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Interview im "Spiegel" Friedrich Merz erklärt, wie der Vorfall mit dem Obdachlosen wirklich war

Vor einer blauen Wand mit "Bundespressekonferenz"-Schriftzug sitzt Friedrich Merz in einem Anzug und lächelt.
Friedrich Merz erklärte im "Spiegel"-Interview, dass die häufig zitierte Geschichte mit dem Obdachlosen, der sein Notebook fand, nicht korrekt sei.
© Maja Hitij / Getty Images
Friedrich Merz gilt als kompetenter, aber sozial kühler Politiker. Als Beleg wird häufig die Geschichte eines Obdachlosen zitiert, der Merz' Notebook fand und als Dankeschön ein signiertes Buch bekam. Dabei stimme die Anekdote gar nicht, wie Merz nun erklärte.

Die großen Volksparteien stecken in der Krise. Die SPD stürzt in die Bedeutungslosigkeit, die CDU durchlebt ihre schwersten Tage seit der Spendenaffäre. Am 25. April wollen die Christdemokraten über ihren neuen Parteivorsitz abstimmen - neben Norbert Röttgen treten auch Armin Laschet und Jens Spahn sowie Friedrich Merz an.

Der 64-jährige Merz gilt als aussichtsreicher Kandidat, der "für Aufbruch und Erneuerung" stehe, wie er selbst betont. Er ist politisch erfahren, wirtschaftlich kompetent, aber in der Bevölkerung nicht so beliebt wie Merkel. Als Beleg für seine vermeintliche Empathielosigkeit wird häufig jene Geschichte zitiert, die der ehemalige Obdachlose Enrico J. vor zwei Jahren der "taz" erzählte: Der fand 2004 am Berliner Ostbahnhof das Notebook samt elektronischem Adressverzeichnis von Merz, doch statt es zu verkaufen, gab er es pflichtbewusst bei der Polizei ab - und erhielt als Dankeschön eine signierte Ausgabe von Merz' Buch mit dem Titel "Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion - Kursbestimmung für unsere Zukunft".

Enrico J. erklärte damals im Gespräch mit der Zeitung: "Das fand ich echt total unverschämt. Ich habe das Buch sofort in die Spree geschmissen. Er wusste ja von der angegebenen Adresse genau, dass ich obdachlos war, doch ihm war das nicht mal einen Cent wert. Richtig scheiße."

"Manchmal ist die halbe Wahrheit schlimmer als die ganze Unwahrheit"

Anderthalb Jahre geisterte die Geschichte unwidersprochen durch die Medien, nun hat sich Merz ausführlich zu dem mittlerweile fast 16 Jahre zurückliegenden Vorfall im Interview mit dem "Spiegel" geäußert. Er sei nie gefragt worden, ob die Geschichte denn stimme, dabei sei "die halbe Wahrheit manchmal schlimmer als die ganze Unwahrheit", erklärte er.

Es sei richtig, dass er damals sein Notebook verloren habe und es ein oder zwei Tage später von der Bahnhofspolizei zurückgebracht wurde. Allerdings wollten die Beamten dem Spitzenpolitiker auch auf Nachfrage nicht verraten, wer es gefunden habe. "Sie haben mir nur ausrichten lassen: Bitte geben Sie dem Finder kein Geld, sondern schreiben Sie ihm über uns ein paar freundliche Zeilen, und legen Sie vielleicht noch ein kleines Präsent dazu."

Heißt im Klartext: Merz wusste nicht, dass es sich beim Finder um einen Obdachlosen handelt. So kam es, dass er eine Ausgabe seines Buches samt persönlicher Widmung schenkte. "Einem Obdachlosen hätte ich ein solches Buch natürlich nicht geschickt, das ist doch völlig klar."

Dass er häufig als eitel, gar arrogant wahrgenommen werde, scheint Merz zu ärgern. Das Bild stimme "mit der Wirklichkeit nicht überein", erklärte der CDU-Politiker. Ein Grund dafür sei unter anderem seine Körpergröße, mutmaßt er. Er schaue "rein physisch auf viele Menschen von oben", sagte der Sauerländer.

Merz hält längere Lebensarbeitzeit für notwendig

Im "Spiegel"-Interview sprach Friedrich Merz auch über seine Ansichten zur Rente mit 63. Auf die Frage, ob er diese abschaffen würde, entgegnete Merz: "Für die Zukunft muss das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Ruhestand noch einmal neu justiert werden. Wir werden auch den Rentenversicherungsbeitrag nicht bei 20 Prozent und das Rentenniveau gleichzeitig bei 48 Prozent halten können".  Aus der SPD kam umgehend Kritik, Bundestags-Fraktionsvize Katja Mast sprach von einer "billigen Strategie".

cf

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