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FDP zur Plagiatsaffäre Guttenberg: "Lassen wir ihm das durchgehen?"

Das ist die Stunde des Martin Neumann. Er ist der einzige FDP-Bundestagsabgeordnete, der Guttenberg laut kritisiert. Westerwelle schweigt, Lindner auch. Aus schlechten Gründen.

Von Laura Himmelreich

Nichts tun. Ruhe bewahren. Klappe halten.

Ist das die Parole, der die FDP in der Plagiatsaffäre rund um Karl-Theodor zu Guttenberg folgt?

Einen immerhin hielt es nicht mehr auf den Sitzen: Martin Neumann, forschungspolitischer Sprecher der Liberalen im Bundestag. Er war, und das wird vielleicht eines Tages als Verdienst gesehen, der erste Vertreter der schwarz-gelben Koalition, dem der Kragen platzte. "Meine Empörung wird nach und nach größer", sagt Neumann zu stern.de. "Mit jeder Frage, die Herr zu Guttenberg beantwortet, wirft er weitere Fragen auf. Wollen wir ihm das durchgehen lassen?"

Martin Neumann ist Ingenieur und Professor im Fachbereich Bauwesen der Universität Magdeburg. Er hat etwas zu verlieren. "Ich bin tief betroffen. Hier geht es um den Ruf der Wissenschaft, das ist wichtiger als die Karriere eines einzelnen Ministers", sagt er. "Wir reden hier über eine Doktorarbeit, nicht über Flickschusterei oder ein Jodeldiplom." Der FDP-Politiker konnte nur mit dem Kopf schütteln, als er hörte, wie Angela Merkel Guttenberg verteidigte und sagte, sie habe ihn nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sondern als Verteidigungsminister: "Das Statement der Kanzlerin war merkwürdig, wir sind doch nicht blöd."

Neumann fordert, dass Guttenberg in den kommenden ein bis zwei Wochen erklärt, wie die bisher vermuteten 290 Plagiate in seine Arbeit gelangen konnten: "Wir in der Koalition wissen bisher auch nur, was in der Zeitung steht." Er sagt, er wolle Guttenberg nicht vorverurteilen, doch aus seinen Worten spricht Skepsis: "Ich glaube, die Stimmung gegen ihn könnte ganz schnell kippen. Es ist bedenklich, wie man Minister sein kann, wenn einen sogar Staatsrechtler einen 'Betrüger' nennen . Ähnlich deutlich äußerte sich bisher nur Hamburgs Wahlgewinnerin Katja Suding. Der "Welt" sagte sie: "Herr zu Guttenberg hat einen großen Fehler gemacht und hat das auch mit Sicherheit schon damals gewusst. Vielleicht hat er darauf spekuliert, dass es niemandem auffällt. Als es dann bekannt wurde, hat er versucht, es zu vertuschen. Er sollte die Konsequenzen ziehen."

Ideale ohne Werte - FDP in der Sinneskrise

Die FDP versteht sich als Rechtsstaatspartei. Eigentum ist ihr heilig, auch das geistige. 23 der 93 liberalen Bundestagsabgeordneten führen einen Doktortitel. Sie kennen die akademischen Spielregeln und wissen, wie viel Kraft und Zeit eine solche Arbeit kostet. Eigentlich müsste gerade bei der FDP ein Sturm der Empörung losbrechen. Doch die Liberalen schweigen. Oder lästern hinter vorgehaltener Hand. Für die FDP ist die Causa Guttenberg heikel. Sie quälen sich mit der Frage: Was ist wichtiger, Moral oder Koalitionsdisziplin? Martin Neumann und Katja Suding, eher Hinterbänkler, haben sich für die Moral entschieden. Guido Westerwelle und Christian Lindner, die Vorderbänkler, für die Koalitionsdisziplin. Lindner erklärte die Plagiatsaffäre zu Guttenbergs Privatangelegenheit. Guido Westerwelle sagte: "Ich äußere mich nicht zu Dissertationen oder Abiturzeugnissen." Schwer zu glauben, dass sich Westerwelle auch so geäußert hätte, wenn ein Spitzenpolitiker der SPD sich den Titel erschwindelt hätte.

Es ist nicht so unwahrscheinlich, dass sich Westerwelle sogar klammheimlich über den Absturz des Verteidigungsministers freut. Westerwelle musste zusehen, wie Guttenberg die Wehrpflicht abschaffte und dafür bejubelt wurde, obwohl die Idee für diese Reform von der FDP kam. Westerwelle musste erleben, wie Guttenberg im Tarnanzug in Afghanistan zum beliebtesten Politiker des Landes aufstieg, während seine eigenen Afghanistan-Reden verpufften und er der unbeliebteste Außenminister aller Zeiten blieb. Aber: Würde Westerwelle jetzt Kritik an Guttenberg üben, sähe es immer so aus, als wollte er sich an einem ungeliebten Konkurrenten rächen. Und er würde mit seiner Kritik die letzten Reste von Corpsgeist in der Koalition vernichten. Schließlich kritisierte die Union Westerwelle auch nicht, als ihn Parteifreunde Ende vergangenen Jahres als Parteichef absägen wollen. So funktioniert der neue schwarz-gelbe Frieden: Attackierst du mich nicht, attackier ich dich nicht.

Nur wenige FDP-Politiker verteidigen Guttenberg offensiv. Überraschend outete sich der nordrhein-westfälische FDP-Chef Daniel Bahr als Guttenberg-Fan. Als der fränkische Adelsmann im Bundestag peinliche Fragen über sich ergehen lassen musste, twitterte Bahr los. "Finde bemerkenswert wie viele MdBs [Mitglieder des Bundestags, Red.] KT Guttenberg in Fragestunde kritisieren, die selbst ihr Studium abgebrochen haben." Nach der Sitzung resümierte Bahr: "KT Guttenberg hat sehr überzeugend Fehler eingestand. Respekt!"

Respekt? Die Mehrheit seiner Parteifreunde zieht den neuen Dreiklang vor. Nichts tun. Ruhe bewahren. Klappe halten.