Einlagensicherungsfonds Wie sicher ist mein Geld auf der Bank?


Die US-Finanzkrise hat Deutschland erfasst. Mit einer Bürgschaft über 26,6 Milliarden Euro musste der Staat die Hypo Real Estate retten. Was passiert mit dem Geld der Kunden, wenn eine Bank pleite geht? In Deutschland gibt es den Einlagensicherungsfonds. Jenseits dessen hilft nur Vertrauen - und Beten.
Von Roman Heflik

Am Sonntagabend sickerten die ersten Nachrichten durch. Am Montagfrüh war es Gewissheit. Der deutschen Bank Hypo Real Estate (HRE), immerhin einem Dax-Konzern, drohte die Pleite. Die US-Finanzkrise hatte Deutschland erreicht. Spätestens jetzt. Zwar retteten die Bundesregierung und ein Bankenkonsortium die HRE in letzter Minute mit einer Bürgschaft in Höhe von insgesamt 35 Milliarden Euro. Für deutsche Bankkunden stellt sich dennoch die Frage: Was passiert mit meinem Geld, wenn meine Bank pleite geht?

"Da kann definitiv nichts passieren"

Was das für Auswirkungen auf die deutschen Banken hat, weiß kaum jemand besser als Manfred Weber. Er ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken. Und als Bankenverbandschef hütet er das ultimative Löschmittel, falls es im Gebälk der privaten Bankenwirtschaft brennen sollte: Weber ist Chef des Einlagensicherungsfonds.

Diesem Fonds sind die meisten deutschen Kleinanleger bereits begegnet, meist in einer beiläufigen Bemerkung ihres Bankberaters, bevor sie ein neues Sparkonto eröffnet haben. Solche Sätzen lauten meist so: "Ihr Geld ist bei uns über den Sicherungsfonds bis zu einer Höhe von x Millionen Euro abgedeckt. Da kann definitiv nichts passieren."

Anders als beispielsweise die Sparkassen, die erst im Schadensfall füreinander einstehen, zahlen fast alle der rund 230 in Deutschland aktiven Privatbanken regelmäßig präventiv in einen Geldtopf, den Sicherungsfonds. Geht eine einzahlende Bank pleite, entschädigt der Fonds die Sparer. "Im Prinzip ist das ein Sicherheitsnetz, um im Fall der Fälle die Anleger zu schützen", sagt Weber.

Eine Bankenpleite ist das Horrorszenario eines jeden Finanzexperten. Männer wie Weber haben Angst vor der Reaktion der Anleger. Wie wird die Herde von Hunderttausenden Sparern auf den Knall reagieren, wenn ein Geldhaus implodiert? Wird es nur leichte Unruhe geben? Oder bricht eine Stampede los, die alles niederwalzt?

Abschreckende Beispiele

Was bei so einem Banken-Run passieren kann, konnte man in Deutschland 1931 erleben. Die Zahlungsunfähigkeit weniger Banken genügte damals, um einen Ansturm der Kontoinhaber auf alle Banken auszulösen. Innerhalb weniger Tage kollabierte der Sektor und musste fast völlig verstaatlicht werden.

Dass sich so ein Dominoeffekt wiederholt, wollen die Banker um jeden Preis vermeiden. Als sich 1974 die private Kölner Herstatt-Bank durch Devisenspekulationen ruinierte, richteten die Geldinstitute den Sicherungsfonds ein. Das weltweit Einzigartige daran ist die Höhe, bis zu der er die Einlagen - also alle Konten, Sparbücher, Tagesgelder - garantiert: 30 Prozent des haftenden Eigenkapitals der Bank. Das sind zum Beispiel bei der Deutschen Bank AG bis zu 7,569 Milliarden Euro - pro Kunde. Beim wesentlich kleineren Lehman Bankhaus liegt die Garantie immerhin noch bei bis zu 285 Millionen Euro. Seit 1974 wurde der Fonds mehrmals aktiv, zuletzt im Frühjahr bei der Pleite der kleinen Bremerhavener Weserbank.

