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Interview

Grüne Woche: Das Supermodel und der Minister: Wie Toni Garrn und Gerd Müller die Welt retten wollen

Supermodel Toni Garrn und CSU-Entwicklungshilfeminister Gerd Müller wollen gemeinsam die Welt retten. Eine Begegnung mit einem ungewöhnlichen Duo auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin.

Tony Garrn und Gerd Müller traten der Grünen Woche gemeinsam auf

Tony Garrn und Gerd Müller traten der Grünen Woche gemeinsam auf

Herr Müller, wir treffen uns auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Ihr Ministerium hat eine eigene Halle. Hier geht es um Afrika. Warum setzten Sie diesen Schwerpunkt?

Müller: Afrika, 100 Mal so groß wie Deutschland, ist eine große Herausforderung für die Zukunft. Damit meine ich: auch für unsere Zukunft. Wichtige Grundlagen unserer Industrie kommen von unserem Nachbarkontinent, zum Beispiel Kupfer, Coltan oder Kobalt. Kein Auto und kein Smartphone würden ohne diese Ressourcen funktionieren. Hier auf der Grünen Woche geht es aber um Nahrungsmittel, um Kaffee, Kakao, Bananen. Und Heuschrecken werden hier nachher auch noch gebraten.

Das Motto Ihrer Halle lautet: "EINEWELT ohne Hunger ist möglich – mit fairem Einkauf und fairer Produktion!" Glauben Sie das wirklich?

Müller: Ja, eine Welt ohne Hunger ist schon heute möglich. Ein Beispiel: In vielen Ländern geht die Hälfte der Ernte verloren. Sie verrottet auf den Feldern oder in schlechten Lagern. Wir können das lösen. Wir haben das Wissen und die Technologie. So helfen wir etwa, die Bauern in modernen Anbaumethoden zu schulen, die Nahrungsmittel vor Ort weiterzuverarbeiten und neue Märkte zu erschließen. Ich bin überzeugt: Hunger ist Mord. Wer dabei zuschaut, wie Hunderttausende verhungern, der macht sich mitschuldig.

Der CSU-Minister und das Supermodel

Toni Garrn, Sie haben ein besonderes Verhältnis zu Afrika ...

Toni Garrn: Ich komme gerade aus Ghana zurück.

Sie haben Patenschaften übernommen. Wie viele Kinder haben Sie?

Toni Garn: Aktuell vier. Patenschaften habe ich seitdem ich 16 bin. Mit 20 habe ich angefangen, mit Plan International noch enger zusammenzuarbeiten. Ich war vier Jahre lang Botschafterin der Bewegung "Because I am Girl" und nun der aktuellen "Girls get equal" Kampagne.  Mein Schwerpunkt liegt auf der  Bildung von Mädchen.

Haben Sie Kontakt zu den vier Kindern?

Toni Garrn: Ja, natürlich. Ein Mädchen in Zimbabwe habe ich zwei Mal besucht. Das erste Mal, als ich sie aufgenommen habe. Da war sie vier Jahre alt. Das zweite Mal vor einem Jahr, da war sie sechs. Es ist etwas Besonderes, das Mädchen kennen zu lernen, zu sehen, wie sie lebt und zu wissen, dass meine Geschenke auch wirklich bei ihr ankommen.

Was bringt sie beide zusammen: der CSU-Minister und das Supermodel?

Müller: Wir machen uns beide gemeinsam für Afrika stark – vor allem für die Frauen. Toni Garrn setzt sich schon lange für die Stärkung von Mädchen und junge Frauen ein. Deshalb habe ich sie gebeten, unsere Botschafterin dafür zu werden. Dieser Einsatz ist unglaublich wichtig, denn auf den Schultern der Mädchen und Frauen ruht Afrikas Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Toni Garn: Ich unterstütze viele Projekte, die mit Landwirtschaft zu tun haben. Fast jede Familie, die ich unterstütze sind Bauern. Die Frauen und Mädchen schuften den ganzen Tag auf dem Feld und im Haushalt, sie holen Wasser, müssen oft viele Kilometer laufen bis zum nächsten Brunnen. Als ich neulich in Ghana war, habe ich die Mädchen in der Schule gefragt: "Wer kommt aus einer Bauernfamilie?" 29 von 30 hoben die Hände. Und als ich fragte: "Wer von euch will Bäuerin werden?", da meldete sich keine.

In den meisten afrikanischen Ländern gibt es immer noch Kinderarbeit, allein in Ghana sind es 1,2 Millionen. Die allermeisten arbeiten in der Landwirtschaft. Herr Müller, wie wollen Sie dieses Elend beenden?

Müller: Indem ich ausbeuterischer Kinderarbeit den Kampf ansage. Jedes Unternehmen kann und muss seine Lieferkette so gestalten, dass Kinderarbeit ausgeschlossen ist.

Soweit die Theorie ...

Müller: Ich weiß. Die Realität ist: 150 Millionen Kinder müssen Tag für Tag arbeiten. Sie schuften auch für Produkte, die es bei uns zu kaufen gibt. In Westafrika arbeiten 2,3 Millionen Kinder zum Beispiel auf Kakao- und Kaffeeplantagen. 

Ein Kilo Kaffee in Deutschland kostet zehn bis zwölf Euro. Wie viel davon bekommen die Bauern?

