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Diskussion um Claudia Roth: Die Grünen haben alles richtig gemacht

Claudia Roth wäre definitiv die falsche Spitzenkandidatin. Sie steht für die Grünen, wie es sie schon lange nicht mehr gibt. Trotzdem ist es gut, dass sie als Vorsitzende nicht hinschmeißt.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Die mageren 26,2 Prozent, mit denen Claudia Roth bei der Urwahl der grünen Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 abgestraft wurde, sagen wenig aus, welchen politisch-emotionalen Wert diese Frau für ihre Partei auch künftig hat, die sie jetzt schon fast zehn Jahre führt.

Die stürmischen Umarmungsversuche und Trostworte vom Wochenende, die Liebeserklärungen von allen Seiten, vom Fundi bis zum Realo, von der Führung bis zur Basis, die Roth am Wochenende von Parteifreunden zuteil wurden, sagen viel über ihren tatsächlichen Stellenwert aus. Dass Roth selbst schwer getroffen wurde von der Abfuhr bei der Urwahl, ist verständlich. Sie hatte schließlich die Abstimmung vorgeschlagen, dafür mit allen Kräften gekämpft und gewiss auch gehofft, dass die Parteimitglieder ihr diese Form der Mitbestimmung bei der Wahl der Spitzenkandidaten danken und dafür belohnen würden.

Dass das nicht geschehen ist, war jedoch eine politisch kluge Entscheidung der Basis. Trotz all der Verdienste, die sich Claudia Roth im Laufe der Jahre durch ihr oft lautes, schrilles und zuweilen auch fast peinlich-rührseliges Werben für die Grünen erworben hat - sie wäre die falsche Spitzenkandidatin an der Seite von Jürgen Trittin gewesen.

Eine Spitzenkandidatin für vergangene Zeiten

Roth steht für eine Partei, die es längst nicht mehr gibt. Eine Spitzenkandidatin Roth hätte die jungen, stürmischen Grünen aus den achtziger Jahren repräsentiert. Die freilich gibt es seit langem nicht mehr, gab es schon zu Zeiten des Joschka Fischer nicht mehr. Und an die Seite eines Winfried Kretschmanns passt eine Claudia Roth schon gleich gar nicht. So großbürgerlich wird diese Frau nie werden.

Dennoch darf sich die Parteivorsitzende am Wochenende in Hannover auf eine Wiederwahl freuen, die brillant ausfallen wird. Dies nicht nur, weil es zu Roth derzeit keine überzeugende Alternative gibt. Steffi Lemke wird dringend als Wahlkampfleiterin benötigt, Cem Özdemir ist in den Augen der Partei noch immer eine wegen seiner politischen Jugendsünden wenig geliebte Person, und ein chronischer Taktiker, dem grüne Emotionalität rundum fehlt. Es stimmt zwar, dass Roth sich programmatisch nicht mit ihrer Partei weiterentwickelt hat, aber sie repräsentiert vorbildlich deren Geschichte.

Ein neues Gesicht, das die vielen neuen machtpolitischen wie programmatischen Perspektiven der Grünen überzeugend und glaubwürdig darstellt, gibt es nicht. Für die Bundestagswahl galt Roth zwar einer klaren Mehrheit der Mitglieder als nicht herzeigbar, weil politisch zuweilen rundum irrational. Aber für den inneren Frieden der Partei ist Roth unverzichtbar. Weil sie für eine Politik steht, die nicht allein vom machtpolitischen Pragmatismus der Jüngeren geprägt ist. Realos und Realas gib es bei den Grünen mittlerweile reichlich, fast zu viele.