch diese Krise kommen, auch weiterhin bereit sind, jene zu unterstützen, die wegen Corona wirtschaftlich in schwerem Fahrwasser sind.
Auch viele von Ihnen haben in den vergangenen Wochen ihre Solidarität mit Geschäften und Restaurants in ihrer Nachbarschaft unter Beweis gestellt, haben telefonisch bestellt oder Gutscheine erworben. Oft ist uns dabei erst richtig klar geworden, wie sehr uns der kleine Spielzeugladen oder der Gemüsehändler um die Ecke am Herzen liegt. Die Krise zeigt uns noch einmal neu, wie wichtig solche Orte sind.
Wir erleben in dieser Krise auch, dass es ohne Politik nicht geht. Wirtschaft und Gewerkschaften handeln verantwortungsvoll. Und wir erleben, wie kraftvoll unser Staat handeln kann. Er hat ein starkes Netz gespannt, um möglichst viele aufzufangen, die wirtschaftlich abzustürzen drohen. Kurzarbeitergeld, Hilfe für Selbständige, Bürgschaften, Staatsbeteiligungen – auch das ist eine Form von Solidarität, die es in der Geschichte der Bundesrepublik in diesem Umfang noch nicht gegeben hat. Klar, manchmal hakte es am Anfang noch. Aber mancher in Not geratene Unternehmer konnte in den vergangenen Wochen kaum glauben, wie schnell und unbürokratisch unser Staat Hilfe leisten kann.
Und dieser kraftvolle Staat, das sind wir alle. Das Geld, das er nun verteilen kann, haben Sie gemeinsam erarbeitet. Und das Geld, das er sich jetzt leihen muss, wird später zurückzuzahlen sein. Wie das geschieht, darüber müssen wir nach der Krise demokratisch entscheiden. Fest steht: Die Solidarität, die wir jetzt erleben, die brauchen wir nicht nur während der Krise, wir brauchen sie in Zukunft umso mehr. Wir brauchen Solidarität auch, wenn es um die Bewältigung der Folgen von Corona geht.
Es gibt auch eine neue Nachdenklichkeit, die danach fragt, ob jede Routine aus der Vor-Corona-Zeit wiederkommen muss, ob jeder Termin, zu dem wir gefahren oder geflogen sind, die Wichtigkeit hatte, die wir ihm zugemessen haben. Die fragt, ob es nicht auch weniger aufwendige Möglichkeiten der Verständigung und Kommunikation gibt.
Vor allem erleben wir aber auch, wie die Krise Kreativität und Innovationskraft weckt. Wie plötzlich Dinge möglich sind, die vor der Krise noch Jahre entfernt schienen. In vielen Branchen wird experimentiert, improvisiert, digitalisiert – in großen Betrieben und in kleinen auch. Viele Beschäftigte erproben neue Wege der Zusammenarbeit. Und viele Unternehmen haben in kürzester Zeit ihre Angebote erneuert, ihre Produktion umgestellt oder Vertriebsformen weiterentwickelt.
Die Krise trifft unsere Gesellschaft hart, und sie wird noch eine ganze Weile dauern. Wir dürfen Risiken nicht ignorieren und zu erwartende Schwierigkeiten nicht kleinreden. Jetzt ist nicht die Zeit, um die Lage schönzureden. Aber es ist auch nicht die Zeit für schwärzeste Katastrophenszenarien.
Wahr ist, die Zeit wird nicht spurlos an uns vorbeigehen. Wir werden einiges von dem gemeinsam erarbeiteten Wohlstand preisgeben. Aber wir sind und wir bleiben eine starke Volkswirtschaft – mit Millionen Menschen, die weiter anpacken oder wieder loslegen wollen. So wie wir das Virus gemeinsam besiegen werden, so werden wir uns mit Fleiß und Klugheit auch aus dem wirtschaftlichen Tal gemeinsam wieder herausarbeiten.
Alles Gute – und geben wir acht aufeinander!"
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Tritt die Katastrophe nicht ein, hat es eine Gefahr nie gegeben. Diese krude Logik klingt in der aktuellen Debatte um Corona-Lockerungen zunehmend an. Das birgt ernste Gefahren.

Es ist ein paar Wochen her, da prophezeite Christian Drosten im Prinzip schon eine Debatte wie wir sie jetzt erleben. "There is no glory in prevention", zitierte der in den Medien derzeit omnipräsente Wissenschaftler in seinem NDR-Podcast eine alte Virologen-Weisheit. Soll heißen: Man kann keinen Blumentopf damit gewinnen, wenn man eine Epidemie tatsächlich eindämmt, wenn man Erkrankungen verhindert, wenn man es schafft, dass es nicht zu menschenunwürdigen Szenen in haltlos überforderten Krankenhäusern kommt und damit Menschenleben rettet. Denn das merkt letztlich niemand. Klingt bitter, ist es auch.

