Franz Müntefering Der rote Papst


Er liebt kurze, knackige Sätze. Das klingt dann so: "Opposition ist scheiße." Der neue Parteichef Franz Müntefering wird alles tun, damit die SPD weiterregiert. Notfalls auch den Kanzler stürzen.

Wunder dauern bei der ruhmreichen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands immer etwas länger. Vielleicht hat Franz Müntefering ja ein klitzekleines bisschen darauf gehofft, dass allein seine Blitzbeförderung vom heimlichen zum offiziellen Parteichef über Nacht für mehr Ruhe in der roten Rappelkiste sorgen würde. Geglaubt hat er es nicht. Der Mann ist Realist. "Ich träume nicht", sagt er nüchtern.

Und so mag den vom Kanzler und sich selbst zum Wundenheiler der SPD-Seele Erkorenen allenfalls die Wucht überrascht haben, mit der die Genossenschaft schon am Tag danach wieder über sich herfiel. Rauf auf die Reformbremse! Mehr Gerechtigkeit! Andere Kaliber ins Kabinett! Muss die SPD nicht rechtzeitig vor der Wahl 2006 sagen: Danke, Gerd, es reicht!?

Müntefering stand vor Kameras und Parteivolk, das Gesicht wie aus dem Fels gehauen, und staubte trocken los: Nix gibt's. Keine "Rolle rückwärts" bei den Agenda-Gesetzen, erst recht keine Diskussion um den Nur-noch-Regierungschef. "Gerhard Schröder ist ein guter Kanzler und wird es auch lange bleiben." Basta!

Schröders Thronkonkurrent

Basta? Erstmals seit sich Oskar Lafontaine vor fünf Jahren in die Nörgelei abgesetzt hat, ist Schröder ein ernsthafter Thronkonkurrent erwachsen. Es bedürfte wohl nur eines Fingerschnippens des Mannes aus dem sauerländischen Sundern - und der Kanzler wäre ex. Mitte November, auf dem Katastrophen-Parteitag in Bochum, ließ Müntefering für einen Moment aufblitzen, was er unter der Haube hat. Wie einer, der an der Ampel das Gaspedal antippt und den 300-PS-Motor satt aufheulen lässt: "Fraktion ist gut, Partei auch. Glück auf." Wrumm, wrumm.

Gejubelt haben die Delegierten nach seiner Fünf-Minuten-Rede wie bei keinem sonst. Obwohl er ihnen in dieser kurzen Zeit einiges um die Ohren gehauen hatte. Erst ja sagen zu Schröders Agenda, sich dann aber feige in die Büsche schlagen, das hat er gern. Und diese unnütze Nabelschauerei: "Wer sich nur in der Partei umhört, wie man es denn gern hätte, kann Politik nicht wirklich gestalten."

Trotzdem, in diesem Augenblick hätte er den Oskar machen, die frustrierten Genossen gegen den ungeliebten Vorsitzenden aufputschen können. Aber er ist nicht durchgestartet. Er hat den Fuß wieder vom Gas genommen. Ein Franz Müntefering lässt sich nicht hinreißen oder treiben. Er sagt und macht nichts, was er nicht genau bedacht hätte. Ein Kontrollfreak. Es gibt Genossen, die nennen ihn deshalb anders. Apparatschik. Sogar Stalinist.

Wo Müntefering ist, taucht zuverlässig mindestens einer seiner Mitarbeiter auf, steht oder sitzt in der Ecke, schnuppert die Stimmung. Registriert, was Journalisten fragen. Guckt, wie der Kanzler reagiert. Merkt sich, was die Genossen bewegt. Danach wird ausgewertet. Müntefering entgeht nichts. Und er lässt sich nie ganz in die Karten schauen. Das ist ein großer Teil seines Erfolgsgeheimnisses.

Bis vor kurzem hat der 64-Jährige, zumindest darin Schröder sehr ähnlich, alles mit einer kleinen, verschworenen und verschwiegenen Truppe gemacht - der Westfalen-Mafia, einer Art Politorden. Matthias Machnig, nach der Wahl gegangener Bundesgeschäftsführer, gehörte dazu, und Kajo Wasserhövel, der neue SPD-Manager. Dazu gesellte sich Lars Kühn, Berater und Sprachrohr zugleich. Alle mindestens 20 Jahre jünger als er und geübt darin, Fallen zu wittern, bevor sie aufgestellt sind.

Sie halten zusammen, seit Rudolf Scharping Müntefering 1995 in die Parteizentrale holte. Sie haben die Kampa erfunden, waren nach Schröders Sieg kurz im Verkehrsministerium, dann wieder als Nothelfer im Willy-Brandt-Haus, schließlich an der Fraktionsspitze.

