HOME
Jahresrückblick

Hamburg: Das G20-Chaos - fünf Beteiligte erinnern sich

Der G20-Gipfel im Sommer wurde von Plünderungen, Brandstiftungen und Gewaltexzessen überschattet. Im stern erinnern sich fünf, die in Hamburg dabei waren.

Picture Alliance

Punksänger Schorsch Kamerun (trat bei Demo "Welcome to Hell" auf)

Schorsch Kamerun spielt im Juli in Hamburg mit seiner Band bei der Demonstration "Welcome to Hell"

Schorsch Kamerun, Sänger der Band "Goldene Zitronen", spielt im Juli in Hamburg mit seiner Band bei der Demonstration "Welcome to Hell"

"Ich werde sofort wieder wütend. Schon dann, wenn ich über G20 nur rede. Dieses aufgezwungene Ereignis hat mich, wie viele andere Hamburgerinnen, Wochen beschäftigt und bedrängt. Es ging regelrecht in die Knochen. Noch immer halte ich es für eine fatale, arrogante Entscheidung, dass ein emotional so aufgeladenes Weltbestimmertreffen inmitten von Hamburg veranstaltet wurde. Alle wussten vorher, was passieren würde. Alle! Die Bürger, die linke Szene – und die Polizei.

Ich bin froh, dass es keine Toten gab. Nur Olaf Scholz tat so, als erlebe er einen Routineevent, gleich einem zusätzlichen Hafengeburtstag. Mich wundert ganz ehrlich, dass der Bürgermeister nicht zurücktreten musste, trotz jener historischen Fehleinschätzung. Offenbar hantiert er mit dieser merkelschen Teflonschicht, an der alles abperlt. Die erwartbaren Schlachten und Schaukämpfe in der Stadt haben die vielen kreativen Aktionen überschattet und ihnen geschadet. Wunderbare Riesenbegegnungen wie "Lieber tanz ich, als G20" verspielten sich unter teils ritualisierten Abfolgen von hochgeschaukelten, meist mannsgesteuerten Helm- und Knüppeltänzchen. Hier die Hundertschaften, die einen Demonstrationszug nach wenigen hundert Metern auflösen und dadurch schwer eskalieren, dort besoffene, nackte Oberkörper beim Selfie-Shooting auf brennenden Mülltonnen. Was ist das für ein Quatsch zu behaupten, Vermummte würden zwangsläufig Gewalt ausüben? Aber auch, warum sagt der Dieb freiwillig, dass er der Dieb ist, wenn er extra öffentlich vom Zerschlagen des Staates schwärmt?

G20-Proteste: Humor statt Gewalt


Mit Gewaltmythen zu spielen, lockt Testosteronmotten an, aufgegeilte Bierflaschenwerfer-Touristen genauso wie tumbe Polizeiterminatoren. Aber ich respektiere nach wie vor jeden Menschen, der für eine andere Weltordnung und mehr Gerechtigkeit kämpft. Der Szene in Hamburg hat G20 eher genützt als geschadet. Die Politisierung hat zugenommen, die Leute haben sich besser vernetzt. Der Status der Roten Flora als freier Ort und als Zentrum gegen Autoritäten aller Art ist nicht beschädigt, sondern gefestigt. Ich möchte auch in Zukunft noch Räume in der Stadt haben, die nicht einer allgegenwärtigen Wertschöpfungslogik unterworfen sind."

