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Rede des Bundespräsidenten Steinmeier hat nicht verstanden, wie groß die Angst unter jungen Menschen ist

Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier sagt in seiner Rede: "Wir erfahren die tiefste Krise, die unser wiedervereintes Deutschland erlebt"
© Michael Kappeler / DPA
In seiner Rede zur Lage der Nation spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor allem dann über junge Menschen, wenn er etwas von Ihnen fordert. Unsere Autorin meint: Er sollte ihnen erstmal zuhören.

Als Steinmeier an diesem Freitag an sein Rednerpult geht, fällt etwas auf im Publikum: Zwischen all den Ehrengästen, zwischen Bundesratspräsident, Oppositionsführer und Botschaftern, sitzen lauter junge Menschen. Solche, die auch ein geübtes Auge nicht als prominent zu erkennen vermag. Sie sind eingeladen von der Deutschen Nationalstiftung, um "aus der Sicht junger Menschen mit dem Bundespräsidenten über die Zukunft Europas in den Dialog zu treten". Der Dialog startet dann erstmal recht monolog-artig mit einer 40-minütigen Rede des Bundespräsidenten. Er spricht auch viel über die junge Generation. Aber wirklich verstehen, was sie bewegt? Das scheint ihm nicht zu gelingen.

Steinmeier spricht in seiner Rede das aus, was in den Köpfen der Bevölkerung in den letzten Monaten zur bitteren Erkenntnis gereift ist: Es wird nicht besser werden, eher noch: Es wird schlechter werden. Die Gewissheit, dass die Zukunft mehr Freiheit bringt, mehr Wohlstand, mehr Gleichheit und Gerechtigkeit, sie ist seit Kriegsbeginn endgültig gebrochen. In Steinmeiers Worten: "Es beginnt für Deutschland eine Epoche im Gegenwind." Endlich spricht es jemand aus, endlich gibt es jemand zu: Es wird nicht nur anders werden, es wird schwerer werden. Diese Ehrlichkeit ist erfrischend.

Steinmeier spricht auch über die vielen guten Jahre, in denen man Kraft sammeln konnte für das, was jetzt kommt. Es sagt: "Es waren Jahre der Friedensdividende, von der wir Deutsche in der Mitte des vereinten Europas reichlich profitiert haben."

Die schlechten Jahre werden ihr Leben sein

Was er dabei vergisst: Nicht alle Menschen, die das hören, hatten schon 40 oder 50 gute Jahre, in denen es immer nur bergauf ging. Für die Menschen zwischen all den Ehrengästen wird das, was jetzt kommt, ein großer Teil ihres Lebens sein. Sie hatten vielleicht 20 Jahre bis heute. (Und verbrachten davon Monate allein in ihrem WG-Zimmer vor Zoom-Kacheln.)  Für diese Menschen ist es schmerzhaft, dass die besten Jahre jetzt vorbei sein sollen.

Dafür kann Steinmeier nichts. Und deshalb ist es richtig, dass er ausspricht, was kommen wird. Nur weil die Wahrheit nervt, kann er sie nicht ignorieren. Aber er könnte den Schmerz zumindest wahrnehmen, anerkennen, erwähnen. Es haben eben nicht nur Bäckermeister,  Unternehmer und Alleinerziehende Angst vor der Zukunft. Nicht mal ein Viertel der Menschen zwischen 14 und 24 Jahren geht davon aus, dass man 2050 friedlicher zusammenleben wird. Das ergab eine Befragung der Vodafone-Stiftung im September 2021 – vor dem Krieg also. Nur acht Prozent glaubten, dass es zukünftigen Generationen besser gehen wird. 86 Prozent sagten, sie machen sich Sorgen um die Zukunft.

Es ist frech, ihr Engagement zu fordern

Ein Bundespräsident sollte das ernstnehmen. Stattdessen entwickelt Steinmeier in seiner Rede eine Anspruchshaltung an die junge Generation: "Es ist jetzt an Euch, in die Verantwortung zu gehen, Euch einzubringen, gerne kritisch, nicht destruktiv, und unser Land zu verändern." Steinmeier wiederholt seine Forderung nach einer Pflichtzeit, in der man sich für das "gemeinsame Ganze" engagieren muss.

Das ist frech. Denn die Sorge der Jungen kommt ja nicht nur vom Krieg. Sie rührt auch daher, dass sie wissen, das Lebensmodell ihrer Eltern ist in dieser Welt in Zeiten der Klimakrise nicht mehr realistisch. Ja, Steinmeier ruft in seiner Rede auch die Älteren dazu auf, das Gewohnte zu überdenken. Aber niemals wäre er auf die Idee gekommen, einen Großteil seiner Rede dem Klimawandel zu widmen, wenn sich nicht seit Jahren junge Menschen engagieren, um ihn darauf aufmerksam zu machen.

Es geht nicht darum, Alt und Jung gegeneinander auszuspielen. Die letzten Jahrzehnte sind passiert, wie sie passiert sind. Aber nun sollte Steinmeier zumindest nicht fordern, dass die Jungen sich einbringen, kritisch sind und engagiert. Er sollte sie nicht nur dann erwähnen, wenn es darum geht, etwas von ihnen zu bekommen. Er sollte sie einfach mal ernstnehmen, wenn sie reden. Dann werfen sie vielleicht auch keinen Kartoffelbrei auf Gemälde.

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