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CSU Michael Glos, der Bundeswitzeminister


Die Wirtschaft wächst, die Steuereinnahmen sprudeln, aber nach einer stern-Umfrage wissen 71 Prozent der Bundesbürger nicht, wer Bundeswirtschaftsminsiter ist. Und das hat Gründe.
Ein Porträt von Markus Baluska

Gedränge in der Dienstlimousine. Vorne der Reporter, auf der Rückbank Michel Glos und zwei Referenten. Glos war gerade beim Bundesverband der Deutschen Industrie, hat geredet, danach die Kamerateams mit Soundbites über den hohen Ölpreis gefüttert. Wie so oft hat der Bundeswirtschaftsminister eine unverfängliche Forderung aufgestellt, nämlich, dass die Märkte transparenter werden müssten. Sätze, die sich versenden werden. Jetzt sitzt Glos im Auto und reißt Witze, auch über sich selbst. Er wolle zurück zum Ministerium, sagt er. "Ich muss die Papiere ja auch lesen, über die ich spreche."

Akten lesen, Reden vorbereiten, Themen einspeisen. Eigentlich würde er lieber noch ein paar Witze erzählen. Michel Glos, CSU, leidet unter seinem Amt, und das Amt leidet unter ihm. Deswegen ist daraus nie eine Erfolgsgeschichte geworden. Die wichtigen Themen setzen andere. Finanzminister Peer Steinbrück hat die Reform der Unternehmensbesteuerung angeschoben, der ehemalige Arbeitsminister Franz Müntefering die Mindestlöhne auf die Agenda gesetzt, Umweltminister Siegmar Gabriel profiliert sich mit Energiepolitik. Und Glos? Fordert transparentere Märkte.

Unbekannt und schlecht benotet

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag des stern wissen 71 Prozent der Bundesbürger nicht, wer das Amt des Wirtschaftsministers innehat. Von denen, die schon mal von ihm gehört haben, meinen 64 Prozent, er mache seine Arbeit nicht gut. Mit diesen Werten bewegt sich Glos im Vergleich zu seinen Kabinettskollegen im unteren Drittel. Doch nicht nur die Bürger wissen wenig mit Glos anzufangen. Der Regierung scheint es genauso zu gehen. Jedes Mal, wenn eine Kabinettsumbildung im Gespräch war, fiel der Name Glos. Braucht jemand ein Ministerium, muss jemand versorgt werden? Na klar, den Glos könnte man ersetzen.

Früher war alles anders und für Michel Glos besser. Der Franke führte die CSU-Landesgruppe im Bundestag, und in dieser Funktion konnte er noch nach Herzenslust polemisieren. Den damaligen Außenminister Joschka Fischer nannte er einen "Terroristen", Umweltminister Jürgen Trittin einen "Öko-Stalinisten", die gesamte rot-grüne Regierung sei eine "Chaos-Combo". Seine rhetorischen Talente waren beim politischen Gegner gefürchtet, die CSU-Landesgruppe liebte ihn dafür. Glos, das war das Kampftier der CSU in der Berliner Arena.

Glos hatte keinen Plan

Doch dann kam die Bundestagswahl 2005. Glos, der auf das Amt des Verteidigungsminister schielte, verhandelte mit Frank-Walter Steinmeier, SPD, die Passagen des schwarz-roten Koalitionsvertrages zur Außen- und Sicherheitspolitik. Die Wirtschaft war Edmund Stoibers Beritt, schließlich wollte der mal Superminister der großen Koalition werden. Doch dann zog Stoiber zurück, Glos musste einspringen, also fiel ihm ein Ministerium zu, das er nie wollte. Was tun? "Ich hatte auch keinen Plan", räumt er in der Rückschau ein. Seine Kritiker sagen, das sei bis heute so geblieben.

Sicher ist: Glos wird nie zu den Topleuten aufschließen, deren Porträts in der Ahnengalerie seines Ministeriums hängen, darunter Ludwig Erhard, Karl Schiller, Franz Josef Strauß, Otto Graf Lambsdorff, Helmut Schmidt oder auch Wolfgang Clement. Glos spielt eher in einer Liga mit solchen Vorgängern wie Jürgen W. Möllemann, Martin Bangemann oder Helmut Haussmann. "Glos ist kein Erhard oder Schiller", resümiert Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretärs des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. "Aber ein verlässlicher Partner". Andere Wirtschaftslobbyisten werden deutlicher, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Glos würde sich selten festlegen, heißt es, da sei er wie die Bundeskanzlerin. In Details würde sich Glos erst gar nicht einarbeiten, sein Einfluss in der Regierung sei eng begrenzt.

Rettet er die CSU?

Gleichwohl muss Glos nie um sein Amt fürchten. Die Bundeskanzlerin steht hinter ihm, die CSU sowieso. Wie groß Glos' Hausmacht in seiner Partei ist, zeigen die Personalspekulationen, die derzeit durch Berlin wabern. Sollte die CSU bei den Landtagswahlen in Bayern abschmieren, also deutlich unter 50 Prozent bekommen, wäre der Parteivorsitzende Erwin Huber vermutlich nicht mehr zu halten. Neben Horst Seehofer gilt Glos als ein Mann, der Huber beerben und die Partei neu aufstellen könnte. Denn die Partei ist sein ureigenes Fachgebiet, das Glos nach wie vor beackert. Will die CSU die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, fordert Glos die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, will die CSU Steuersenkungen, fordert Glos Steuersenkungen. Es gibt in Berlin keinen verlässlicheren Parteisoldaten als den Bundeswirtschaftsminister.

Die Partei ist ihm ernst, ernster als das Ministerium, dem erst seit Bestallung des Staatsekretärs Walther Otremba keine größeren Pannen mehr unterlaufen. Nicht selten tritt der Wirtschaftsminister wie ein Entertainer auf, er liebt es, seine Vorträge mit persönlichen Anekdoten und Kalauern anzureichern. Als er mit einem deutschen Astronauten im All telefonierte, kommentierte er das mit dem Satz: "Ich habe mit einem Außerirdischen gesprochen, und das bei vollem Bewusstsein." Über solche Sprüche freut sich Glos wie ein kleines Kind, sein ganzer Körper gerät in Aktion, er lässt sich in die Knie sacken und streckt sich mit der Pointe. Gerne, allzu gerne, erzählt der gelernte Müllermeister auch von seiner fränkischen Heimat. In seinem Wahlkreis, sagt Glos, würden 60 Prozent des fränkischen Weines angebaut. Er habe in seinem Leben mehr Weinköniginnen geküsst als der Rheinland-Pfälzer Rainer Brüderle, FDP - und zwar "am liebsten hinter dem Festzelt".

Die Wirtschaft, heißt das wohl, die Wirtschaft läuft zum Glück ja auch ohne mich.


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