Müller: Nur 50 Cent. Davon können die Familien auf den Plantagen nicht leben. Deshalb müssen die Kinder mitarbeiten. Wir können das aber ändern, wenn wir existenzsichernde Preise für unseren Kaffee bezahlen. 

Toni Garrn: Deshalb appellieren wir an alle Konsumenten: Bitte kauft fair ein.

Frau Garrn, wenn Sie in Afrika unterwegs sind, sehen Sie Kinderarbeit?

Toni Garrn: Ja, dauernd. Die Kinder und Jugendlichen sagen mir: "Ich kann nicht zur Schule, ich muss zu Hause meiner Mutter helfen. Wenn ich nicht helfe, haben wir nichts zu essen."

Kaufen Sie Fair-Trade-Produkte? 

Toni Garrn: Ja.

Geht das überhaupt bei Ihrem Job? Sie reisen viel, Sie sind andauernd unterwegs. In den letzten Wochen von Costa Rica, Ghana, New York, Hamburg und heute Berlin.

Toni Garrn: Das sind Gott sei dank Orte, an denen das möglich ist. Okay, in New York kostet ein Fairtrade-Cappuchino auch mal acht Dollar. Ich gebe mein Bestes, um nicht bei den großen Ketten zu landen. Aber es gelingt nicht immer.

Müller: Wir haben in den letzten Jahren schon viel erreicht. Mittlerweile wird 60 Prozent des Kakaos der hierzulande verkauften Schokolade fair hergestellt. Bei Kaffee sind wir leider erst bei 10 Prozent. Das Ziel müssen 100 Prozent in den kommenden fünf Jahren sein.

Ziehen Aldi, Lidl, Edeka oder Rewe mit?

Müller: Es kommt richtig ’was in Bewegung. "Fair" ist der neue Trend. Lidl stellt zum Beispiel komplett auf fair produzierte Bananen um. Das ist ein enormes Signal. Aber es gibt leider auch einen großen deutschen Konzern, der genau in die andere Richtung geht. Der die Einkaufspreise für Bananen in Kolumbien und Ecuador noch einmal um zehn Prozent drücken will.

Dieser Konzern heißt Aldi.

Müller: Wer das Kilo Bananen für 89 Cent kauft, der muss wissen, dass am Anfang der Kette kein existenzsichernder Lohn gezahlt wird. Der muss wissen, dass ausbeuterische Verhältnisse auf den Plantagen herrschen. Das muss geändert werden.

Wie kann der Verbraucher sicher sein, dass er die "guten Bananen" kauft?

Müller: Schauen Sie auf das Label. Bei Fairtrade werden zum Beispiel existenzsichernde Einkommen gezahlt und es gelten hohe Standards gegen Kinderarbeit.

Auch bei Bekleidung setzen Sie auf die Kennzeichnung mit einem neuen Siegel.  Es heißt "Grüner Knopf". Wann hängen die ersten T-Shirts und Hosen damit in den Läden?

Müller: Das Ziel ist, dass der Grüne Knopf noch in diesem Jahr eingeführt wird. Er wird ein Leitsiegel sein. Zurzeit können Verbraucher nachhaltige Mode bei der Vielzahl unterschiedlichster Kennzeichnungen  nur sehr schwer erkennen. Der Grüne Knopf wird hier Orientierung schaffen. Ich hoffe, die Konsumenten machen Druck. Drei Viertel der Deutschen ist Nachhaltigkeit in der Mode wichtig. Ich fände es gut, wenn diese Kunden bei jedem Einkauf fragen: Warum ist bei euch der Grüne Knopf noch nicht dran. Kein Textilanbieter in Deutschland wird dann erklären können, warum er sich nicht anschließt und existenzsichernde Löhne zahlt.

Frau Garrn, wenn Sie Kleidung kaufen, wie wichtig ist Ihnen Fairness in der Produktion? Oder müssen Sie die Stücke tragen, die man Ihnen auf den Kleiderbügel hängt?

Toni Garrn: Ich achte darauf. Oft werde ich von Marken ausgestattet. Aber wenn ich kaufe, kaufe ich bei Marken, denen ich vertraue. Pelze trage ich grundsätzlich nicht. Ich lebe halb-vegan, also "vegan plus Fisch". 

Herr Müller, wie glaubwürdig sind Siegel und Zertifikate überhaupt. Da kann doch auch gepfuscht und betrogen werden?

Müller: Früher vielleicht. Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, ist das immer weniger möglich. Da können sie Produkte bis in die Fabrik zurückverfolgen. Jeder der sich dagegen stemmt, muss dem Kunden erklären, warum er nicht garantieren will, dass keine Kinderarbeit in einem Sakko oder einer Bluse steckt. Deutschland sollte hier vorangehen und Standards setzen und Europa sollte folgen.

Sie klingen nicht wie ein CSUler sondern wie ein NGOler.

Müller: Wieso? Europa und Nachhaltigkeit sind Kernthemen der CSU. Es muss immer Wellenbrecher geben. Toni Garrn und ich gehen jetzt voran und setzten Signale.

Frau Garrn, was haben Sie heute mit dem Minister noch vor?

Toni Garrn: Ich möchte an den Ständen alles probieren. Die Schokolade wird der Höhepunkt.

Müller: Ich freue mich auf den Moment, wenn wir gemeinsam gebratene Heuschrecken essen ...

Toni Garrn: Oh, die probiere ich, auch wenn ich sonst vegan bin.