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Fischer-Doku im ZDF: Mit dem Zweiten sieht man weniger

Am Samstag wird Joschka Fischer 60; bereits Ende März zeigte das ZDF ein Porträt des einstigen Straßenkämpfers und Außenministers. An dem Film entzünden sich seitdem die Gemüter, denn eigentlich war er anders geplant. Zwei Regisseure erheben Zensur-Vorwürfe, und es heißt, Fischer werde künftig für das ZDF arbeiten.

Von Peter Luley

Die Geschichte beginnt unspektakulär: Am Dienstag, 25. März, zeigte das ZDF zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr die 45-minütige Dokumentation "Joschka - eine Karriere" von Autor Hubert Seipel, ein ziemlich gehetztes Porträt des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer zu dessen 60. Geburtstag am 12. April. Die Kritiken fielen mäßig bis schlecht aus, das Zuschauerinteresse (2,33 Millionen, rund sieben Prozent Marktanteil) auch - nun ja, kommt vor im TV-Geschäft. Hätte nicht ein "FAZ"-Artikel unter der Überschrift "Vor Brandsätzen wird gewarnt" enthüllt, dass ursprünglich ein anderer Regisseur mit der Arbeit an einem 90-Minüter betraut, dann aber vor Fertigstellung entlassen worden war - der Fall wäre längst abgehakt. So aber begann eine Schlammschlacht hinter den Kulissen, die seither stetig eskaliert und nun wieder die Öffentlichkeit erreicht.

Wohl angestachelt von der "FAZ"-These, bei der ausgestrahlten Fassung habe es sich um eine "entschärfte Variante" gehandelt, veröffentlichte die zuständige ZDF-Redaktion Zeitgeschichte auf ihrer Website eine Stellungnahme: In der Tat habe das ZDF zunächst nicht Seipel, sondern den Regisseur Ivan Fila mit der Fischer-Doku betraut. Dann aber habe dieser eine "vorläufige Materialsammlung" vorgelegt, "die sowohl der Produzent Ulrich Lenze als auch das ZDF als handwerklich unzureichend ablehnten". Fila habe "etliche, angeblich neue und 'investigative' Erkenntnisse über das Privatleben und die frühen Frankfurter Jahre Joschka Fischers in keiner Weise belegen" können. Als sich dann auch noch eine Interviewpartnerin beschwert habe, Fila habe versucht, sie zu Aussagen zu nötigen, sei ihm gekündigt worden.

Unangenehme Wahrheiten über Fischers Vergangenheit

Diese Äußerungen wiederum trieben den 51-jährigen Filmemacher, der für Werke wie "Lea" und "König der Diebe" bereits zahlreiche Auszeichnungen erhielt und der 1995 für Guido Knopp einen Film über Hitler realisierte ("Hitler - Der Erpresser"), auf die Barrikaden - insbesondere den Nötigungsvorwurf, den er vehement bestreitet, empfindet er als Rufmord. Fila schaltete seine Anwälte ein; das ZDF löschte die Erklärung. Weil sich der in Prag geborene Regisseur, der in Frankfurt am Main lebt, wegen einer im Auflösungsvertrag enthaltenen Schweigeklausel nicht öffentlich äußern darf, verfasste er einen Brief an ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp und Programmdirektor Thomas Bellut. In dem Schreiben, das stern.de vorliegt, vermutet er ganz andere Gründe für seinen Rauswurf: "Man hat wohl befürchtet, dass durch meinen Film unangenehme Wahrheiten über Joschka Fischers Vergangenheit ans Licht kämen. Fakten und Geschichten, zu denen sich manch ein Mitglied der Frankfurter Szene nun zum ersten Mal bekannt hatte", so Fila.

