HOME

Die Drohnen der Bundeswehr: Euro Hawk und andere fliegende Sorgen

Jeder hat schon mal von Euro Hawk gehört, dem vorerst gescheiterten Drohnen-Projekt der Bundesregierung. Aber die Bundeswehr besitzt noch viel mehr Drohnen. Eine Übersicht.

Bei der Debatte um Drohnen geht es zumeist um die Frage, ob sie bewaffnet werden können - also als fliegende Exekutionskommandos einsetzbar sind. Für diesen Zweck sind sie zumeist jedoch gar nicht gebaut. Ihre Hauptaufgabe ist: Aufklärung aus der Luft. "Drohnen tragen dazu bei, dass man ein gutes Situationsbewusstsein hat und weiß, was um einen herum passiert", sagt Florian Holzapfel von Institut für Flugsystemtechnik der TU München im Gespräch mit dem stern. Die Bundeswehr besitzt rund 800 Drohnen, die sich in sechs verschiedene Typen aufteilen. Nach Einschätzung Holzapfels ist sie dennoch schlecht ausgerüstet. "Viele Größen und Einsatzsegmente von Drohnen sind bei der deutschen Bundeswehr nicht vorhanden."

Fünf der sechs vorhandenen Drohnentypen befinden sich im Einsatz. Nur Euro Hawk steht in der Garage.

Die Drohnen der Bundeswehr im Überblick:

Aladin

Der Name Aladin ist - natürlich - ein Kürzel. Er setzt sich aus den Begriffen "Abbildende Luftgestützte Aufklärungsdrohne im Nächstbereich" zusammen. Die Bundeswehr besitzt 323 dieser Drohnen, allerdings sind nur 290 davon einsatzfähig. Unter anderem im Kosovo und in Afghanistan flog die Drohne knapp 2500 Einsätze bei Tag und Nacht. Aladin ist ein kleines Fluggerät, es hat nur eine Länge von 1,53 und eine Spannweite von 1,46 Metern, fliegt bis zu 150 Meter hoch und erreicht ein Maximalgeschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde. Sie bleibt bis zu 30 Minuten lang in der Luft und kann sich dabei bis zu fünf Kilometer von der Bodenstation entfernen.

Luna:

Luna gehört wie Aladin zu den kleineren Drohnen, sie hat eine Länge von 1,36 und eine Spannweite von 4,17 Metern. Auch ihr Name ist die Kurzform einer etwas umständlichen militärischen Bezeichnung "Luftgestützte unbemannte Nahaufklärungsausstattung". Die Bundeswehr nutzt sie, um Videos, Infrarotfilme und Standbilder aktueller militärischer Lagen zu produzieren. Nach Angaben des Herstellers EMT kann die Drohne bei einer Flughöhe von bis zu 5000 Metern rund sechs Stunden in der Luft bleiben. Die Geschwindigkeit beträgt zwischen 70 und 160 Stundenkilometern. Aktuell wird sie vor allem im Rahmen der ISAF Mission in Afghanistan eingesetzt. Nach Angaben der Bundeswehr absolvierte sie dort bis zum April 2014 knapp 4000 Flüge. Im Falle einer Übereinkunft mit der OSZE würde Luna auch über der Ostukraine fliegen. Die Drohne ist jedoch auch in der Kritik. Weil das Bodenpersonal, das Luna steuert, relativ nah am Einsatzort sein muss, sind Operationen nicht ungefährlich. Zudem gab es besonders in Afghanistan immer wieder Zwischenfälle. 2004 flog Luna über Kabul und hätte fast ein Passagierflugzeugt gerammt. Durch den enormen Luftzug der Maschine kam Luna ins Trudeln und stürzte ab.

Häufige Einsätze

Insgesamt ein Drittel der Drohnen - die Bundeswehr besitzt 142 Lunas - ist kaputt. Florian Holzapfel hält das jedoch nicht für ungewöhnlich: "Die Luna macht eine Sacklandung, purzelt also sozusagen vom Himmel. Da können Beschädigungen vorkommen." Und auch diese werden bei der Bundeswehr in die Verlustzahlen miteinberechnet. "Ich persönlich finde die kleineren Systeme Aladin und Luna sehr gut", resümiert der Drohnenexperte. Das werde auch daran deutlich, dass sie sehr häufig eingesetzt würden. Sie wären allerdings nicht in den Bestand gekommen, wenn bei der Beschaffung einer anderen Drohne, der KZO, nicht vieles falsch gemacht worden wäre.

KZO

Das "Kleinfluggerät für Zielortung" (KZO) ist 2,25 Meter lang und 3,41 Meter breit. Der Hersteller Rheinmetall ist einer der bekanntesten Lieferanten der deutschen Bundeswehr. Bei der Beschaffung kam es jedoch immer wieder zu Verzögerungen und einem Anstieg der Kosten. Bei einer Geschwindigkeit von bis zu 210 Stundenkilometern bleibt die Drohne bis zu 3,5 Stunden in der Luft. Die Bundeswehr nutzt sie zur Aufklärung von Lage und Ziel bei Einsätzen von Bodentruppen. Von den 61 Drohnen, die die Bundeswehr im Bestand hat, sind 43 einsatzfähig. Die meisten werden seit 2009 in der ISAF Mission in Afghanistan genutzt.

"Entwicklungszeiten und -Kosten von KZO sind zu hoch. Die stammt aus der klassischen Verteidigungsindustrie, auf die viel zutrifft, was im KPMG-Gutachten genannt wurde. Sieht man sich den Weltmarktpreis für Systeme an, die KZO ähnlich sind, so ist feststellbar, dass das mit den Kosten und Verzögerungen bei KZO nicht zusammenpasst", kritisiert Holzapfel im Gespräch mit dem stern. Nur weil es damals so zu Problemen gekommen sei, hätten Luna und Aladin überhaupt eine Chance gehabt, in den Bestand aufgenommen zu werden.

