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Große Koalition: Wenn die Ulla mit der Angela...

Sie sind klug, zäh und werden von Männern häufig unterschätzt - das eint Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Mittlerweile sind die beiden so dicke, dass man in Berlin vom "Mulla-Regime" spricht. Porträt einer politischen Beziehung jenseits der Parteibücher.

Von Hans Peter Schütz

Eigentlich wollte die Angela selbst Sabine Christiansen als "Frau des Jahres 2006" ehren. Aber dann kam am vergangenen Mittwoch doch die Ulla zur Berliner Fete der "Bunten" zwecks Laudatio. Die Kanzlerin war wegen eines wichtigeren Staatsgeschäfts verhindert. Also durfte die SPD-Frau die CDU-Frau vertreten. Ganz normal? Aber ja!

Denn wenn zwei Frauen am Kabinettstisch miteinander können, dann die Angela und die Ulla. Schon kursiert in Berlin das Wort vom "Mulla"-Regime. Eine sehr spezielle Form der Frauensolidarität. Von wem stammt der Satz: "Man muss wissen, was man will und man muss Stehvermögen haben?" Von Angela Merkel oder Ulla Schmidt? Beide haben ihn schon gesagt. Die beiden können miteinander, die beiden verstehen sich jenseits der verschiedenen Parteibücher.

Harte Zeiten unter Kanzler Schröder

Weiber! Gedöns! Wenn am Kabinettstisch des Gerhard Schröder die Jungs mit den dicken Backen, wenn der Gerd, der Joschka und der Otto mal wieder die große politische Welt erklärt hatten und wenn sich dann Ulla Schmidt zu Wort meldete, dann stöhnte der Kanzler: "Ach, Ulla, das hat doch noch Zeit bis morgen!" Und wenn sich die Ulla nicht einschüchtern ließ, dann sagte er schon mal am Ende: "Vielen Dank, Ulla, das hat jetzt wieder keiner verstanden."

Dann war Schluss mit Basta. Und Ulla immer noch da. Als Schmidt aus der ersten Kabinettsitzung mit der Kanzlerin Merkel zurückkam, staunte sie: "Das geht ja auch ganz anders." Beeindruckt berichtete sie ihrer Genossin Brunhilde Irber: "Brunhilde, das glaubst du nicht, die Merkel lässt ja jeden ausreden und hört sogar zu."

Als Angela Merkel und Ulla Schmidt es zu Beginn der großen Koalition miteinander können mussten, war beiden mit einem Blick klar: Wir können. Als Rote und Schwarze sich beim Gezerfe über den Koalitionsvertrag wegen der Gesundheitsreform ineinander verhakt hatten, nahmen Kanzlerin und Gesundheitsministerin eine einstündige Auszeit unter vier Augen. Schmidt analysierte für Merkel das Gesundheitssystem wie einen Motor, verwies präzise auf Details und Schwachstellen. Seither vertraut die Kanzlerin auf die Sachkunde der SPD-Ministerin.

Gegen die "Kerle" aus den Ländern

Als etwa die Unionsländer das wichtigste Reformprojekt der Koalition schließlich sogar platzen lassen wollten wegen angeblicher Milliardenbelastungen für bestimmte Länder, lächelte Merkel das Problem gelassen weg: "Ich vertraue auf die Zahlen von Ulla Schmidt, sie kann rechnen." Als Edmund Stoiber und Günther Oettinger drohten, die Gesundheitsreform notfalls zu torpedieren, tröstete die CDU-Frau die SPD-Kollegin: "Regen sie sich nicht auf. Ich habe die Kerle auch am Hals. Das kriegen wir schon noch hin."

Sie telefonieren auch häufig miteinander. Eine enge Arbeitsbeziehung ist entstanden, "die einmal eine Freundschaft werden kann", so ein Insider, der beide Frauen schon oft beim operativen Politikgeschäft beobachten konnte. Es wäre eine eigentlich unmögliche Freundschaft. Eine, die über normale Frauen-Solidarität hinausreicht.

"Stehvermögen ist alles"

Hier die Ostdeutsche aus protestantischem Pfarrhaus in Templin. Behütet aufgewachsen in der DDR, abgeschottet vom sozialistischen System. In einem Familienklima, in dem Verschwiegenheit und Misstrauen gegen die Welt da draußen Überlebenstugenden waren.