Wie zum Beleg äußerte sich geradezu prototypisch Restaurantketten-Chef Eugen Block unlängst gegenüber dem "Spiegel": "Ich warte immer noch auf den seit Langem angekündigten Corona-Peak", wetterte er. "Noch immer stehen die Krankenhäuser halb leer." Mit den dadurch entstehenden Kosten hätte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) "seine" Intensivabteilungen verdoppeln können, stattdessen müsse der Minister "das ganze Volk wegsperren und das Leben auf den Kopf stellen", so Block. Einfältiger kann man sich wohl kaum äußern.

Leben mit Corona: Kreative Lösungen dringend gesucht

Denn es steckt eben doch großer Ruhm in der Prävention. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass just dieses "Wegsperren des Volkes" unter anderem dazu geführt hat, dass viel weniger von uns und unseren Angehörigen (schwer) erkrankt oder gar gestorben sind, als es zu befürchten war? Eine große Mehrheit des Volkes, das sich angeblich "wegsperren" ließ, war jedenfalls in der Lage zu dieser intellektuellen Leistung. Sehr viele Menschen haben ihr Verhalten sogar schon verändert, bevor der Lockdown in Kraft trat (was nun paradoxerweise zur Behauptung genutzt wird, die Maßnahmen seien unnötig gewesen). 

Dagegen ließe sich umgekehrt fragen, um Blocks Einfalt auf eine zugegeben unappetitliche Spitze zu treiben: Müssen erst Ärzte und Pfleger unter der Dauerlast zusammenbrechen wie in Italien, müssen erst Leichen massenweise in Kühltransportern aufbewahrt werden wie in New York oder Verstorbene tagelang in Wohnungen liegen, bevor sie jemand abholen kann, wie in Ecuador, ehe wir damit aufhören Steaks zu grillen? Gibt es wirklich "Wichtigeres als das Leben", wie der texanische Gouverneur Dan Patrick (Republikaner) im TV-Sender "Fox News" sagte, um ein Ende des Corona-Lockdowns zu propagieren?

Das Leben mit dem Virus organisieren

Schlimm an dieser Art von Diskussion ist nicht zuletzt, dass sie enorme Kraft kostet. Kraft, die viel dringender für kreative Lösungen benötigt würde. Denn solange kein Impfstoff, kein Medikament zur Verfügung steht, werden wir mit dem Virus ja leben, uns regelrecht einrichten müssen - so, wie es im Moment aussieht, noch viele Monate lang. Und da stellen sich dann ja durchaus drängende Fragen: Wie sollen Gastronomen, Hoteliers, Fluggesellschaften, Eventveranstalter, Kulturschaffende und viele mehr das überstehen? Wie kann man ihnen helfen? Wie kann die Betreuung von kleinen Kindern unter Corona-Bedingungen aussehen? Wie ein vernünftiger Schulunterricht? Wie können Eltern im Homeoffice entlastet werden? Und woher soll all das Geld für die nötigen, hoffentlich kreativen Lösungen kommen? Simple Forderungen à la NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nach weiteren Lockerungen noch ehe man überhaupt Erfahrungen mit den ersten Versuchen gemacht hat, helfen jedenfalls nicht weiter.

Es ist ja nicht zu bestreiten, dass im Corona-Krisenmanagement und in der Krisenkommunikation auch Fehler gemacht werden. Das anfangs abfällige Abwinken in Sachen Atemschutzmasken, die man jetzt aber zur Pflicht erhoben hat, ist ein augenfälliges Beispiel. Zudem muss natürlich in einer Demokratie weiterhin drauf hingewiesen werden, dass die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten nur solange aufrecht erhalten werden dürfen wie es absolut notwendig ist. Doch existiert im Grundgesetz auch das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit. Und das steht selbstverständlich auch den Angehörigen der Corona-Risikogruppen zu. 

Lockdown war keinesfalls nutzlos

Am Leben in der Pandemie wird wohl niemand Spaß haben. Wir alle machen uns Sorgen um unsere wirtschaftliche Zukunft. Doch das darf nicht dazu führen, die Erfolge in der Virus-Bekämpfung kleinzureden oder die Lockdown-Maßnahmen als sinnlos und überflüssig hinzustellen. Der allzu laxe Umgang mit der Krise hat in Großbritannien jetzt zu einer Übersterblichkeit durch Covid-19 geführt, wie Virologe Christian Drosten twitterte. Er mahnte angesichts der Lockdown-Debatte eindringlich: "Uns wurde dies vor allem durch frühe und breit eingesetzte Diagnostik erspart. Verspielen wir diesen Vorsprung nicht." Denn wenn sich aufgrund falscher Behauptungen das Verhalten der Menschen ändert, weil sie sich irrtümlich in Sicherheit wähnen, dann riskieren wir nicht weniger, als viele weitere Menschenleben an das Coronavirus zu verlieren.

Quellen: Podcast Coronavirus-Update, Fox News, Spiegel, Twitter-Account Christian DrostenRanga Yogeschwar auf Youtube, Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland


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