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CSU-Parteitag: Stoiber, die bellende Büroklammer

Die Erwartungen waren enorm: Wie würde Edmund Stoiber den CSU-Parteitag in München eröffnen? Mit halb verdeckten Attacken auf seine Nachfolger? Mit sentimentalen Rückblicken auf seine Amtszeit? Stoiber sprach insgesamt 70 Minuten. 15 hätten auch gereicht.

Von Lutz Kinkel, München

Ja, ja. Er hat Bayern nach vorne gebracht. Die Pisa-Studien belegen es. Die Wirtschaftsdaten. Der ausgeglichene Haushalt. Aber nun ist gut. Soll der große Meister nach Hause gehen. Die rund 1000 Delegierten applaudieren, stehend, fünf Minuten plus X. Das muss reichen. Dann geht es weiter mit dem nächsten Tagesordnungspunkt: der Debatte um das CSU-Grundsatzprogramm.

Inhalte, nicht Show

Immer wieder weist Edmund Stoiber in der 70minütigen Rede, die er zuvor gehalten hatte, auf das Programm hin. Nach dem ganzen Theater der letzten Monate, dem Aufstand der schönen Landrätin, dem Putsch der Herren Erwin Huber und Günther Beckstein, der schmierigen Intrige gegen Horst Seehofer, will Stoiber nichts mehr von den Machtkämpfen hören - und schon gar nicht darüber sprechen. Stattdessen bittet er die Delegierten geradezu flehentlich, wieder die Politik in den Vordergrund zu stellen. "Es geht um mehr als nur Personen. Wir wollen zeigen: Die CSU ist eine Partei der Inhalte." Diesen Satz wiederholt er in Varianten mindestens vier Mal. Dabei rutscht ihm dann doch eine Bemerkung übers CSU-Personal heraus. "Die CSU ist kein Happening. Sie wird durch Inhalte zusammengehalten und nicht durch Show", sagt er.

Stimmung will nicht aufkommen

Die "Show" - das ist die Chiffre für Gabriele Pauli. Gerade hat sie sich schulterfrei, in eine wehende bayerische Fahne gehüllt, für die "Bunte" fotografieren lassen. Zuvor hatte sie den bizarren Vorschlag in Umlauf gebracht, Ehen nur noch auf Zeit zu schließen. Pauli hat sich damit zum Spaltenfüller der Boulevardpresse entwickelt. Aber aus der ernsthaften Politik verabschiedet. Das Programm also. Stoiber reitet die üblichen Positionen ab. Ehe. Familie. Leitkultur. Nation. Wehrhafte Demokratie. Keine Moscheen, die Deutschlands Kirchtürme überragen. Keine EU-Mitgliedschaft der Türkei. Alles schon mal gesagt, alles schon mal gehört. Die Reaktion unter den Delegierten ist verhalten, Stimmung will nicht aufkommen. Nur als Stoiber das Betreuungsgeld, die "Herdprämie" verteidigt, wird das Publikum etwas munterer. Aber ist das Betreuungsgeld ein existenzielles Projekt für die CSU? Etwas, das über Wahlerfolge, Profil und Identität der Partei entscheidet? Nein. Natürlich nicht.

Erstaunlich intensiv drängt Stoiber die CSU, die ihn am Samstag aus dem Parteivorsitz verabschieden wird, mehr über das "Soziale" nachzudenken. "Die CSU ist die Partei der kleinen Leute", beschwört er die Delegierten. Sie seien die Basis, der Humus, auf dem die CSU gedeihe. Stoiber wäre aber nicht Stoiber, wenn er diese These nicht auch durch Zahlen untermauern würde. Ab einem Gehalt von 3500 Euro wählen nur noch 38 Prozent der Bayern die CSU. Bei einem Einkommen bis 1000 Euro sind es 63 Prozent. Die CSU als Schutzmacht der Schwachen. Aber auch dieser Gedanke will nicht richtig zünden. Stoiber ist angestrengt, er spricht laut. Kaum verlässt er den vorformulierten Redetext, beginnt er sich zu verhaspeln. In Interviews vor dem Parteitag hat Stoiber immer wieder stolz darauf hingewiesen, dass ihn Franz Josef Strauß als "bierzelttauglich" eingestuft habe. Aber davon ist hier im Messezentrum nichts zu spüren. Stoiber versprüht den Charme einer Büroklammer. Einer bellenden Büroklammer.

Was ist los? Offenkundig gestattet sich der Pflichtversessene keine Emotion. Keine Attacken auf jene, die ihn abgesägt haben. Kein seufzender Rückblick auf die eigene Amtszeit. Kein Scherz, keine Anekdote, kein persönliches Wort. Stattdessen stellt er sich vermeintlich in den Dienst der Partei, in den Dienst der "Inhalte". In der CSU weiß indes jeder, dass Stoiber ein eitler, selbstverliebter Mensch ist, der sich selbst im Zweifelsfall über jeden Inhalt stellt. Darum wirkt seine Rede nicht authentisch. Stoiber erreicht die Delegierten nicht mehr. Es ist sein 66. Geburtstag heute. Zeit für die Rente.