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Familienpolitik: Die heile Familie - ein Klischee

Bischoff Mixa hält zusätzliche Krippenplätze für "inhuman"; im stern plädieren "Rabenmütter" vehement für den Kita-Ausbau - die Debatte um die Familienpolitik wird hochemotional geführt. Schuld daran sei nicht zuletzt Luther, sagt die Historikerin Barbara Beuys im stern.de-Interview.

Frau Beuys, Konservative glauben, dass früher alles besser war - da hatte die Frau ihren Platz zu Hause.

Das ist Verklärung, mit den Fakten hat das nichts zu tun. Im Hochmittelalter haben die meisten Frauen, Bürgerliche und niedere Schichten, gearbeitet. Sie haben Berufe erlernt, waren in Zünften organisiert, etliche haben sogar Firmen geführt. Kinder wurden häufig sich selbst überlassen - auch in späteren Epochen. Ältere Kinder passten auf die Jüngeren auf. Es war nicht so, dass die Mutter auf ihre ein bis zwei Kinder fixiert war wie heute. Entweder weil sie arbeiten musste, oder weil sie Personal hatte, dass sich um die Kinder kümmerte. Außerdem gab es in fast jeder Familie eine oder mehrere unverheiratete Tanten. Denn früher gab es viel mehr Singles als heute: 50 Prozent der Männer und Frauen gründeten keine Familie und blieben allein, weil sie es sich nicht leisten konnten, Kinder in die Welt zu setzen.

Woher kommt dann dieser Mythos von der Großfamilie?

Die hat es höchstens 50 Jahre lang gegeben: zwischen 1850 und 1900. Damals stieg die Lebenserwartung sprunghaft an und die Eltern betrieben noch nicht so viel Verhütung. Ab 1900 ging die Anzahl der Kinder wieder rasant runter, die Paare bekamen nur noch drei bis vier Kinder. Bis ca. 1880 lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Jungen bei 35,6 und die für Mädchen bei 44,8 Jahren. Auch gab es wegen der hohen Sterblichkeit viel mehr Patchwork-Familien als heute. Es war einfach normal, mehrmals zu heiraten. Ein wesentlicher Faktor für den Mythos von der Großfamilie ist das Medium Foto, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Breitenwirkung entfaltete. Wir haben viele Aufnahmen von ernsten Familien mit dem Urahn inmitten von vielen Kindern. Deshalb glauben noch heute viele: So sah Familie zweitausend Jahre lang aus. Aber das ist falsch.

Warum streiten wie in Deutschland so heftig über die Rolle der Mutter?

Da haben wir Martin Luther zu verdanken - soviel Befreiung er auch sonst gebracht hat. Die Aufklärung hat in Deutschland nicht zu einer Spaltung von Staat und Kirche geführt wie in Frankreich oder den Niederlanden. Das Deutsche Reich war protestantisch geprägt, Thron und Altar waren fest miteinander verknüpft. Nach Martin Luther war die Familie die Keimzelle des Staates. Dort muss Recht und Ordnung herrschen. Der Vater sagt seinen Kindern wie es laufen soll, die Mutter hat eine dienende Rolle. Bricht diese Ordnung auseinander herrscht Chaos. Deshalb gibt es in Deutschland eine ungeheure Angst, wenn sich die angeblich traditionelle Familie auflöst, fliegt der ganze Staat auseinander. Nicht umsonst steht die Familie unter besonderem Schutz des Grundgesetzes. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand übrigens eine ähnliche Diskussion statt: Das konservativ-klerikale Lager protestierte gegen die Frauenbewegung, die sich ab 1865 formierte.

Worum ging es dabei?

Um Macht und um wirtschaftliche Interessen - wie heute. Im 19. Jahrhundert erkannte das Bürgertum: Wir können nicht all unsere Töchter standesgemäß versorgen. Die Frauen, die nicht heiraten, müssen deshalb einen Beruf lernen.

Das klingt fortschrittlich. Außerdem wurde der Kindergarten damals in Deutschland erfunden.

Ja, aber dort gingen nur die Kinder der niederen Schichten hin. Im 19. Jahrhundert war die Verwahrlosung der Arbeiter ein großes Thema: "Oh Gott, die haben keine Moral", dachte das Bürgertum, "die trinken, die sind nicht ordentlich verheiratet, setzen Kinder in die Welt, die Familie ist ein Chaos." Deshalb wurden die Kindergärten gegründet. Die waren am Anfang auch sehr gut. Aber darauf hat man sich ausgeruht und sie nicht weiter entwickelt. Bis heute.

Das 19. Jahrhundert ist lange her. Was hat das noch mit unserer modernen Gesellschaft zu tun?

Sehr viel. Das ist erst drei bis vier Generationen her. Das ist noch tief im kollektiven Bewusstsein verankert.

Die 1950er Jahre mit dem Ideal von der Hausfrau sind uns da doch viel näher.

Die 50er Jahre sind eine ganz große Ausnahme. Nie zuvor waren so viele Frauen quer durch alle Gesellschaftsschichten auf ihren Haushalt beschränkt. Der Grund: Nach dem Krieg sehnten sich die Menschen nach der heilen Welt - die bot ihnen die Familie. Aber das hielt nicht lange: Die Proteste der 68er richteten sich gegen die Enge und Spießigkeit der immer noch per Gesetz zementierten Geschlechter-Rollen.

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion über Familienpolitik?

Sie ist für Deutschland eine Revolution. Die unterschiedlichen Lager weichen auf. Wesentlich ist der wirtschaftliche Druck, die Angst international nicht mehr mithalten zu können. Da werden auch die Konservativen weich. Es ist schwierig eine Prognose zu stellen, aber eines ist sicher: Man kann gesellschaftliche Entwicklungen nicht zurückdrehen.

Interview: Catrin Boldebuck