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Bruderschaft-Kultur : Psychologe erklärt, warum Umgang mit Andrea Nahles typisch für die SPD ist

Der Umgang mit der zurückgetretenen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles stößt bei vielen auf Kritik. Von Mobbing ist die Rede. Das Köpfen einer Führungsfigur gehört bei der SPD jedoch zu Tradition, sagt Psychologe Stephan Grünewald.

Video: Scholz und Schwesig kritisieren Verhalten der SPD gegenüber Nahles

Der teils ruppige Umgang der SPD mit ihrer nun zurückgetretenen Vorsitzenden Andrea Nahles geht nach Einschätzung des Psychologen Stephan Grünewald auf ein grundsätzliches Problem der Sozialdemokraten mit Führungsfiguren zurück. "Das hängt damit zusammen, dass die SPD immer eine Brüdergemeinschaft war, die der Solidarität verpflichtet war", sagte der Autor des Buchs "Wie tickt Deutschland?". Derjenige, der Erster unter Gleichen sei, durchbreche die Gleichheit der Brüder. "Und dem begegnet man tendenziell mit Argwohn. Man braucht dann schon Vaterfiguren wie Willy Brandt oder Helmut Schmidt, die von der Brüdergemeinschaft akzeptiert werden - jedenfalls solange sie im Zenit ihrer Macht stehen."

Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles wollen  39 Prozent der Deutschen eine möglichst schnelle Neuwahl 

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Große Unterschiede zwischen SPD und CDU

Dagegen sei die CDU eine Unternehmerpartei mit patriarchischen Zügen. "Sie folgt dem Führerprinzip. Die SPD hat dagegen das Solidar- oder Brüderprinzip gesetzt. Sobald ein Oberbruder oder eine Oberschwester Schwächen zeigt, scharren die anderen mit den Füßen."

Vor zwei Jahren habe die Partei mit Martin Schulz, Sigmar Gabriel und Hannelore Kraft noch über Persönlichkeiten mit einer gewissen Strahlkraft verfügt, doch mittlerweile seien sie alle in der Versenkung verschwunden. Durch die vielen Führungswechsel befinde sich die SPD mittlerweile in einem Dilemma, das ihn an die russischen Matrjoschka-Puppen erinnere: "Sie köpfen immer eine Führungsfigur und ziehen dann eine kleinere hervor. Das geht jetzt schon seit 20 Jahren, und jetzt sind wir bei Andrea Nahles angekommen. Diesen Selbstschrumpfungsprozess gilt es aufzuhalten."

Die endlosen Personaldebatten bewahrten die SPD bisher vor einem schmerzhaften, aber dringend notwendigen Prozess der Aufarbeitung. "Solange sich die Partei mit sich selbst beschäftigt, hat sie den Blick nach innen gerichtet und muss sich nicht mit der Kränkung auseinandersetzen, dass nur noch von 15 Prozent der Wähler mit ihr etwas anfangen können. Hier wären Trauerarbeit und eine inhaltliche Neuausrichtung wichtig."

Kritik am Umgang mit Andrea Nahles 

Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht hatte unter anderem den Umgang einiger SPD-Politiker mit ihrer zurückgetretenen Chefin kritisiert. "Wenn nach einer beispiellosen Wahlschlappe neben einer inhaltlichen Neuausrichtung auch personelle Konsequenzen gefordert werden, ist das kein Mobbing, sondern angemessen", sagte sie. Mobbing beginne aber da, "wo jemand von den eigenen Leuten durch anonyme Sticheleien und gezielt lancierte Beleidigungen so lange öffentlich demontiert wird, bis der Betreffende das Handtuch wirft".

Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete und frühere Spitzenmanager Thomas Sattelberger hatte einen "Sozialdarwinismus" im politischen Karrierebetrieb kritisiert. "Manager arbeiten auch nicht mit Samthandschuhen - aber die Rücksichtslosigkeit in der Politik ist größer", sagte der 69-Jährige. Sozialdarwinismus ist vereinfacht gesagt die Theorie einer Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt. "In der Wirtschaft geht es zivilisierter zu", sagte Sattelberger. "Viele Unternehmen legen sehr großen Wert auf Teamarbeit und eine Feedbackkultur - das ist in der Politik wenig ausgeprägt."

Scharfe Kritik äußerte Sattelberger an Juso-Chef Kevin Kühnert. "Kühnert hat in seinem Berufsleben fast nichts anderes gemacht als Parteipolitik. Er hat Nahles mit seiner Dauerkritik an der Großen Koalition den Dolch in den Rücken gestoßen - und nun sagt er, er schäme sich für den Stil in der Partei. Wie zynisch. Das ist ein Skandal."

Andrea Nahles, SPD
ivi / DPA