"Ich bin nicht dein Franzwurst"

Nach dem Sieg 1998 wäre die Gemeinschaft gern mit Schröder ins Kanzleramt eingezogen, aber da traute Schröder "dem Franz" noch nicht über den Weg. Der soll mal zu Lafontaine gesagt haben: "Mit dem geht das nicht." Das hat Schröder sich gemerkt. Allerdings auch, dass Müntefering Oskars Intrigenspiel nach der Wahl nicht mitmachte und seinen Plan durchkreuzte, ihn als Statthalter auf den Fraktionsvorsitz zu hieven. Seine Absage teilte er Lafontaine per Interview mit. Klare Kante. Ich bin nicht dein Franzwurst, lautete der Subtext. "Keiner soll oben oder unten sein, keiner Herr oder Knecht": Auf die Einhaltung seines politischen Leitmotivs legt er auch im Umgang miteinander gewaltig Wert.

Dass er sich auf ihn verlassen kann, wusste Schröder nach Lafontaines Flucht. Obwohl Müntefering von zahlreichen Genossen bedrängt wurde, selbst als SPD-Chef anzutreten, erklärte er kategorisch: "Das muss der Gerd machen" - vermutlich sein größter politischer Irrtum. Einen persönlichen Draht jenseits des Politischen haben die beiden nie gefunden. "Sie sind sich sehr fremd, zwischen ihnen gibt es keine Chemie", sagt einer aus dem inneren Kreis. "Aber beide wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind."

"Franz, du musst dich stärker um die Partei kümmern", hat Schröder ihn schon im Spätherbst gebeten. Längst hatte sich da, wie es einer aus der SPD-Spitze formuliert, "das Kraftfeld der Politik verschoben, vom Kanzleramt in die Fraktion". Zu Müntefering also. Der hatte dafür gesorgt, dass die Arbeitsmarktgesetze etwas halbhartziger ausfallen, damit die Linken zustimmen. Er hatte gegen Schröders Willen die Ausbildungsplatzabgabe angeschoben.

Er hielt den Kanzler aber auch davon ab, die Lohnnebenkosten weiter in die Höhe zu treiben. Die deshalb beschlossene Nullrunde für Rentner geht maßgeblich auf seine Kappe - allein das wird ihn hindern, dem Flehen nach Revision nachzugeben.

"Zu wenig ehrgeizig" zu sein nannte er mal seinen größten Fehler. Das ist ein netter (Selbst-)Betrugsversuch. Richtig ist, er hat nie gequengelt, er wurde immer gerufen - und hat höchstens im Hintergrund dafür gesorgt, dass der Ruf auch erscholl. Während sich die Enkel peu a peu vom Karrierekarussell schubsten, wartete er gelassen am Rand, bis in brenzliger Lage wieder jemand mit dem Finger auf ihn deutete und rief: Der Franz, der kann's.

So kommt es, dass auf dem Sonderparteitag am 21. März, 17 Jahre nach dem Rücktritt Willy Brandts, einer in dessen große Stapfen tritt, der nie zum erlauchten Kreis der von ihm Auserwählten gehörte, nie zur Toskana-Fraktion zählte, nicht am Ego-Tripper leidet und das Aufsteiger-ABC (Alden, Brioni, Cohiba) bis heute nicht nachbeten mag. Er ist authentisch, aber wissend, wie sympathisch das wirkt, kultiviert er das Provinzielle, die Schlichtheit auch. "Ich kann", sagt er zum Beispiel, "nur kurze Sätze" - die manchmal ganz schön lang werden.

Macht geht Müntefering über alles

Und man möge sich nicht täuschen lassen, Macht geht Müntefering über alles. Die gibt man nicht mal so eben aus der Hand. Das ist seine Lehre aus 1982. Er war seit 1975 im Bundestag und hätte gern weiter Spaß am Regieren gehabt, als die SPD ihren Kanzler zerlegte. Die 16 langen Jahre danach, die Ohnmacht in der Opposition, hat er nicht vergessen. Eine Wiederholung wird er zu verhindern trachten, mit allen Mitteln. "Opposition ist scheiße", verkündet er. Und dass er "nie, in keinem Augenblick, die Fraktion gegen die Regierung führen" werde.

Was aber nicht ausschließt, dass er die Reißleine zieht, wenn das "Weglaufen" (Wasserhövel) der Mitglieder und die Unzufriedenheit anhalten und Wahl um Wahl verloren geht. Müntefering weiß, dass der Absturz noch lange nicht zu Ende sein muss: "Unsere Kernwählerschaft ist 12 bis 13 Prozent, alles andere muss man immer wieder neu erkämpfen." Gut möglich also, dass er, um die Macht zu retten, dem Kanzler eines Tages mitteilt: Gerd, es geht nicht mehr!

