HOME

Gesichter der Krise: Der Herr der Fritten

Burger statt Beluga: In Zeiten der Rezession essen die Deutschen mehr Fastfood, es ist billig und macht satt. Das freut Michael Feuerbach. Zu Besuch bei einem McDonald's-Manager.

Erste Lektion: Kneife nie, wenn es heiß wird. Er steht an der Friteuse, die Hemdärmel hochgekrempelt, und zieht in einem Schwung den Käscher mit den Pommes aus dem brodelnden Fett. "Das kann ich noch am besten", sagt er, "das ist wie Tischtennisspielen."

Von oben dringt Hitze aus einer Wärmeleuchte, auf seiner Stirn perlt Schweiß. Doch Michael Feuerbach kann hier nicht weg. Nicht jetzt, wo eine Busladung Touristen sich vor den Kassen drängelt und seine Mitarbeiter mit Bestellungen eindecken. Da hat er sein schwarz geriffeltes Jackett ausgezogen und spielt nun mit den Pommes Pingpong.

Michael Feuerbach, 53, ist Herr über 18 McDonald's-Restaurants, da brutzeln McRibs und McNuggets, da fließen Ketchup, Senf und Mayonnaise. Alle seine Filialen sind in Berlin, so wie diese hier in Alt-Friedrichsfelde. Erst vor einem halben Jahr hat Michael Feuerbach sie gekauft - 18 Stück auf einen Schlag. "Ich wollte im mittleren Lebensalter noch einmal durchstarten" sagt er.

Zweite Lektion: Staple tief, wenn du hoch hinaus willst

Nein, ein Krisengewinnler sei er nicht. Das Wort mag Michael Feuerbach nicht. "Dass die Rezession uns hilft, ist übertrieben", sagt er und atmet erstmal durch, die Touristen verlassen mit vollen braunen Tüten das Lokal. "Wir sind einfach gut vorbreitet." Dennoch: McDonalds ist in Zeiten der Wirtschaftskrise dick im Geschäft. "Einen Umsatzrückgang spüren wir überhaupt nicht." Wie auch? Wer mittags für einen Teller Spaghetti sechs Euro zahlt, fragt sich schon mal, ob das eigentlich sein muss. Hamburger, Cheeseburger und 38 andere McDonald's-Produkten kosten weniger als zwei Euro und machen auch satt.

Der Fastfoodriese nutzt die Gunst der Stunde und investiert. 35 bis 40 neue Filialen will der Konzern in diesem Jahr gründen und 2000 neue Jobs schaffen. Bisher sind es 1333 Restaurants in Deutschland, davon 1045 in den Händen von Franchise-Nehmern - Mittelständlern, die sich in das System einkaufen und es verwalten, eins werden mit der McWorld.

Dritte Lektion: Glaube an dein Produkt (oder tu zumindest so)

Michael Feuerbach tunkt einen McNugget in Currysauce und führt ihn wie einen Löffel Kaviar zum Mund. Auch den Bic Mac würze er zuweilen gern extra mit der Currysauce, einen Royal TS indes rundet er lieber mit einer Portion Ketchup ab, jeder hat da seine Eigenheiten. "Der Geschmack ist aber nicht entscheidend", sagt er zu seinem Beruf als Gastronom, "sondern die Frage: Kann ich diesen Geschmack jeden Tag meinen Gästen vermitteln"? Er kann. Auch wenn sich Ernährungswissenschaftler quasi stündlich darüber aufregen.

Verbindlich schaut er drein. Lächelt sanft, fährt sich übers silbrige Haar und checkt auf seiner Bulgari die Uhrzeit. "Wir Mittelständler können kostenbewusster agieren als ein zentral steuernder Konzern", sagt er. Michael Feuerbach weiß, wovon er redet. Mit 28 eröffnete er sein erstes Mc-Restaurant. Die Eltern waren früh verstorben, und mittels einer Erbschaft konnte er die benötigten 25 Prozent Eigenkapital aufbringen, um ein Lokal 1984 in Bad Kreuznach zu übernehmen. "Ich wollte selbständig werden", erinnert er sich. Mit seiner amerikanischen Ehefrau hatte er auf USA-Reisen die dort stark etablierte Schnellrestaurant-Kultur kennen gelernt. "McDonald's, das war damals in Deutschland hip und spannend", schwärmt er wie von einer Jugendliebe.

