HOME

Grüne: Özdemir strauchelt zum Grünen-Vorsitz

Der designierte Parteichef der Grünen, Cem Özdemir, hat auf seinem Weg zurück in die Bundespolitik einen herben Rückschlag erlitten. Beim Landesparteitag in Baden-Württemberg scheiterte Özdemir überraschend bei der Nominierung für die Bundestagswahl.

Die Mine von Cem Özdemir war wie versteinert. Der Parteitag der baden-württembergischen Grünen in Schwäbisch Gmünd sollte die erste große Bewährungsprobe auf seinem Weg zurück in die Bundespolitik werden. Im November will sich Özdemir zum Bundesvorsitzenden der Grünen wählen lassen. Doch der erste Schritt in Richtung Berlin - seine Nominierung für die Bundestagswahl im kommenden Jahr - scheiterte am Samstag an der Parteilinken in Özdemirs Heimatverband. Zweimal hatte sich der 42-Jährige einer Kampfkandidatur gestellt, um einen erfolgversprechenden Platz auf der Landesliste zu bekommen, und beide Male scheiterte er.

Özdemirs Debakel hatte sich in den Stunden zuvor immer stärker abgezeichnet. Eigentlich wollte die Parteitagsregie, dass er ohne Gegenkandidat für den erfolgversprechenden Listenplatz kandidiert. Doch die Zahl aussichtsreicher Listenplätze für Männer ist gering im Südwesten. Fast in letzter Minute entschied sich der bei der Parteilinken populäre Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann zur Kampfkandidatur gegen den designierten Bundesparteichef. Als Königsmörder sehe er sich aber nicht, betonte Hermann.

Rede-Duel verloren

Als dann bei fast allen Wahlen vor dem Duell Özdemir/Hermann überraschend die Kandidaten der Parteilinken gewannen, musste Özdemir allmählich Böses schwanen. Neun Stunden lang war der Parteitag mehr oder weniger dahingeplätschert, bis Hermann und Özdemir antraten. Hermann schritt als erster zum Podium und bediente alle Themen, die den Linken auf der Seele brennen: Deutsche Soldaten müssten raus aus Afghanistan, Krieg sei generell keine Lösung und die Finanzkrise habe zumindest ein Gutes: Der Börsengang der Deutschen Bahn sei gestoppt. "Lasst uns jetzt die Bahn behalten und Mehdorn entlassen", rief Hermann und erntete tosenden Beifall und zustimmendes Johlen.

Özdemirs Gang auf dem Weg zum Rednerpult schien langsam und fast schwerfällig. Er bemühte sich um Sachlichkeit, zitierte Zahlen aus Bildungsberichten und zur CO2-Reduktion, hob die Bedeutung der Europäischen Union hervor und betonte, dass er durch ein Bundestagsmandat Partei und Fraktion eng verzahnen könnte. Auch sein Applaus war laut, aber nüchterner - das Johlen fehlte.

Als dann das Ergebnis verlesen wurde, war Özdemir schockiert. 46 Prozent für ihn, 53,5 Prozent für Winfried Hermann. Özdemir ließ sich von Parteifreunden tröstend in den Arm nehmen. Während Hermann ein Interview nach dem anderen gab, schüttelte Özdemir nur wortlos mit dem Kopf. Parteifreunde redeten über eine Stunde lang auf ihn ein, führten Vieraugen-Gespräche mit den Delegierten. Hermann sprach schließlich aus, was viele Parteilinke dachten. Die Verbindung von Parteivorsitz und Bundestagsmandat hätte große Probleme gebracht, sagte er. "Viele meinen, dass das nicht gut ist."

Die niederlage vor Augen

Nach langen Diskussionen entschloss sich Özdemir, noch einmal zu kandidieren - diesmal für den nicht ganz so sicheren Listenplatz acht. Ihm sei klar gewesen, dass er eigentlich keine Chance hat, sagten Parteifreunde später. Trotzdem gab er sich kämpferisch: "Ich glaube nach wie vor, dass es wichtig ist, dass die Partei in der Fraktion gestärkt wird und Gehör findet", rief er den Delegierten zu.

Doch gegen den Bundestagsabgeordneten Alexander Bonde bekam Özdemir ein noch schlechteres Ergebnis: Nur 41,3 Prozent der Stimmen. Wortlos packte er seinen Rucksack und verließ den Parteitag. Obwohl er die Niederlage die ganze Zeit vor Augen gehabt hätte, sei er tief verletzt gewesen, als es soweit war, sagen Parteifreunde. Auch sie wirkten konsterniert. Mit einer solchen linken Übermacht hatte im Vorfeld des Parteitags kaum jemand gerechnet. Einer der Sieger des Abends, Winfried Hermann, wollte von einem Linksruck bei den Südwest-Grünen allerdings nichts wissen. Er sprach lieber von einer "glasklaren grünen Politik".

dpa / DPA