Acht Tage bevor Schröder den Parteibettel hinschmiss, saß Franz Müntefering abends in der Berliner Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen, schmauchte Zigarillos, trank ein wenig Spätburgunder und erzählte in trauter Runde von früher. Von seinem Vater, dem Kriegsheimkehrer, den er erst mit sieben Jahren kennen gelernt hat. Plötzlich war er da, erst war's auch ganz interessant, "aber nach drei Wochen fand ich, dass er jetzt auch wieder gehen könnte". Über seine Fußballleidenschaft; zu Sichtungslehrgängen des DFB wurde der Jugendkicker eingeladen, zusammen mit Karl-Heinz Schnellinger, der ein paar Jahre später seine erste WM spielte. Über die fieberhafte Lektüre von Kafka, Brecht, Camus, mit der er nach acht Jahren Volksschule und einer Lehre als Industriekaufmann seinen Kopf füllte. Und wie er mit 25 in die SPD eintrat und im erzkatholischen Sundern der sechziger Jahre die "Aktion Saubere Leinwand" bekämpfte. Erfolgreich und zur Freude des Kinobesitzers, dessen Einnahmen schlagartig stiegen: "Der wurde ein Fan fürs Leben."

Er sei, sagt Müntefering dann, ja "nicht wegen der Sozialpolitik, sondern aus kulturellen Gründen in die SPD eingetreten". In Wahrheit war Franz Müntefering nie der Betonsoz, als der er lange galt. In Wahrheit ist er aber auch nicht der gewendete Modernisierer, den er jetzt gibt. Irgendwie war er immer beides, mal das eine mehr, mal das andere. Ein Traditionisierer sozusagen. In seinem Büro im Bundestag hängt ein Schal von Borussia Dortmund und einer von Schalke 04. Die Fans der beiden Klubs sind sich spinnefeind. Normalerweise.

Alternative Abstieg?

Diese Geschmeidigkeit gestattet es ihm, ohne in Konflikt mit sich selbst zu geraten erst einmal beiden zu dienen: der SPD und Schröder. In exakt dieser Reihenfolge. Mit dem Habitus des Geläuterten wirbt er, der vor kurzem den Bürgern noch die Devise "Steuern zahlen geht vor Konsumieren" nahe bringen wollte, um Verständnis für die Reformen. "Ich weiß, dass das für viele eine Zumutung ist, was wir machen." Aber, leider, es gibt keine Alternative. Außer dem unaufhaltsamen Abstieg.

Woher der Wandel? Opportunismus? Das könne man so sehen, gibt Müntefering zu. Aber: "Es muss ja nicht das Ehrenwerteste sein, sich sein Leben lang nicht zu verändern." Das Seltsame ist, ihm nehmen die "Rechtgläubigen", wie er SPD-Anhänger nennt, das ab. Wo Schröder, der ähnlich argumentiert, in der Partei grundsätzliches Misstrauen entgegenschlägt, genießt Müntefering eine Art Urvertrauen. Ein Mann aus unserm Stall, der auch gar nicht anders riechen will. 'ne ehrliche Haut, woll. Als "letzten Kitt" hat die "Frankfurter Rundschau" Müntefering im Herbst beschrieben. Schafft er es nicht, die SPD zusammen- und den Niedergang aufzuhalten, dann keiner.

Dabei hatte er eigentlich aufhören wollen, 2003 sollte ein anderer das Amt des Generalsekretärs übernehmen. So hatte es Müntefering zu Beginn des Wahljahres geplant. Er wirkte ausgelaugt, seine Frau Ankepetra war zudem schwer erkrankt, das ändert Prioritäten und Perspektiven. Die Ideen für den Wahlkampf zündeten nicht, er fing einen Kleinkrieg ausgerechnet mit der "Bild" an, und im Kanzleramt wunderten sie sich, warum Müntefering ständig um Termine bat, da er doch offenkundig nichts zu besprechen hatte. Zum Wahlsieg des Fluthelfers und zwischenzeitlichen Antikriegshelden Gerhard S. hatte er jedenfalls nicht so wahnsinnig viel beizutragen. Keine zwei Jahre später ist er einer der mächtigsten Männer, den die SPD je hatte. Nebenkanzler und logischer Kanzlerersatz in einem.

"Schönstes Amt neben Papst"

Der Mann, der bald "das schönste Amt neben Papst" innehaben wird, erzählt gern Witze, in denen der liebe Gott eine Rolle spielt. Einer geht so: Ein Pfarrer gerät ins Moor. Zufällig kommt die Feuerwehr vorbei. Doch deren Hilfe lehnt der Versinkende ab: Nicht nötig, der Herr wird mich retten. So geht das dreimal, dann ist der Pfarrer hinüber. Im Himmel beschwert er sich bei Gott, warum er ihm nicht geholfen habe. Da antwortet der Herr: "Was soll ich denn mehr machen, als dir dreimal die Feuerwehr vorbeizuschicken?" Überzeugungen und Prinzipien sind schön und gut, aber muss man dafür über die eigene Leiche gehen?, lautet die Moral von der Geschichte. Müntefering hat sie erzählt, als die innerparteilichen Gegner der Agenda 2010 die ganze rot-grüne Koalition zu versenken drohten. "Man muss sich auch retten lassen wollen", sagte er.

Es scheint, als müsste der neue Parteichef diesen Witz und seine Lehre in den nächsten Wochen und Monaten seinen Genossen noch oft erzählen.

Andreas Hoidn-Borchers print

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