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CSU-Parteitag: "Mein Werk ist getan": Seehofer übergibt an Söder - während die Macht der CSU zerrinnt

Die CSU hat Markus Söder zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Auf dem Parteitag in München wurde ein Zeitalter besichtigt, zum letzten Mal. Nun will sich die Partei neu erfinden. Der stern war bei der Zeitenwende dabei.

Um kurz vor 11 Uhr ist alles vorbei. "Es war eine große Zeit", sagt Horst Seehofer. "Mein Werk ist getan." Applaus brandet auf in der kleinen Olympiahalle zu München, die rund 900 Delegierten erheben sich. Und oben auf der Bühne macht Horst Seehofer eine tiefe Verbeugung vor seiner Partei, die er zehn Jahre geführt hat, in lichte Höhen und auch ganz nah an tiefe Abgründe, eine Partei, die auch sein Leben ist. Reglos steht Seehofer dort oben, statuengleich, fast schon ein Denkmal seiner selbst.

Ein Zeitalter wird besichtigt, zum letzten Mal. Und alle spüren es. Hinten hält einer ein Schild hoch: "Danke Horst!" Kann es sein, dass die Augen des Horst Seehofer sich jetzt mit Wasser füllen? Ein bisschen sieht es so aus, ganz genau ist es nicht zu erkennen.

Die CSU hält sich nicht allzu lange mit der Vergangenheit auf

Die CSU ist eine merkwürdige, eine einzigartige Partei. Sie ist zu Momenten größter Sentimentalität fähig – und kann dann, Minuten später wechseln in den Modus staubtrockenen Machtbewusstseins. So macht sie es auch heute.

Nach Seehofers Abgang tragen dralle Frauen im Dirndl für die Parteiprominenz in den ersten Reihen Weißwürste, Brezeln, Leberkäse und Käsespätzle auf. Es wird kräftig zugelangt, so mancher lässt sich ein großes Weißbier an seinen Platz bringen. In aller Seelenruhe zutzelt auch Horst Seehofer an seiner Weißwurst herum, während sein Nachfolger, der ewige Rivale Markus Söder, in seiner Bewerbungsrede um den Parteivorsitz um Aufmerksamkeit und ein gutes Ergebnis kämpft.

Auf fast schon rührende Weise will die CSU an diesem Tag sie selbst bleiben, aber sich auch neu erfinden. Gibt es ein spannenderes, aufregenderes Experiment in der deutschen Parteienlandschaft?

In der Olympiahalle von München hält sich die Partei nicht allzu lange mit der Vergangenheit auf. Seehofer wird, nach warmem, aber nicht zu allzu langem Applaus, in den Ehrenvorsitz verabschiedet und erhält noch ein maßstabgetreues Modell der Münchner CSU-Zentrale für seine heimische Modelleisenbahn als Abschiedsgeschenk.

Markus Söder weiß, dass die Macht der CSU zerrinnt

Dann erklärt sich die Partei kurzerhand zur Zukunftswerkstatt. Markus Söder übernimmt den CSU-Vorsitz, gewählt mit gut 87 Prozent, was kein richtig schlechtes, aber auch kein richtig gutes Ergebnis ist und daher von Politikern auch gern als "ehrlich" bezeichnet wird.

Söder ist, wie die ganze CSU, ein Phänomen. Einst als bulliger, rechtskonservativer Haudrauf geradezu prototypischer Vertreter der ganz alten CSU-Schule, schlägt er nun nachdenkliche Töne an. Und das Erstaunlichste dabei: Er macht das gar nicht mal so schlecht. "Wir müssen den Charakter der Volkspartei neu erfinden", ruft er in die Halle. Er predigt "nachhaltiges Wachstum", beschwört eine CSU, die auch für Migranten "einladend, nicht ausgrenzend" sein soll, er teilt heftig aus gegen die AfD, die "auf dem Weg in die Unsittlichkeit" sei. Klar, es gibt auch die üblichen rhetorischen Keile für die Grünen und deren angebliche "Doppelmoral" und natürlich beschwört Söder die gute alte "Leberkäsetage" denn, so Söder: "Die CSU war nie die Partei der Prosecco-Trinker!".

Söder ist ein Machttier – aber eben auch: ein sehr kluges Machttier. Sein Instinkt ist hoch entwickelt – er spürt, dass die Macht der CSU zerrinnt, dass diese Partei anders werden muss: nachdenklicher, emphatischer, dialogbereiter. Zum Schluss seiner Rede nochmal großes Gefühl. Söder erzählt, wie er 1983 als junger Kerl in die CSU eintrat, schwer beeindruckt von einer Rede von Franz Josef Strauß auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Er hält oben auf der Bühne seinen Mitgliedsausweis in die Höhe: "Meine Mitgliedsnummer ist 324761. Ich habe diesen Ausweis all die Jahre immer bei mit getragen. Er war mir eine Ehre."

Nicht nur die CSU, auch Markus Söder, will sich ganz neu erfinden. Welch’ ein Abenteuer.