Da die singsangende westdeutsche Katholikin aus Aachen, die in den siebziger Jahren "Mao, Mao"-rufend für den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) demonstrierte und 1976 für die Kommunisten in den Bundestag wollte, ehe sie 1983 Genossin wurde, mit deren Parteibuch sie dann 1990 den Sprung ins Parlament schaffte.

Der politische Lebensweg, der die studierte Psychologin und Lehrerin, allein erziehende Mutter und heutige zweifachen Großmutter aus kleinen Verhältnissen bis ins Ministeramt führte, war ungleich schwieriger als jener Merkels, die an der Hand Helmut Kohls politisch auf der Beletage eines Ministeramts starten konnte. Aber vom KBW über die SPD-Ochsentour lernte Schmidt, wie man Macht erobert und sie verteidigt. Ihre schlichte Kampfregel: "Wer am längsten durchhält, hat gewonnen."

Die 58-Jährige ist demnächst vor Horst Seehofer dienstälteste deutsche Gesundheitsministerin. Wie oft ihr Sturz vorhergesagt wurde, weiß sie nicht mehr. Immer hat sie politisch überlebt, denn hinter der Fassade der rheinischen Frohnatur lebt eine knallharte Kämpferin. Das Kampfspiel der Machtverteidigung beherrscht Schmidt perfekt. "Es gewinnt, wer mehr Stehvermögen hat."

Wenn Merkel und Schmidt tratschen

Schmidt hat beim Aufstieg in der SPD gelernt, wie man auf taktischen Umwegen und lächelnd ans Ziel kommt. Brachiale Attacken vermeiden Schmidt wie Merkel. Beide akzeptieren den Vergleich, dass Politik oft wie Judo funktioniert: Man gewinnt, indem man die Angriffsenergie des Gegners nutzt, im richtigen Moment zur Seite tritt und ihn ins Leere laufen lässt. Beider Karriereweg säumen Männer, die sie und ihre Zähigkeit sträflich unterschätzt haben.

Persönlich getroffen haben sich die beiden Frauen erstmals auf einer Veranstaltung des Sozialverbands Deutschland. "Sie sahen sich an und jede erkannte in der anderen ein Stück ihrer selbst," sagt der Schmidt-Vertraute und Ministeriumssprecher Klaus Vater. Erkannten, daß sie beide als Opferlämmchen des männlichen Politikgeschäfts nicht taugen. Gesellschaftspolitik betrachten beide - ohne ideologische Scheuklappen - als Experiment. Beide begleitet der Verdacht, "dass Angela und Ulla genüsslich über Männer tratschen können." Ein Merkel-Vertrauter, männlich, ist sich ganz sicher: "Dabei macht Angela dann den einen oder anderen Mann nach, was sie trefflich versteht und die Schmidt liegt vor Lachen fast unterm Tisch."

Beide sind empfänglich für Komplimente älterer Männer. Der Handkuss ist ihre Streicheleinheit. Und man muss Ulla Schmidt einmal strahlen sehen, wenn der am Kabinettstisch neben ihr sitzende Verteidigungsminister Franz Josef Jung mit bürgerlicher Höflichkeit sie fragt: "Darf ich Ihnen einen Kaffee holen?"

Helmut Kohl hatte den richtigen Riecher

Das politische Frauen-Duett funktioniert auch deshalb, weil die Naturwissenschaftlerin Merkel und die Rechenlehrerin Schmidt beide die Kunst der Überschlagsrechnung beherrschen. Ehe Konkurrenten den Taschenrechner in der Hand haben, um ein Ergebnis zu kalkulieren, liegen beide Frauen mit einer Schätzung ziemlich genau im Schwarzen. Die Mitarbeiter Schmidts, die keinen leichten Job haben, erzählen gerne eine Anekdote. Frage einer, wann der nächste Zug komme, dann lege sie ihr Ohr auf den Boden und sage: "In drei Minuten."

Helmut Kohl hat früher als alle anderen Männer das Potential von Angela und Ulla erkannt. Sein "Mädchen" hat er persönlich auf die Karriereleiter gestellt. Über Ulla Schmidt hat er einmal zu Horst Seehofer gesagt: "Aus der Frau wird noch etwas. Die redet aus dem Leben."