In der Tat hat der Filmautor faszinierendes Material gesammelt. Sein rund 130-minütiger Vorrohschnitt, nach dessen Vorführung im Juni 2007 er von dem Projekt entbunden wurde, konzentriert sich auf die wilde Sponti-Zeit Fischers. Er lässt Weggefährten des späteren Grünen-Patriarchen zu Wort kommen - und Zeitzeugen wie Daniel Cohn-Bendit, Johnny Klinke, Brian Michaels, Klaus Trebes, der Ex-RAF-Terrorist Hans-Joachim Klein, Jutta Ditfurth, Otto Schily und andere äußern sich bereitwillig und in beachtlicher Offenheit. Wer das Film-Fragment ansieht, erkennt bei aller Unfertigkeit, dass hier jemand ein Sittengemälde im Sinn hatte, eine Zeit- und Milieustudie, die über die Person Fischers hinausweist. Und er versteht, dass Fila ein Anhänger der Doku-Technik ist, möglichst viele relevante Statements nebeneinander zu stellen und den Zuschauer sich sein eigenes Urteil bilden zu lassen - so auch zu der Frage, ob Fischer entgegen seiner Aussage vor dem Bundestag 2001 womöglich doch mal einen Molotow-Cocktail geworfen hat: Manche Einlassungen (Klein, Michaels) legen es nahe, andere (Cohn-Bendit, Klinke) verneinen es.

Schwer nachvollziehbar erscheint daher die auf Nachfrage von stern.de noch einmal bekräftigte ZDF-Erklärung, Fila sei "für seine Behauptungen den Beleg schuldig geblieben" - denn er behauptet nichts. Auch wenn am vergangenen Mittwoch zwischenzeitlich "bild.de" in typischer Manier in die Debatte einstieg ("Die wilde Sponti-Vergangenheit von Ex-Außenminister Joschka Fischer - wie schlimm war sie wirklich?") - ein gefundenes Fressen für Bluthunde ist Filas Filmruine nicht. Gezeigt werden lediglich die Protagonisten einer Protest-Szene, die heute froh sind, mehrheitlich die mörderische Grenze zur RAF nicht überschritten zu haben. Hier und da ist die Komposition des Materials ein wenig suggestiv - aber es gibt nichts, was sich über ein dreiviertel Jahr vor dem Ausstrahlungstermin nicht hätte korrigieren lassen.

Regisseur spricht von "Zensur"

Während das ZDF und die Produktionsfirma Cinecentrum den erhobenen Nötigungsvorwurf nicht präzisieren mögen und Co-Produzent Stephan Lamby die Aufregung als "Medientratsch" abtut, benennt Fila in seinem Brief Fischers Ex-Frau Claudia Bohm als fragliche Person - und wundert sich: "Interessanterweise hält die Person, die ich genötigt haben soll, weiterhin Kontakt zu mir, schreibt mir E-Mails und SMS-Textnachrichten und wünscht mir alles Gute zum Geburtstag."

So konnte man angesichts all dessen bisher nur etwas ratlos bedauern, dass das ZDF statt des Fischer-Films von Fila nur den hektischen 45-Minüter im Knopp-Stil zeigte. Bis nun die Geschichte ihre jüngste Wendung nahm: Wie der "Spiegel" berichtet, hat sich inzwischen auch Hubert Seipel, der Autor des ausgestrahlten 45-Minüters, in Briefform beschwert. In einem Schreiben an Nikolaus Brender werfe Seipel dem ZDF-Chefredakteur "eine Intervention" vor, die sich "nahe am Rande dessen" bewege, was "landläufig Zensur genannt wird", berichtet das Nachrichtenmagazin. Auch Seipel, ebenfalls preisgekrönt, war für die 90-Minuten-Strecke angetreten und scheint seine Arbeit kaum wiederzuerkennen - während gleichzeitig bekannt wird, dass das ZDF mit Pensionär Fischer über mögliche Sendeformate wie ein "Außenpolitisches Quartett" verhandelt.

Wie immer die Geschichte noch weitergeht: Mit Ruhm hat sich das ZDF dabei schon jetzt nicht bekleckert. Zu den Leidtragenden gehören nicht zuletzt die Zuschauer, die man in Mainz wohl dermaßen auf Knoppsche Darstellungsformen konditioniert wähnt, dass ihnen komplexere Ansätze vorsorglich vorenthalten werden. Während 3Sat und Arte sich mit Thementagen und Schwerpunkten zum Jahr 1968 überbieten und dabei vor allem Hippie-Klischees zelebrieren, sucht man ein substantielles aktuelles Porträt des Mannes, der lange Jahre Deutschlands beliebtester Politiker war und ganz zweifellos eine schillernde Polit-Figur vom Kaliber Wehner/Brandt/Strauß ist, im Hauptprogramm vergeblich. Lediglich der HR bringt am Samstag ab 0.10 Uhr eine "Nacht für Joschka-Fischer" mit Archivmaterial - während die gesammelten Schätze Filas ungesehen im Giftschrank liegen.