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Grünen-Chef Özdemir "Sarrazin macht alles platt"


Er der wohl bekannteste Deutsche mit Migrationshintergrund: Cem Özdemir, Chef der Grünen, Ex-Europapolitiker und Integrationsexperte. Im stern.de-Interview lässt er kein gutes Haar an Thilo Sarrazin und dessen wilden Thesen.

Ist Thilo Sarrazin von der Bundesbank, seinem Arbeitgeber, zurecht abgestraft worden?
Ich begrüße die eindeutige Haltung der Bundesbank gegenüber den inakzeptablen Äußerungen von Thilo Sarrazin und zolle Bundesbankchef Weber großen Respekt für sein Vorgehen. Es kann und es darf nicht sein, dass ein Vertreter einer der zentralen staatlichen Institutionen dieses Landes einen Teil der Mitbürgerinnen und Mitbürger in diesem Land pauschal beschimpft, ohne dass das Konsequenzen hat.

Wie wirken die Äußerungen von Thilo Sarrazin nach Ihrer Einschätzung auf die Zuwanderer in Deutschland?
Was Sarrazin macht, ist absolut kontraproduktiv. Im Prinzip sorgt er dafür, dass es Leuten wir mir und vielen anderen, die sich in der Migranten-Community um neue Debatten und auch offene Kritik bemühen, schwerer gemacht wird. In dieser Community laufen schon seit Längerem hochspannende Debatten über Modernisierungsdefizite, Erziehungsstile, dass man die Antennen mehr gen Deutschland und nicht das Herkunftsland ausrichten muss. Sarrazin macht mit seiner unsäglichen Art alles platt und verstärkt das Abschottungsdenken. Es ist doch naiv zu glauben, dass Migranten, die aus eigener Anschauung die Integrationsdefizite kennen, ihm zujubeln. Diese solidarisieren sich jetzt vielmehr gegen ihn. Ganz abgesehen davon, dass er in seinem Interview nicht einen sachlichen, nach vorne gerichteten Vorschlag macht.

Sarrazin sieht vor allem Problem bei Zuwanderern aus der Türkei und Arabien.
Um das zu wissen, hättest es seines Interviews nicht bedurft. Dazu reicht ein Blick in Statistiken zur Arbeitslosigkeit und Bildungsabschlüssen. Was mich stört, ist seine ganze Rhetorik, für die ihn andere jetzt feiern. Sarrazin pflegt vorurteilsbeladene Weltbilder, die ganze Bevölkerungsgruppen auf ihre ethnische Zugehörigkeit reduzieren. Was soll dieser Rückfall in die Stammesrhetorik? Die Deutsch-Türken, die hier leben, sind doch nicht die Horden aus Zentralasien, die hier einfallen. Im übrigen sollte er zumindest einmal darüber nachdenken, welche Rolle Bildung und soziale Schicht spielen. Italienische Kinder haben in unseren Schulen doch nicht genauso Probleme wie Türkischstämmige, weil sie katholisch sind, oder? Viele Türken sind Menschen, die aus einer Agrargesellschaft kommen, die niemand vorbereitet hat auf das, was sie hier erwartet. Die können nicht innerhalb kürzester Zeit in der Breite zur Bildungselite werden, vor allem nicht bei diesem Versagen unseres Bildungssystems, das ja auch deutsche Arbeiterkinder nicht mitnimmt in Richtung Aufstieg und Durchlässigkeit. Dafür genügt übrigens auch ein Blick in die Statistik. Wir würden besser fahren, wenn wir die Bildungschancen für alle Kinder aus Arbeiterfamilien verbessern würden, die nicht selbstverständlich mit dem Brockhaus aufwachsen.

Müssen die Deutschen tatsächlich Angst haben, dass Türken und Araber die Bundesrepublik mit einer höheren Geburtenrate "erobern" wollen?
Es mag ja sein, dass Türken und Araber mehr Kinder haben, aber das Klischee der orientalischen Großfamilie ist wirklich billig. Erstens sinken auch bei länger hier lebenden Zuwanderern die Geburtenraten und zweitens sollten wir angesichts unserer demographischen Entwicklung froh über jedes Kind sein, dass hier geboren wird, und alles für seine bestmögliche Entfaltung und Förderung tun, statt dumme Sprüche herauszuposaunen. Oder ist es so, dass Sarrazin ein grundsätzliches Problem mit türkisch und arabisch hat? Mir ist es egal, welcher Herkunft ein Kind ist. Mir ist es wichtig, dass ein Kind eine ordentliche Erziehung und Bildung erfährt und zum Demokraten wird. Wie gut das gehen kann, machen die USA mit ihrem republikanischen Ansatz doch vor. Aber das geht nicht mit der Ideologie eines Sarrazin.

Sarrazin fordert: kein Zuzug mehr von "Problemgruppen", kein Heirats-Nachzug mehr.
Ganz abgesehen davon, dass der Familiennachzug durch die Erfordernis von Sprachkenntnissen schon erschwert wurde: In Zuwanderungsfragen ist die eigentlich reaktionäre Partei offenbar die SPD. So eine radikale Forderung erheben in den USA nicht mal mehr die Republikaner. Man kann Grundrechte nicht an der Schicht, Herkunft oder Religion der Menschen festmachen. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Aber ist die Behauptung tatsächlich so abwegig, dass viele Migranten sich nicht ernsthaft genug um Bildung und die deutsche Sprache bemühen?
Viele? Was heißt viele? Es mag solche Fälle geben, aber ich treffe immer wieder Migranten-Eltern, die wollen ihre Kinder unterstützen, sind aber schlichtweg damit überfordert. Warum ändern wir das nicht? Sprachstandsmessungen bei deutschen Kleinkindern zeigen doch auch dort eklatante Mängel, gerade auch in Berlin. Wir brauchen eine flächendeckende Betreuung ab dem ersten Lebensjahr, besser ausgebildete Erzieher, gerade auch männliche Erzieher, Ganztagsschulen. Bildung und Erziehung sind doch nicht angeboren!

Was halten Sie von der These: "Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert"?
Natürlich muss man sich integrieren wollen, da helfen ansonsten die besten Angebote nicht. Aber Integration ist immer eine Aufgabe für beide Seiten. Dazu gehört es eben auch, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Schließlich gab es lange Zeit de facto ein Arbeitsverbot für die, die hier nur geduldet werden. Es ist heuchlerisch, den Menschen dann vorzuwerfen, dass sie nicht arbeiten und für ihren Lebensunterhalt sorgen wollen. Wenn die Eltern arbeiten können, werden die Kinder früh geweckt, sie kommen pünktlich zur Schule, das ganze Leben der Familien erhält eine Struktur. Es sind gerade diese auf den ersten Blick einfachen Dinge, die wichtig sind.

Mehr zum Fall Sarrazin lesen Sie im aktuellen stern

Tilman Gerwien

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