HOME

Der Abwasch der Woche: Bei Schröder war noch Rock'n'Roll

Was sind die Zeiten langweilig. Keine Testosteron-Schübe à la Schröder mehr, kein großes Kino. Nur brave Koalitionäre, die Ursula von der Leyen Geburtstagsliedchen singen.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Früher war nicht alles besser. Wir sagen nur: Matthäus, Möllemann, Modern Talking. Aber eins ist auch richtig: Früher war mehr Lametta. Eindeutig. Erinnert sich noch jemand an 1998? Rot-Grün: Jetzt geht's los, Regieren macht Spaß - und dann ging's los und es flogen die Fetzen, bis sich Oskar hinter seinen saarländischen Jalousien verschanzte (dazu gleich noch mehr) und der Bodo seine Schuldigkeit (und Schludrigkeit) getan hatte und auf den Balkan geschickt wurde.

Oder 2002: Das Triumphgeheul der Alpha-Stiere. Otto wirft mit spitzen Gegenständen und harten Worten (oder war's umgekehrt?) um sich, der Spar-Hans will sich fiskalisch an Schnittblumen und Hundefutter vergreifen, bis Gerd ihn für alle Zeiten zum Spar-Hansel degradiert: "Lass gut sein, Hans!" Und das allerschönste war: Es wurde während der Koalitionsverhandlungen geratscht, getratscht und aus den vertraulichen Sitzungen berichtet, dass sich die lebensprallen Geschichten wie von selbst schrieben. Da war die Kirche noch im Dorf beziehungsweise Leben in der Bude. Faust auf den Tisch und basta la vista, baby!

Und heute? Heute ist Angela. Schluss mit lustig. In-die-Röhre-Gucken statt Großem Kino. Irgendwie eine Unterdosis Testosteron und Tratsch. Der Höhepunkt ist schon erreicht, wenn kolportiert wird, wie die schwarz-gelbe Verhandlungsrunde dem Röschen von der Leyen ein Geburtstagsständchen darbringt (übrigens nix happy birthday, man singt deutsch) und das Röschen eine Rutsche Blechkuchen springen lässt. Interessant? Gähnau! Oder wenn Guido mehr netto vom brutto fordert und dabei mit Lateinvokabeln wirft: "Das ist dann der casus belli." Für alle Nicht-Asterix-Leser: Der Kriegsfall. Wie's weitergeht? Vielleicht wie in dem alten Otto-Film: Apropos Krieg - krieg ich noch ein Stückchen von dem lecker Kuchen?

*

In Kiel, um mal ganz schnell umzuschalten, kriegen sie jetzt auch eine schwarz-gelbe Koalition und da geht's nun aber wirklich los. Denn bei der Regierungsbildung gibt es eine echte Novität: einen FDP-Sozialminister. Noch mal ganz langsam zum Mitwundern: F-D-P-So-zi-al-mi-ni-ster. Allmählich ist wirklich nichts mehr, wie es mal war. Fehlt nur noch ein grüner Verteidigungsminister. Oder müssen wir unser Bild von den Freidemokraten umpinseln? Bellen die nur ein bisschen neoliberal, beißen dann aber gar nicht, sondern erhöhen das Schonvermögen bei Hartz IV? Wollen in Wirklichkeit auch nur liebgehabt werden?

Kurz und erstaunlich: Nur Schafe im Wolfspelz? Demnächst mehr aus Guidos Bestiarium. Wir bleiben dran.

*

Wo wir uns gerade so tierisch amüsieren: Früher, also ganz früher, gab es schon mal Koalitionen, an denen die FDP beteiligt war. Und wenn die sich dann mal ein bisschen dicke machte, spottete Franz Josef Strauß: Jetzt versucht wieder der Schwanz mit dem Hund zu wedeln. Heute haben diese Rolle die Grünen übernommen. Nur wedelt da die Schwanzspitze mit dem ganzen Hund.

Und damit ins Saarland. Der Saarländer als solcher ist ja schon ein bisschen seltsamer als der Rest der Republik. Wenn der Saarländer zum Beispiel abgewählt wird, dann räumt er nicht einfach das Familienfoto vom Schreibtisch und geht gemütlich in den Ruhestand, sondern setzt sich mit den Grünen zusammen, guckt gemeinsam mit denen ins grüne Wahlprogramm und sagt dann: He, auch nicht schlecht, ist zwar das genaue Gegenteil dessen, was wir die ganze Zeit gemacht haben, aber probieren wir doch einfach mal das. Kommt hier eh nicht drauf an. Und schon haben wir die schönste Jamaika-Koalition und die Grünen zwei Ministerposten. Das Saarland hat übrigens 1.030.000 Einwohner, von denen haben 544.000 gewählt, davon 31.500 die Grünen, also in etwa die paar Hanseln hinter der Million. Da kann man mal wieder sehen: Kleinvieh macht doch ne Menge Mist.

Müllern war früher, im Fußball, übrigens ein Synonym dafür, den Ball irgendwie ins Tor zu bugsieren. Sah nicht immer schön aus, war aber immens erfolgreich. Die Vokabel kann man jetzt getrost auch ins Politfach übernehmen.

Wo wir gerade von früher reden. Früher hätten die Grünen, bevor irgendein Ulrich sich zum Saarlouis macht, einen KB-geschulten oder KBW-gestählten Emissär mit grimmen Blick ins Saarland geschickt und klargestellt: Jamaika? Kannste in der Pfeife rauchen! Heute platzen sie vor Wut, lassen aber nur ihren Cohn-Bendit raus. Der saarländische Grünen-Chef, poltert der rote Dany, sei eine "zweifelhafte Persönlichkeit", "ein Mafioso" und überhaupt: "Das sind ja ganz merkwürdige Mafioso-Strukturen im Saarland."

Jamaika? I wo: Sizilien.

*

Es ist, Ehreschwöre!, übrigens der reine Zufall, dass wir jetzt noch mal auf Oskar Lafontaine zurückkommen. Alle zehn Jahre kriegt der den Rappel und macht sich mirnixdirnix davon aus der großen Politik, zurück ins Saarland, zur Familie - und zum armen Heiko Maas, für den er inzwischen so eine Art immer wiederkehrendes Gottesgericht sein muss. Und alle gucken ganz überrascht. Es muss so eine Art Trieb sein.

Inzwischen hat Lafontaine seinen Kleinkrieg gegen die SPD fast gewonnen, er hat seine Ex-Partei ziemlich klein gekriegt und ist darüber doch etwas milder geworden. Er macht jetzt Altersteilzeit statt freiwilliger politischer Vollverrentung, das bisschen Parteivorsitz erledigt er mit links. Und er erklärt seinen einsamen Entschluss sogar öffentlich. Früher, da hat er einfach ein paar Dreizeiler für Schröder hinterlassen, hat sich ins Auto gesetzt, hat daheim die Jalousien runtergelassen und war erst mal nicht mehr zu sprechen.

Bei Lichte betrachtet: Es war wirklich nicht alles besser früher. Aber mehr Lametta war schon. In jeder Hinsicht.