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ESSAY: Wir sind zwei Völker

Zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer: Die Entfremdung zwischen Deutschen/West und Deutschen/Ost ist nicht überwunden. Sie wächst. Aus stern Nr. 33/2001.

Die Mauer stand 28 Jahre. Sie hat uns dauerhaft verändert, im Osten wie im Westen. Wir lebten Rücken an Rücken zueinander und wurden uns fremd wie Cousins, die sich nur noch alle Jubeljahre einmal sehen. Die wahre Revolution fand im Westen statt: Die Bundesrepublikaner wurden zu Westeuropäern, nicht nur politisch, sondern auch mental. New York lag uns näher als Dresden, Gran Canaria war uns vertrauter als Rügen. Die DDR war feindliches Ausland, ein Polizeistaat, nicht nur sowjetisch, sondern auch miefig, altbacken-deutsch, die Grenzpassage ein Albtraum. Die Schüler machten Klassenausflüge nach Ost-Berlin und sagten »Einmal und nie wieder«. Nur ein Prozent der Westdeutschen hielt die Wiedervereinigung 1988 noch für die wichtigste Frage der Politik.

Am Fall der Mauer hatte der Westen keinen Anteil. Der Einsturz war die Folge eines gänzlich unerwarteten Szenarios: der Implosion der Sowjetunion. Etwas Unwirkliches haftete der Öffnung der Mauer an. Millionen erlebten den Umsturz wie in Trance und fürchteten jeden Abend, am nächsten Morgen aus einem schönen Traum zu erwachen.

Das Erwachen dauerte, aber es kam. Was so blumig »Vereinigung« genannt wurde, war eine Annexion, im Vertragstext höflich »Beitritt« genannt, was nichts anderes bedeutete als die bedingungslose Übernahme der politischen, ökonomischen und sozialen Normen eines fremden Systems. So radikal ist die »Wende« keinem anderen Ostblockland zugemutet worden. An den Folgen krankt heute die ganze Republik.

»Wir sind ein Volk«, skandierten die Menschen im Herbst 1989 in der DDR. Heute fragen sich viele, in Ost und West, ob wir nicht zwei Völker sind. »Aus zerstobenen Illusionen im Osten und gekränkter Eigenliebe im Westen«, so Günter Gaus, einst Ständiger Vertreter der BRD in der DDR, »ist eine Fremdheit unter den Deutschen entstanden, die nicht aus der Trennung herrührt, sondern aus der Begegnung.«

Beiderseitiger Frust

Der Frust ist beiderseitig. In kein anderes Land Europas floss so viel Geld wie in die Ex-DDR. Aber 1,7 Billionen Mark Transferleistung haben es nicht fertig gebracht, die »neuen Länder« zu stabilisieren. Die Arbeitslosigkeit ist im Osten mehr als doppelt so hoch wie im Westen, die Lage der Jugendlichen deprimierend, das Anwachsen der rechtsradikalen Szene bedrohlich, die Abwanderung ungebremst. Eine Million Menschen hat die Ex-DDR seit der Wiedervereinigung verlassen, Hunderttausende Wohnungen stehen leer. Eine »vereinigungsbedingte Verödung« macht sich breit, die nur der nicht wahrnimmt, der den Talmi-Glamour von Berlin-Mitte oder den Hauptbahnhof von Leipzig für den Aufschwung Ost hält.

Die Situation ist alarmierend, aber das Thema tabu. Wer das Tabu bricht, kriegt Prügel, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Die Lage in Ostdeutschland stehe »auf der Kippe«, schrieb er zum Ärger des Kanzlers Anfang des Jahres. »Wenn Abwanderung, Resignation oder dumpfe Reaktion nicht zu Markenzeichen Ostdeutschlands werden sollen, wenn sich Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst nicht noch weiter wechselseitig aufschaukeln ... sollen, muss die Politik mehr tun, um

Selbstwertgefühl, Bindung und Identifikation zu fördern.» Das Kernproblem der deutsch-deutschen Entfremdung liegt im Psychologischen, in der «kaum noch reparablen Osterfahrung, als Deutscher zweiter Klasse im mindergestellten Teil der

Republik zu wohnen» - so der Ost-Berliner Publizist Christoph Dieckmann.

Tief sitzt der Groll gegen die Arroganz der Wessis, die mit der Mentalität von Kolonialherren in die »neuen Länder« einfielen. Der Privatisierungsfeldzug der Treuhand hinterließ schlimmere Verwüstungen als die Demontagen der Russen nach dem Zweiten Weltkrieg: Von 1990 bis heute verlor die Ex-DDR 43 Prozent aller Industriearbeitsplätze - eine soziale Katastrophe, die mit Geld nicht auszugleichen ist.

»Endlich wird geredet werden über die Lüge, die «deutsche Einheit» heißt«, schrieb der Ost-Berliner Autor Thomas Brussig in der »Süddeutschen Zeitung«. »Warum Einheit, wenn sich im Westen fast nichts und im Osten fast alles ändert? So wie es einen Trotz des Ostens gegenüber dem Westen gibt, gibt es eine Denkfaulheit des Westens. Jetzt ist die Gelegenheit, neu über uns nachzudenken.«

»Wer sind wir eigentlich?

Das wird notwendig sein. Der Westen hat die Vereinigung mit der DDR immer nur als Anschluss betrachtet. In selbstgerechter Naivität erwartete man, dass die 16 Millionen DDR-Bürger ihre Erfahrungen, ihre Geschichte, ihre Identität beim Eintritt in die Bundesrepublik an der Garderobe abgeben und sich in glückliche Wessis verwandeln würden. Nun ist die Enttäuschung über den Undank der Brüder und Schwestern groß. Der Osten ist dabei, sich selbst wieder zu finden und die Demutshaltung abzulegen. Er hat schwerere Prüfungen hinter sich, als sie der Westen je bestehen musste. »Wer sind wir eigentlich?« Diese Frage rumort in den Köpfen. Die Antwort wird nicht zur Freude der Wessis ausfallen.

Heinrich Jaenecke