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FORSCHUNG: »Sie werden es hier sehr komfortabel haben«

Rund ein Jahr nach der Entdeckung des ersten BSE-Falls in Deutschland laufen die Vorbereitungen für das größte deutsche BSE-Experiment. Ziel der Forschung: genauere Erkenntnisse zur Entstehung der BSE-Erreger.

Rund ein Jahr nach der Entdeckung des ersten BSE-Falls in Deutschland laufen auf der abgeschiedenen Ostsee-Insel Riems die Vorbereitungen für das größte deutsche BSE-Experiment. »Im kommenden Frühjahr wollen wir zwischen 30 und 50 Tiere mit dem Erreger infizieren«, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere. Die Forscher erhoffen sich von dem auf fünf Jahre angelegten Experiment an den Kälbern genauere Erkenntnisse zu Entstehung und Ausbreitung der BSE-Erreger. Ein ähnliches Projekt gab es Mitte der 90er Jahre in Großbritannien. Doch heute stehen weitaus empfindlichere Nachweissysteme zur Verfügung.

Entwicklung von Schnelltests und einheitlicher Diagnostik

Das Experiment steht unter Leitung des Anfang 2001 auf Riems vor Greifswald gegründeten Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger - des Zentrums der deutschen BSE-Forschung. Neben der Untersuchung von potenziellen BSE-Befunden sollen hier Schnelltests zugelassen werden, die Qualität der zugelassenen Labore überwacht und eine einheitliche Diagnostik und Typisierung von BSE-Erregern entwickelt werden.

»Wir werden gleichalte Kälber mit einer gewissen Menge infizierten Rinderhirns füttern«, erklärt der kommissarische Institutsleiter Martin Groschup das Verfahren. In noch nicht festgelegten zeitlichen Abständen werden dann Tiere aus der

Gruppe herausgenommen und getötet. »Aus einem Tier entnehmen wir etwa 300 verschiedene Gewebeproben.« Diese werden unter anderem auf ihre Belastung mit den BSE-Erregern hin untersucht.

Hermetisch von der Umwelt abgeriegelt

Damit das Experiment durchgeführt werden kann, wird im Dezember mit dem Bau eines Stalles für die Herde begonnen. »Die Rinder werden es hier sehr komfortabel haben«, schätzt Mettenleiter ein. Sie bekämen sehr viel Platz, einen Stall mit Tageslicht und Auslauf im Freien. »Wo werden Rinder sonst so alt, wie sie hier werden«, fragt der Biologe auch mit Blick auf die zu Beginn des Jahres aufgenommenen Rinder »Otto«, »Lilly« und »Raffi«, die von Tieren abstammen, die BSE-positiv getestet worden waren. Die Rinder würden jedoch hermetisch von der Umwelt abgeschottet, und es werde darauf geachtet, dass keine Ausscheidungen in den Boden gelangen. Auf diesem Weg sei zwar keine Übertragung möglich, dennoch müssten alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.

In Deutschland gibt derzeit es nach Angaben der Forschungsanstalt rund 120 BSE-Fälle. Forscher sind sicher, dass die Tiermehl- Verfütterung Ursache für das Auftreten von BSE ist. »Es ist zu erwarten, dass die Zahl der neu auftretenden BSE-Fälle sinken wird, sobald das Ende 2000 ausgesprochene totale Verfütterungsverbot von Tiermehl seine Wirkung zeigt«, sagt Mettenleiter. Da die Inkubationszeit von BSE - die Zeit bis zum Ausbruch der Krankheit - aber fünf Jahre lang ist, könne so

lange noch eine ähnliche Zahl von Fällen wie in diesem Jahr auftreten.

120 BSE-Fälle auf 14 Millionen Rinder

Die Wirksamkeit des Tiermehlverfütterungsverbotes zeigt aber bereits die Entwicklung in Großbritannien. Dort sind bis heute rund 180 000 Fälle aufgetreten, doch sind die Zahlen seit 1992 stark rückläufig. 1988 wurde im Königreich ein Verfütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer ausgesprochen, 1996 ein totales Verfütterungsverbot. »Im Gegensatz zu den enormen Zahlen in Großbritannien kommen bei uns auf 14 Millionen Rinder bis jetzt nur 120 BSE-Fälle. Das zeigt, dass ein sehr geringer Teil tatsächlich infiziert wird«, sagt Mettenleiter.

Neben der Grundlagenforschung wird in dem neuen Institut auf der Insel Riems eine zentrale Gewebebank BSE-positiver Tiere aus Deutschland eingerichtet. Das Material wird für Forschungsarbeiten bundesweit zur Verfügung gestellt. »Nachgefragt werden vor allem Blut, Urin und Gehirnwasser«, sagt der Tiermediziner Groschup. Ziel der Forschung ist ein BSE-Lebendtest.