Budni-Inhaber Cord Wöhlke 

Budni-Inhaber Cord Wöhlke

Budni-Inhaber Cord Wöhlke

"Gegen 21 Uhr am Freitagabend rief mich ein Mitarbeiter an und berichtete, dass unser Laden auseinander genommen wird. Also fuhr ich zur Budni-Filiale am Schulterblatt. Ich musste mitansehen, wie drinnen schwarz Vermummte mit Pflastersteinen auf die Kassen einschlugen, wie sie Regale von den Wänden rissen, Deos, Rassierer und Kaugummis einsteckten und auf der am Boden liegenden Ware herumtrampelten. Der Schaden: kaputte Einrichtung, vor allem der Fußboden wurde komplett zerstört, gestohlene und beschädigte Ware und dann noch der Umsatzausfall während der G20-Tage. Wir hatten die Filiale vorsorglich geschlossen, denn das Risiko für Mitarbeiter und Kunden erschien uns zu hoch. Fenster und Türen sicherten wir mit Holzlatten, doch das hat nicht ausgereicht. Der Schaden betrug insgesamt eine halbe Million Euro. Den Großteil bezahlte die Versicherung. Allerdings blieben wir auf unseren Umsatzausfällen sitzen, drei volle Tage, darunter ein Samstag, an dem wir das Hauptgeschäft der Woche machen. So wie uns geht es auch anderen Gewerbetreibenden auf der Schanze. Umsatzausfälle würde man generell nicht erstatten, heißt es von der Versicherung, da es sich nicht um einen Sachschaden handele. Von der Stadt haben wir bis heute nichts gehört."

Kioskbesitzer Tuncay Simsek 

Kioskbetreiber Tuncay Simsek

Kioskbetreiber Tuncay Simsek

"Wir können es uns nicht leisten, das Kiosk drei Tage zu schließen. Wir bauten uns das über Jahre auf und haben nichts anderes. Außerdem fürchtete meine Frau, dass geplündert werden könnte, wenn niemand im Laden ist. Also hatten wir während der Randalen geöffnet. Geplündert wurde nicht, wir hatten aber auch so jede Menge Ärger. Vor unserem Haus feuerte ein Polizist einen Warnschuss gegen die Randalierer ab und flüchtete sich in unser Büro im Hinteren des Ladens. Während wir uns mit ihm hinten unterhielten, knallte es plötzlich vor dem Laden. Jemand hatte unser Leuchtreklameschild mit einer Bierflasche eingeworfen. Wir mussten es abmontieren und ersetzen lassen. 300 Euro hat das gekostet, die wir selbst bezahlt haben. Wir haben für sowas keine Versicherung und von der Stadt bekamen wir bisher auch keine Unterstützung. Wir sind normale Leute und kennen uns mit der Rechtslage nicht aus. Bis heute wissen wir nicht, wer für uns und den Schaden an unserem Laden zuständig ist. Wir wurden sitzen gelassen." 

Polizist Kay Strasberg, Hundertschaftsführer

Polizist Kay Strasberg, Hundertschaftsführer

Polizist Kay Strasberg, Hundertschaftsführer

"Wenn ich an G20 denke, bin ich schnell wieder im Film und habe die Bilder und Situationen wieder vor Augen. Der Donnerstag war natürlich der Tag, an dem wir alle gespannt waren, wie die große "Welcome to hell"-Demo verläuft. Ab da waren wir dann auch bis zum Samstagabend lediglich mit kleinen Pausen durchgängig im Dienst. Wir standen an der Spitze der "Welcome to hell"-Demo. Vor uns unzählige Demonstranten, unter ihnen auch eine mindestens dreistellige Zahl vermummter Personen. Sich bei einer Demonstration zu vermummen, ist in Hamburg eine Straftat. Da die Vermummung letztlich nicht abgelegt wurde, bekamen andere Einsatzkräfte den Auftrag, die Vermummten von den anderen Demonstranten zu separieren. Diejenigen, die dort friedlich demonstrieren wollten, sollten dadurch die Möglichkeit bekommen, ihrem Recht auf Versammlungsfreiheit nachgehen zu können. 

G20-Öffentlichkeitsfahndung: Polizei sucht mit neuen Videos von Krawallen nach Straftätern