Mikado

Der Vier-Rotor-Hubschrauber "Mikado" mit Elektroantrieb ist mit nur einem Meter Durchmesser die kleinste Drohne im Bestand der Bundeswehr. Der Namen ist eine Abkürzung der Beschreibung "Mikro-Aufklärungsdrohne im Ortsbereich". In Einsätzen in Afghanistan wird sie genutzt, um Bilder von Personen, Waffen und anderen Objekten zu liefern. Das alles aus nächster Nähe, weil die Reichweite nur 1000 Meter beträgt und der kleine Helikopter auch nur 30 Minuten in der Luft bleiben kann. Von den 168 Stück im Bestand der Bundeswehr sind nur zwei aufgrund eines Absturzes nicht mehr einsatzfähig.

Nach Ansicht von Florian Holzapfel ist Mikado eher ein Randphänomen. Die Zahl der Einsätze in Afghanistan und dem Kosovo liegt bei rund 1800. "Je kleiner die Systeme, desto größer müssen die Einsatzzahlen sein, damit man von einer signifikanten Nutzung sprechen kann. Hätte jeder 20er Trupp eine dieser Drohnen und würde sie nutzen, könnte man davon sprechen, aber sonst würde ich das eher nicht als einen flächendeckenden Einsatz sehen", sagt er.

Heron 1

Das sogenannte "Male-Segment" (Medium Altitude Long Endurance) ist nach Ansicht von Florian Holzapfel eine der wichtigsten Drohnenklasse. Die Bundeswehr verfügt in diesem Segment über drei vom Hersteller Israel Aerospace Industries geleaste Drohnen namens Heron 1. Ihre lange Flugdauer von mindestens 24 Stunden zeichnet die Drohne aus. Während ihrer Einsätze kann sie eine maximale Höhe von 9150 Metern erreichen. Die Drohne, Länge 8,5 Meter, Spannweite 16,6 Meter, sendet Full Motion Videos aus der Vogelperspektive. Tagsüber lässt sich sie als fliegender Wächter für sich bewegende Truppen einsetzen, nachts wird mit ihr nach Bombenlegern und Schmuggelrouten gesucht. Die Bundeswehr hat alle drei Heron 1 in Mazar-e Sharif, Afghanistan, eingesetzt. Kommt es wie im November 2013 zu Abstürzen, wird die verlorene Drohne umgehend vom Hersteller ersetzt.

Heron1 wurde im Zuge der Isaf Mission angeschafft, weil keine anderen Modelle kurzfristig zu Verfügung standen. Nun müsse man nach Ansicht von Florian Holzapfel überlegen, was eine Dauerlösung sein kann. Damals habe die Bundeswehr richtig gehandelt, aber "das System Heron 1 ist zu klein". Nun sei über Alternativen wie zum Beispiel Heron TP oder Predator B nachzudenken, auch in höheren Stückzahlen. "Mit drei geleasten Flugzeugen sind wir nicht wirklich dabei. Es ist aber eigentlich etwas, das alle brauchen", sagt der Drohnenspezialist.

Euro Hawk

Die europäische Version der Global Hawk ist wohl die bekannteste deutsche Drohne. Seit Mai 2013 wird Euro Hawk nicht mehr getestet. Der Drohne fehlt ein automatisches Antikollisionssystem, deshalb hat sie keine Zulassung für den deutschen Luftraum. Der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière legte das Projekt auf Eis. Die 14,5 Meter lange Drohne hat eine Spannweite von 40 Metern und sollte als Träger des Aufklärungssystems ISIS sein. Nun wird wieder darüber diskutiert, ob die Drohne nicht zumindest für Testflüge verwendet werden soll, damit ISIS hinterher an einem anderen Träger wie zum Beispiel Triton angebracht werden kann. Euro Hawk kann rund 36 Stunden in der Luft bleiben. Dabei kann sie sich bis zu 15.000 Kilometern von der Basisstation entfernen und eine Flughöhe von rund 20 Kilometern erreichen.

"Unabhängig von der Zulassung ist der Träger Global Hawk ein Fluggerät, mit dem man einiges anfangen kann." Das sehe man auch daran, dass er an unterschiedlichen Stellen sinnvoll eingesetzt werde. Der Aufwand, um Euro Hawk in Deutschland zuzulassen, sei sehr groß. Dennoch sagt Holzapfel: "Um ISIS sinnvoll zu nutzen, ist Euro Hawk eigentlich die bestmögliche Plattform."

Veraltete Technik

Kritik formuliert Holzapfel am GPS-Empfang der aktuellen Bundeswehr-Drohnen. "Das System, das aktuell drin ist, ist altes Gelump", sagt Holzapfel dem stern. "Wenn sie sich heute ein Handy kaufen, ist der GPS-Empfänger im Handy wesentlich besser". Deutschland muss sich seiner Ansicht nach von der Verzahnung mit der Rüstungsindustrie lösen. "Die Mittelständler bieten meiner Meinung nach viel bessere und günstigere Lösungen an, können zudem auch noch schneller liefern", so Holzapfel. Neben dem Hersteller der Luna, EMT, gäbe es in Deutschland noch viele andere Mittelständler, die auch größere Systeme liefern könnten. "Die werden nur nie gefragt." Holzapfels drastisches Fazit zur Beschaffung bei der Bundeswehr: "Ich würde es so ausdrücken: Die lassen sich an der Stelle permanent verarschen."

Von Maren Christoffer