Ex-Geisel Rudolf Blechschmidt "Ich hab' meinen Urin getrunken"


Rudolf Blechschmidt hat die zwölf Wochen lange Geiselhaft in Afghanistan überlebt. Sein Kollege Rüdiger Diedrich überstand nur wenige Tage. Dem stern erzählt der Ingenieur, wie er versuchte, seinem Kollegen zu helfen - und warum er sich immer noch Vorwürfe macht.
Von Christoph Reuter und Markus Götting

Seit drei Wochen ist Rudolf Blechschmidt wieder zuhause bei seiner Familie in Ottobrunn bei München; 84 Tage hat er in der Geiselhaft der Taliban überstanden, aber wenn er an seinen kaltblütig ermordeten Kollegen Rüdiger Diedrich denkt, macht Blechschmidt lange Gesprächspausen. In einem großen Interview mit dem stern sagt er: "Man macht sich ein Leben lang Vorwürfe, wenn so etwas passiert."

Entführer hatten Angst vor deutschen Tornados

Blechschmidt hatte sich gemeinsam mit einem afghanischen Geschäftspartner um die Reparatur des Band'e-Sultan-Staudamms, dreieinhalb Autostunden südlich von Kabul, beworben. Sein Mitarbeiter Diedrich, 43, der eigentlich gar kein Tiefbauexperte ist, wollte bei der Besichtigung nur aus Interesse dabei sein. "Er wollte sich das einfach nur angucken", erzählt Blechschmidt. Umso tragischer sein Tod.

Mit sechs weiteren Afghanen gerieten die beiden Deutschen am Staudamm in einen Hinterhalt der Taliban, sie waren von der örtlichen Polizei verraten worden; verraten und verkauft. Es gab kein Entkommen. Diedrich war übergewichtig wie Blechschmidt, aber den Strapazen offensichtlich nicht so gewachsen wie der wüstenerfahrene Kollege. Aus Angst vor Suchtrupps hetzten die Geiselnehmer ihre Opfer fast 24 Stunden ununterbrochen durch die unwirkliche Bergwelt der Region Wardak. "Wir wurden dauernd weiter verlegt, weil die Angst hatten, dass wir aus der Luft beobachtet werden", erzählt Blechschmidt. Angst vor den deutschen Tornado-Aufklärern. "Die haben immer gesagt: Eure intelligenten Flugzeuge, 'intelligent planes'."

Mit gewehrkolben geschlagen

Bei der ersten kurzen Rast in einer Berghöhle habe Diedrich noch optimistisch geklungen und zu Blechschmidt gesagt: "Rudi, es ist zwar beengt, aber wir halten das aus. Vierzehn Tage wird das bestimmt dauern, dann holt uns die Botschaft hier raus." Aber Blechschmidt ahnte schon, dass dies nur der Anfang sei. Es ging immer weiter die Berge rauf, auf 3000, 3500 Meter, und wenn die Deutschen nicht schnell genug waren, bekamen sie Gewehrkolben in den Rücken geschlagen, auf den Kopf, in die Nierengegend. Einige der jüngeren Taliban waren gerade aus einem Kampfeinsatz in Helmand im Süden Afghanistans zurückgekommen; sie hatten miterlebt, wie viele ihrer Kampfgefährten ums Leben gekommen waren. Sie waren aggressiv. Und voller Hass auf die Deutschen und ihre Tornados.

Die Gewaltmärsche in der Höhenluft setzten den beiden Bauingenieuren zu. Blechschmidt sagt: "Jeder Schritt da oben hat unheimlich Kraft gekostet. Er sagt: "Wenn es dunkel wurde, war es bitterkalt. Diedrich und ich nur im kurzärmeligen Hemd. Wir haben nach Wasser gefragt, aber die Taliban hatten alles leer getrunken", berichtet Blechschmidt, "da habe ich Diedrich gesagt: 'Du musst deinen Urin trinken!' Ich hab' auch meinen Urin getrunken." Aber Diedrich wollte nicht, "er könne das nicht, sagte er".

Am zweiten Tag konnte Diedrich nicht mehr weiter

Rüdiger Diedrich war den Strapazen am zweiten Tag nicht mehr gewachsen. Er war dehydriert, konnte nicht mehr laufen vor Schmerzen in den Beinen. Blechschmidt versuchte, mit dem Anführer der Taliban zu verhandeln. "Der Mann ist schwer krank. Könnt ihr ihn nicht freilassen? Es reicht ja, wenn ihr eine Geisel habt, einen Deutschen." Die Entführer interessierte das nicht. Sie trieben die Gruppe immer weiter; Diedrich fiel zurück, er verlor den Anschluss. Als Blechschmidt sich weigerte, ohne Diedrich weiterzulaufen, schlugen ihn die Taliban mit solcher Gewalt zusammenzuschlagen, dass er blutüberströmt schließlich weiterlief - und bis heute schwerer hört.

"Ich hab' Hass gehabt auf die Leute"

Ein paar Mal noch warteten die Taliban bei kurzen Pausen auf Nachzügler Diedrich und seinen Bewacher. Es ging über einen Bach, an dem er sich hätte erfrischen können. Trinken. Erholen. Dann fielen Schüsse. Bis zum Bach hatte er es nicht mehr geschafft.

"Mit einem Mal hörte ich zwei Gewehrsalven, zweimal vier Schuss. Dann hab ich gedacht, jetzt haben sie wahrscheinlich den Herrn Diedrich erschossen", erinnert sich Blechschmidt. "Ich hab' Hass gehabt auf die Leute. Und gesagt, wenn ich sterben muss, dann nehm' ich noch ein paar mit. Die waren ja alle mit Handgranaten behängt. Ich hätte bloß einen zu packen brauchen und die Handgranate abziehen." Nur wenig später kam Diedrichs Mörder auf Blechschmidt zu, zeigte ihm stolz den Ausweis des toten Deutschen und sagte, er habe ihn ins Jenseits befördert. Blechschmidt schluckt, wenn er das alles erzählt. "Zu mir hat sein Mörder gesagt: So wirst du auch enden."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker