Grünen-Jubliäum Otto Schily über seine grüne Vergangenheit


Dreiteiler, graues Haar, feste Stimme: Otto Schily, 75, wirkt, als sei er nie etwas anderes gewesen als der schärfste Innenminister, den die Sozialdemokraten je hatten. Auf stern.de erinnert sich Schily an seine politische Jugend - bei den Grünen.

Es gibt eine heimliche Hymne der Grünen, eine Art Glaubensbekenntnis, das vor allem zu grünen Urzeiten in den achtziger Jahren populär war. "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann." Otto Schily kann diese alte Weisheit der Cree-Indianer nicht auswendig. Nur der letzte Satz ist ihm im Gedächtnis geblieben - der antikapitalistische Appell. Vor den stern.de-Kameras im "Café Einstein" spricht er ihn noch mal aus. Eher amüsiert als bewegt.

Tatsächlich hatte Otto Schily mit Umweltpolitik nie viel am Hut, sein Buch "Flora, Fauna und Finanzen" (1994) blieb publizistische Ausnahme. Schily war als junger Anwalt eher von linken Strömungen inspiriert, er stand dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund nahe, Rudi Dutschke, der politische Lautsprecher der Studenten, zählte zu seinen Freunden. Mitte der siebziger Jahre verteidigte Schily die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, was seinen schillernden Ruf als "Terroristenanwalt" begründete. 1980 schloss sich Schily den Grünen an - dem politischen Arm der Friedens- und Umweltbewegung. Ein Anzugträger in einer Anti-Partei.

Realo versus Rotation

Die Grünen wollten alles anders machen. Wer ein Amt in der Partei hatte, konnte nicht zugleich Abgeordneter sein. Wer Abgeordneter war, musste nach zwei Jahren Platz machen für einen Nachrücker (Rotationsprinzip). Das wildeste Experiment von allen: Sitzungen der Parlamentsfraktion fanden öffentlich statt. Jeder konnte kommen, jeder etwas sagen. "Es war eine unglaublich spannende Zeit", sagt Schily. Aber: "Die öffentlichen Fraktionssitzungen waren ein Fehler, weil das einfach dazu geführt hat, dass die wirklichen Debatten irgendwo anders geführt wurden. Man kann nicht in aller Öffentlichkeit über schwierige politische Fragen diskutieren. Das war so ein bisschen die Anfangsnaivität der Grünen, ähnlich wie das Rotationsprinzip."

Schily, damals einer der führenden Köpfe der Grünen, gehörte von Anfang an zum "Realo"-Flügel der Partei - ein entscheidender Grund, weshalb er im Lauf der 80er Jahre immer mehr in die Defensive geriet. Tonangebend waren Figuren wie Jutta Dittfurth, Rainer Trampert und Lukas Beckmann. Freimütig räumt Schily im stern.de-Interview ein, dass er auch deshalb in die SPD übergetreten ist, weil er keine Chance sah, bei den Grünen Karriere zu machen. Außerdem habe ihn gestört, dass die Grünen seinerzeit das Gewaltmonopol des Staates anzweifelten.

"Gut, Petra Kelly ..."

Auf dem SPD-Ticket wurde Schily Bundesinnenminister - ein law-and-order-Mann, der nach 9/11 die Sicherheitsgesetze deutlich verschärfte. Ehemaligen grünen Parteikollegen wie Christian Ströbele waren alles andere als glücklich darüber. Doch mittlerweile gehen selbst die Grünen neue Wege: In Hamburg peilen sie eine Koalition mit der CDU an. "Ich finde es nicht sensationell, dass auch die Grünen jetzt versuchen, mit der CDU in einem Land zu koalieren", sagt Schily achselzuckend. "Demokratische Parteien sind untereinander immer koalitionsfähig, wenn die Schnittmengen stimmen."

Andererseits gerät auch Schily ins Grübeln, wo die alte Kampfeslust der Grünen geblieben ist. Zum Beispiel in Sachen Tibet. Müsste sich ein Grüner nicht an die chinesische Botschaft in Berlin ketten und auf metergroßen Transparenten einen Olympia-Boykott einfordern? "Gut, Petra Kelly, wenn ich mir vorstelle, sie wäre noch am Leben …", sinniert Schily. "Aber inzwischen haben auch die Grünen gelernt einzuteilen: Was ist wirksam, was ist nicht wirksam?"

lk

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