Dabei weiß nur eine Handvoll Menschen, wie viel Geld sich überhaupt im Sicherungsfonds befindet. Im Februar hatte Finanzminister Steinbrück einen Stand von 4,6 Milliarden Euro ausgeplaudert - sehr zum Unmut der Banker, die jedwede Spekulation vermeiden wollen. "Die 4,6 Milliarden sind Kokolores", sagt einer. Die richtige Summe kenne er auch nicht.

Die spärlichen Informationen machen so manchen Anleger nervös - vor allem, weil immer mehr Banken zu fallen drohen - in den USA, in Europa, in Deutschland. Ist ein Kollaps des Sicherungsfonds also doch möglich? Welchem Institut können Bankkunden vertrauen?

Jetzt zählt Größe, wie beispielsweise die der Deutschen Bank. "Täglich melden sich vermögende Kunden anderer Häuser, die ihr Geld bei uns anlegen möchten", sagt ein hochrangiger Manager, der bei der Deutschen Bank Millionäre betreut. Die Berater in den Filialen müssen indes besorgte Kundschaft beruhigen: "Viele fragen, ob ihr Geld noch sicher ist", sagt eine Mitarbeiterin der Deutschen Bank Hamburg. Sie verweise zwar immer auf den Fonds, aber nicht jeder Kunde vertraue darauf, muss die Beraterin einräumen. "Dafür wird Gold derzeit massiv nachgefragt. Viele wollen sich gleich einen Barren ins Schließfach legen."

Strenge Kontrolle und Durchleuchtung

Manfred Weber vom Bankenverband beruhigt. Zum einen, wie etwa im Fall der Investmentbank Lehman Brothers, könne man einen Großteil der Verluste durch einen Verkauf der Aktiva wieder einfangen. "Zum anderen gibt es noch die Nachschusspflicht, sollte der Topf wirklich einmal ausgeschöpft sein", sagt Weber. Die Fondsmitglieder müssten ihn dann wieder auffüllen. Gern weist der Bankenverband auch darauf hin, dass die in den Fonds einzahlenden Banken regelmäßig vom Prüfungsverband deutscher Banken durchleuchtet würden - soweit das bei international tätigen Finanzunternehmen eben möglich sei. Ab einer gewissen Höhe des Geschäftsrisikos steige dann der Pflichtbeitrag, auch ein Rauswurf aus der Solidargemeinschaft sei möglich.

Ganz so eisenhart, wie Weber behauptet, ist die Konstruktion nicht: Laut Statut haben die Mitgliedsbanken keinen Rechtsanspruch auf den Beistand des Fonds. "Ansonsten hätte der Fonds den Charakter einer Versicherung und müsste Versicherungssteuer zahlen", sagt Weber. "Damit würden die Kosten unnötig aufgebläht." Tatsache ist: Die Banken können den Kunden für den Fall der Fälle ihre Hilfe nur versprechen. Nicht mehr, nicht weniger. Am Ende geht es also um Vertrauen. Muss das den Sparer nun beunruhigen? "Die Anleger sind immer voll entschädigt worden, das wird auch in Zukunft so sein", sagt Weber. "Es liegt in unserem ureigenen Interesse, dass das Vertrauen in das System bestehen bleibt."

Kollaps vermeiden

Aber was geschähe, wenn nun doch eine der großen deutschen Universalbanken strauchelte? In Bankerkreisen heißt dieses Szenario "too big to fail": zu groß, um zu scheitern. Jürgen Stark, Chefökonom der Europäischen Zentralbank, erklärt, was das heißt: "Wenn ein für das gesamte Finanzsystem relevanter Marktführer in die Krise gerät und die Gefahr besteht, dass ein globaler Dominoeffekt eintritt, dann muss der Staat einspringen. Der Kollaps des gesamten Systems muss vermieden werden." Dass der Staat zähneknirschend zum Einspringen bereit ist, hat die Rettungsaktion bei der Hypo Real Estate bewiesen.