Michael Feuerbach blieb treu. Der gebürtige Wetterauer kaufte in den Jahren vier weitere Lokale in Rheinland-Pfalz auf. Doch dann lockte Berlin. "Schon 1984 hatte ich mich für eine Filiale in Berlin beworben", sagt er und nimmt einen Schluck Mineralwasser zum McNugget. Michael Feuerbach verkaufte seine Restaurants im Westen, nahm einen Kredit auf und zog vor sechs Monaten in die Hauptstadt. Nun ist er der Berliner Mega-Mc.

Vierte Lektion: Egal, was du machst, mach es anders

Seitdem tingelt er zwischen seinen Restaurants hin und her, fährt quer durch die Stadt. Im Büro ist er selten, das mache ja auch weniger Spaß. Wenn er eine seiner Filialen betritt, scannt er mit einem Rundblick Sauberkeit und Anordnung, kontrolliert diskret die Höflichkeit der Mitarbeiter, testet auch gern mal die Produkte und packt zur Not mit an. In seiner 60-Stunden-Woche verbringt er 50 in den Restaurants, oft am Wochenende oder abends; einen konventionellen Arbeitsrhythmus wie von 8 bis 16 Uhr kennt er nicht. Und denkt ständig über Neuerungen nach, für die eine Filiale plant er einen Poetry Slam, einen Dichterwettbewerb - und in einer anderen würde er gern Maler ihre Bilder ausstellen lassen. "Think Different", sagt er dazu. Dabei ist das Auffallen hier ganz leicht.

Selbst der in einem traurigen Ocker gestrichene Kubus des Mc-Donald's-Restaurants in Alt-Friedrichsfelde wirkt wie ein Quell des Lebens inmitten von Tristesse. Die benachbarte S-Bahn spuckt im Minutentakt hunderte von Passagieren aus, aber sie verschwinden sofort in Autos oder in den riesigen Wohnblocks westlich der Bundesstraße. Zwischen zwei Hausnummern liegt eine Minute Fußweg, auf der anderen Straßenseite der kilometerlange Berliner Tierpark; hier zog einst die Rote Armee von Osten kommend nach Berlin ein, und noch heute ist die Bundesstraße die größte östliche Schneise zum Zentrum hin oder von ihm weg: leere überdimensionierte Bürgersteige, keine Geschäfte. Die einzige Konkurrenz zur Mc-Filiale von Michael Feuerbach sind der Spätkauf "Ostmann-Shop" und ein namenloser Imbiss, an dem ein Vietnamese Bockwurst und Bulette für einen Euro anbietet, Goldkronen-Weinbrand mit Cola kostet 50 Cent mehr.

Fünfte Lektion: Reinvestiere Deine Gewinne

Als McDonald's sich Anfang der Neunziger Jahre anschickte, im Ostteil Berlins Fuß zu fassen, rechneten die Manager, dass die Stadt langfristig um zwei Millionen Menschen wächst. Das ist nicht passiert. Dennoch halten sich die vielen Filialen. "Da wurde eine alte Kaufmannsweisheit berücksichtigt", lächelt Michael Feuerbach, "die Gewinne hat man nicht abgeschöpft, sondern in den Ausbau gesteckt". Die Rezession, so hofft er unausgesprochen, wird nun die Ernte dieser Mühen bringen und Kunden von teueren Gastronomien abziehen.

Es wird Zeit. Michael Feuerbach wischt sich mit einer Serviette Fett von Zeigefinger und Daumen und steht auf. Eine andere Filiale wartet schon. Er steigt in seinen schwarzen BMW X5-Geländewagen und taucht hinein in den immerwährenden Autostrom, der diese menschenleere Gegend durchteilt.

Unter dem Titel "Wir sind Krise" stellt stern.de in loser Reihenfolge Menschen vor, deren wirtschaftliche Existenz sich gerade ändert: Jongleure, Profiteure und Verlierer der Rezession

Von Jan Rübel