Die Anspannung war riesig vor dem Moment, als auch wir auf die Menge losrückten. Du kannst nie hundertprozentig wissen, was dann passiert. In meiner Hundertschaft sind vor allem junge Beamte, die erst seit kurzem bei der Polizei sind. Viele erlebten zum ersten Mal so eine Gewalt. Ich selbst mache das zwar schon seit vielen Jahren, aber eine Belastung wie bei G20 habe ich nie zuvor erlebt. Wir sind dann vorgerückt, wurden mit Flaschen beworfen. Einen von uns traf die Stahlkugel einer Zwille an der Wade. Er merkte es erst gar nicht, vermutlich weil das Adrenalin ihm den Schmerz nahm. Später sahen die anderen das Blut an seinem Bein. Andere erlitten Prellungen oder schürften sich die Haut auf. Wiederum andere sind bei dieser Einsatzsituation aber auch aufgrund des warmen Wetters ausgefallen. Natürlich war ihnen klar, dass sie auch trinken müssen, um nicht zu dehydrieren. Auch wir haben darauf geachtet. Dennoch haben die Kollegen sich aber teilweise zurückgehalten, weil sie nicht wussten, wann sie auf die Toilette würden gehen können. 

Aber Gott sei dank trug niemand aus meiner Hundertschaft schwere Verletzungen davon. Am Freitagabend waren wir beispielsweise auf der Reeperbahn eingesetzt. Dort fand eine Versammlung statt. Im weiteren Verlauf waren wir auch im Schanzenviertel eingesetzt, allerdings erst, als die Situation dort schon weitestgehend befriedet war. Die Atmosphäre war schon gespenstisch. In weiten Teilen war das Kopfsteinpflaster aufgerissen. Das hat einem schon die Dimension deutlich gemacht, welche Gewalt dort geherrscht haben muss. 

Sympathie für die Polizei in den sozialen Medien


Am letzten Abend des Einsatzes waren wir 'fertig'. Absolutes Limit. Ein Bild habe ich noch vor Augen, da hat man die Dankbarkeit der Bevölkerung gespürt. Als wir vom Millerntor Richtung Polizeipräsidium gefahren sind, standen im Mittelweg Passanten, die sich zu unseren Fahrzeugen gedreht und applaudiert haben. Zum Teil haben sie sich sogar verneigt. Dieses Gefühl, das wir dabei empfunden haben, das ist auf jeden Fall etwas, dass wir auch mit aus dem Einsatz genommen haben. Insbesondere, weil man an dieser Dankbarkeit merkt, dass häufig zu hören gewesene Beleidigungen oder polizeifeindliche Parolen eben nicht alles sind. Das Ganze war nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Extrembelastung. Wir tragen zwar Uniform und Schutzausrüstung, aber wir sind keine Maschinen. Meine Familie hat die Bilder im Fernsehen gesehen und hatte Angst um mich. Ich glaube trotz allem, dass dass ein Einsatz war, der erfolgreich war und aus dem wir gestärkt hervorgegangen sind. Und ich bin auch froh, dass ich dabei war. Es wäre heute schwerer, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Dann hätte ich das Gefühl, die anderen im Stich gelassen zu haben."

Polizeidirektor Normen Großmann, Leiter der Eingreifkräfte

Polizeidirektor Normen Großmann

Polizeidirektor Normen Großmann

"Mein Einsatzabschnitt bestand aus etwa 2000 besonders leistungsfähigen Spezialkräften, in den 'heißen Einsatzphasen' hat die Gesamteinsatzleitung mir noch eine Vielzahl weiterer Einheiten zugewiesen. Unsere Aufgabe war es insbesondere, an den Brennpunkten gegen besonders gewalttätige Personen vorzugehen und Straftäter festzunehmen. Dies erfolgte im ständigen Zusammenwirken mit unseren zivil und verdeckt eingesetzten Kolleginnen und Kollegen. Wenn sie Straftaten beobachten, melden sie uns das. Wir passen dann einen günstigen Moment ab, um den Verdächtigen festzunehmen. Wir waren an wirklich allen Brennpunkten, die nun im Nachgang der politischen, medialen und gerichtlichen Betrachtung unterliegen.

Am schwierigsten war es am Freitagabend in der Sternschanze. Zuvor waren wir bereits seit Donnerstagabend mit wenigen kurzen Unterbrechungen durchgehend in der Auseinandersetzung mit einem äußerst gewalttätigen Mob. Überall, wo wir uns dem Mob entgegen stellten, wurden wir sofort massiv angegriffen. Wir konnten das hemmungslose 'Freidrehen' des Mobs an den meisten Orten unterbinden und Straftäter festnehmen, aber leider stieg auch die Zahl der Verletzen in meinem Einsatzabschnitt stetig rapide an. Es ist ein großes Glück, dass alle unsere Leute inzwischen wieder gesund sind - jedenfalls körperlich. Psychisch bedarf es in vielen Fällen sicher noch lange der Nachsorge.