Anders als in den USA gilt ein Kollaps einer Geschäftsbank in Deutschland aber als unwahrscheinlich. Denn auch deutsche Banken, die in der derzeitigen Finanzmarktkrise Millionen von Euro verloren haben, bleiben allermeistens geschäftsfähig. Als Universalbanken stützen sie sich zu einem wesentlichen Teil auf reale Werte in Form der Sparer-Einlagen - und nicht nur auf irgendwelche riskante Wertpapiergeschäfte. Die getrennten Sicherungssysteme von Privatbanken, Sparkassen, Volksbanken und Landesbanken verhindern zudem, dass eine Schockwelle zu viele Akteure der Finanzwelt gleichzeitig durchschüttelt. Trotz der Krise ist daher das Vertrauen der Deutschen in ihre Banken noch immer hoch. Laut einer Forsa-Umfrage halten 79 Prozent der Deutschen ihre Ersparnisse für sicher. Dennoch fordern nun Politiker aller Parteien, die internationalen Geldmärkte strenger zu regulieren. Nötig seien schärfere Kontrollen von Kreditgeschäften, Rating-Agenturen und Hedgefonds.

Im Notfall hilft der Finanzminister

Käme es trotz allem zum GAU, müsste vermutlich die Bundesbank zusammen mit anderen Geldhäusern die Pleite-Bank aufkaufen. In einem schwereren Fall würde der Finanzminister die Bank stützen, indem er für ihre Schulden aufkäme. Der Fall der Münchner HRE stellt die direkte Vorstufe zu dieser höchsten Krisen-Kategorie dar: Der deutsche Staat hat sich bereit erklärt, im Notfall für die Tilgung der faulen HRE-Kredite einzuspringen. Ob die Bank dieses Angebot in voller Höhe annehmen muss, ist derzeit aber noch offen.

Wegen ihrer mangelnden Sicherheitssysteme sind die USA von den Finanzturbulenzen aber wesentlich heftiger getroffen worden: Den US-Finanzminister Henry Paulson, vormals Chef der Investmentbank Goldman Sachs, wird die Tilgung fauler Kredite 700 Milliarden Dollar kosten - zum Vergleich: Der gesamte deutsche Bundeshaushalt für 2009 wird voraussichtlich umgerechnet 400 Milliarden Dollar umfassen.

Voraussetzung für den Rettungsplan ist freilich, dass die US-Parlamentarier Paulsons Rettungsplan in den kommenden Wochen doch noch akzeptieren. Dass sie ihn wie gerade geschehen zunächst abgelehnt haben, hat an den Börsen für Panik und unter Analysten für massive Verärgerung gesorgt. "Leichtfertig" und "verantwortungslos" sei es, die Geldhäuser erst mit dem Feuer spielen zu lassen, dann die Flammen nicht zu löschen und nun zu riskieren, dass das Feuer überspringe, so die Kritik.

In beiden Rettungsszenarien - Aufkauf der Bank und Übernahme der Kredite - muss letztlich der Steuerzahler geradestehen. Das ist allerdings in allen Ländern so, ob sie nun eine Einlagensicherung haben oder nicht. Im weltweiten Vergleich hat Deutschland für den Anleger immer noch eines der komfortabelsten Systeme: In den USA werden Einlagen nur bis zu einer Höhe von 100.000 Dollar entschädigt, in vielen Ländern der EU sind es sogar nur bis zu 20.000 Euro.

Letztlich gelten auch für den sicherheitsverwöhnten deutschen Sparer die universalen Gesetze der Physik: Ein Netz hält nur, wenn der Brocken, der hineinfällt, nicht zu schwer dafür ist.

Mitarbeit: Frank Donovitz, Gerald Drißner, Joachim Reuter

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