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Deutschland nach der Terrorwarnung: "Was passiert, das passiert"

Terror-Alarm in Deutschland: mehr Polizei, mehr Kontrollen, mehr Absperrungen. Doch die Bürger sehen es gelassen und geradezu fatalistisch. Szenen aus Berlin und Hamburg.

Von Sophie Albers und David Bedürftig

Absperrgitter vor dem Reichstag, verstärkte Kontrollen, Polizeiaufgebot an Flughäfen und Bahnhöfen - und in der U-Bahn läuft wieder die Zeile "Bitte achten Sie auf verlassene Gegenstände und Gepäckstücke" über die Anzeigetafeln. Politiker wollen "endlich" eine Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung und Berlins Innensenator Ehrhart Körting fordert die Bürger auf, Verdächtige - "seltsam aussehende Menschen, die sich nie blicken lassen, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen" - den Behörden zu melden. Ein ominöser Gepäckfund in Namibia erhöht die Nervosität zusätzlich. Kurzum: Deutschlands Politiker und Behörden sind in Alarmstimmung. Die Terrorwarnung von Bundesinnnenminister Thomas de Maizière hat in der Republik ihre Spuren hinterlassen.

Doch was sagen denn die Bürger dazu? stern.de hat sich in den "Gefährdungszentren" Berlin und Hamburg umgesehen.

In Berlin gibt es auf die Frage nach der Angst erstmal ein Schulterzucken. "Was soll man denn machen?", fragt eine Verkäuferin in einem Bahnhofsbackshop. Dann lacht sie auch noch und meint: "So was wie uns will der liebe Gott doch gar nicht." Ein Mitarbeiter in einem Coffeeshop verzieht keine Miene, lehnt sich extrem relaxt nach hinten und ruft zwei Kolleginnen zu: "Mädels, fühlt ihr euch bedroht?" "Nö!" Kichern. Dämliche Frage. "Wir haben keine Zeit, uns Sorgen zu machen", ruft eine aufmüpfig.

Genauso unerschrocken zeigt sich Hamburg: Reisende interessieren sich einfach nicht für Al-Qaida: "Angst? Nein, eigentlich ist alles ganz normal", sagt eine Blumenverkäuferin am Bahnhof. Es sei so viel los wie immer. Er sei nicht vorsichtiger geworden, meint ein Reisender aus Hannover locker. "Man kann doch sowieso nichts gegen Terroristen oder Bombenleger machen."

"Die Weste bringt nichts"

Und was sagen die, die auf diese sorglosen Bürger aufpassen müssen? Durch den Berliner Hauptbahnhof schlendern mehrere Streifen der Bundespolizei, immer zu zweit, einer mit einer MP5 um den Hals, beide in schusssicheren Westen. Auf die Frage, wie angespannt die Lage denn sei, meint ein freundlicher Beamter mit Schnurrbart: "Wenn man den ganzen Tag mit der Sieben-Kilo-Weste und der Waffe rumsteht, ist man nicht mehr so entspannt."

"Die Leute sind schon beunruhigt, wenn sie uns sehen", fügt sein ernsthafter Kollege hinzu. "Dabei sind wir doch eigentlich da, damit die Leute sich sicherer fühlen." Ein anderer Polizist ist noch offener: "Die Weste bringt gar nichts bei einem Bombenanschlag. Dann fliegt der Kopf weg, aber der Brustkorb ist noch intakt." Die nächste Streife sieht die Sache deutlich strenger: "Kein Kommentar", heißt es unter einem "Terminator"-Blick, der unablässig die Halle scannt. Währenddessen schüttelt nebendran eine Frau den Kopf und sagt in ein Journalistenmikrofon, dass sie keine Angst habe. Und da ist er wieder, der Fatalismus: Man könne schließlich nichts tun.

Als weiteres vermeintliches Anschlagsziel wurden Weihnachtsmärkte genannt. Die werden in Berlin und Hamburg zwar gerade erst aufgebaut, aber fragen kann man ja schon mal: "Was passiert, das passiert", sagt eine Blumenverkäuferin am Hamburger Rathaus. Sie verspüre zwar ein leichtes Unbehagen, aber es nütze ja nichts, in Panik zu verfallen. "Die Leute werden schon kommen, da habe ich keine Bedenken", sagt ein Mann und baut weiter an seinem Stand. Das sei Panikmache der Medien, befindet sein Berliner Kollege nahe dem Alexanderplatz und rührt in gebrannten Mandeln. Sein Standnachbar mit den kandierten Früchten ist etwas eloquenter: "Respekt muss man haben, aber keine Angst."

"Es ist mir egal"

Vielleicht machen sich die Berliner ja mehr Sorgen um ihren Fernsehturm? Aber auch hier Fehlanzeige. "Wir haben das im Griff", sagt eine Blondine am Eingang und lacht, während der Security-Mann neben ihr brummelnd zugibt, dass seine Mannschaft aufgestockt worden sei. "Mehr darf ich nicht sagen."

Bleiben die Touristen. Ciarán Buttler, ein junger Ire, der in Berlin Fremden die Stadt erklärt, lächelt über die Terrorangst: "Ich bin schon viel herumgekommen und habe schon viel gehört, dagegen kaum etwas gesehen." Seine Stadtführung sei heute genauso voll wie gestern. "Und das bei dem miesen Wetter." Auch Hye Lim Kim aus Südkorea muss lachen: "Um ehrlich zu sein, es ist mir egal", sagt sie und zuckt mit den Schultern wie ein echter Berliner.

Nur einem ist es in diesem Augenblick überhaupt nicht egal: Am Eingang des Berliner Hauptbahnhofs steht am Nachmittag ein junger Mann, dessen Gesichtsausdruck zwischen genervt und hilflos wechselt. Ein Polizist kontrolliert seinen Pass, während der andere den dunkelhaarigen, -äugigen, -häutigen Reisenden in Schach hält. Er sieht ein bisschen "seltsam" aus und wahrscheinlich spricht er "nur Arabisch oder eine Fremdsprache, die wir nicht verstehen".