In der Schanze braute sich am Freitagabend eine Lage zusammen, die wir und wohl auch die 'Szene' selber so nicht erwartet haben. Zunächst wollten wir uns nicht von jeder niedrigschwelligen Störung in das Viertel locken lassen. Es war klar, dass dann sofort massive Auseinandersetzungen mit der Polizei gesucht werden, wenn wir uns im Schanzenviertel aufstellen. Ab einem gewissen Zeitpunkt ließ sich diese Philosophie nicht mehr durchhalten. Es gab kein Ermessen mehr, wir mussten da rein. 1500 zu allem bereite Gewalttäter hatten das Schulterblatt zur Festung ausgebaut, Geschäfte wurden geplündert und in Brand gesetzt und die Anwohner erwarteten natürlich vollkommen zu Recht das Einschreiten der Polizei. Der Handlungsdruck für uns war hoch, die Risiken für die Einsatzkräfte aber auch. Natürlich wollten wir rein und helfen. Aber wir hatten auch erfahren, dass einige Verdächtige auf den Dächern lauern. Von Betonplatten, Eisenstangen, Brandsätzen, Zwillen und anderen Waffen war die Rede. Ich befürchtete, dass wir selbst mit Wasserwerfer und Räumfahrzeugen im Verlauf der Straße stecken bleiben und dann erhebliche Gefahren von den Dächern drohen. Unsere Zivilbeamten baten um Freigabe, sich aus dem Viertel zurückzuziehen. Medienvertreter brachen ihre Arbeit im Viertel ab und warnten uns im vorbeigehen, dort bloß nicht überstürzt hineinzugehen.

Urteil im ersten G-20-Prozess: harte Strafe für Flaschenwerfer

So eine brisante Situation habe ich noch nie erlebt. Ich musste abwägen: Auf der einen Seite wurden Sachschäden verursacht und das Sicherheitsgefühl der Bürger erheblich beeinträchtigt, auf der anderen Seite ging es um Leib und Leben unserer Beamten. Unter diesen Umständen und nach Beratung mit meinen Einheitsführern habe ich mich entschlossen, Unterstützung durch Sondereinsatzkommandos und ständige Aufklärung aus der Luft anzufordern. Im Zusammenspiel mit dieser Unterstützung erschien mir der Einsatz machbar und verantwortbar. Der Entschluss zog aber auch eine Wartezeit nach sich, die unerträglich war. Und hätte es Angriffe auf Personen in der Schanze gegeben, hätte ich keinen Moment mehr gezögert. In dem Fall hätten meine Abwägungen zu einem anderen Ergebnis geführt. Wir wären dort rein gegangen, auch ohne SEK und mit sehr hohem Risiko. Eine solche Entwicklung trat zum Glück nicht ein. Ich mag mir aber auch gar nicht vorstellen, wie das ausgegangen wäre.

Aktuell ist es immer noch meine Aufgabe, unseren Einsatz transparent zu machen. Im Juli habe ich bereits in der Sondersitzung des Innenausschusses der Hamburger Bürgerschaft umfangreiche Erklärungen abgegeben und in der Zwischenzeit Antwortbeiträge für eine Vielzahl schriftlicher parlamentarischer Anfragen erstellt. Das politische und mediale Interesse an dem Einsatz ist nach wie vor hoch, kostet viel Zeit und oft auch Nerven. Natürlich ist mir daran gelegen, unser Handeln zu erklären. Die Befassung mit dem Verhalten der Gewalttäter kommt mir allerdings deutlich zu kurz und erfolgt momentan scheinbar fast ausschließlich in der SOKO Schwarzer Block und in den Gerichtssälen."

G20-Protest: Die Schanze brennt
Protokolle: Stefanie Pichlmair und Tobias Schmitz