Guido Westerwelle Der Gernegroß


Er hatte einen Plan: seriös werden, die FDP vom Umfaller-Image befreien und 2009 Außenminister werden. Doch seit die Kanzlerin zu den Grünen schielt, verliert Guido Westerwelle seine Sicherheit. Er hat Angst, als ewige Begabung zu enden.
Von Tilman Gerwien

Er würde hier jetzt gern mal vorbei, er ist immer sehr freundlich, könnte man ihn denn nicht "liebenswürdigerweise" mal durchlassen? "Vielen Dank. Danke sehr!", hört man, wenn man sich neben Guido Westerwelle an den wartenden Menschen vorbei in irgendeine Halle schiebt, wo er gleich reden soll. "Bitte schön!" und "Gern gescheh'n!" und "Selbstverständlich!" zu den Leuten, die ein Autogramm oder ein Foto mit ihm wollen. Manche drücken ihm Zettelsammlungen in die Hand, die einen jahrelangen Streit mit der Krankenkasse oder dem Wohnungsamt dokumentieren. "Ich nehm's mir mit und schau's mir nachher gleich an", sagt er dann.

Später, wenn alles vorbei ist, eilt er zu seinem Auto, es wartet mit laufendem Motor und offener Tür auf ihn. Mit einer eleganten Körperdrehung gleitet er auf den Ledersitz. Anders als viele andere Politiker weiß Guido Westerwelle, dass der angemessene Platz hinten rechts ist. Nie würde er sich vorn neben den Fahrer setzen - vorn ist der Platz fürs Personal. Im Wegfahren noch greift er zum Autotelefon.

Es ist eine gute Mischung aus kontrollierter Bürgernähe und Staatsmännertum. Es sieht alles aus nach Politik, nach großer Politik sogar. Oder, die Frage drängt sich auf, nach Minuten schon: nicht vielleicht doch eher nach dem, was dieser Guido Westerwelle dafür hält?

Inventar der Republik

Westerwelle. Er ist erst 46 Jahre alt, aber - und das ist das eigentlich Erstaunliche - im Grunde teilen wir doch schon eine ganze Geschichte mit ihm. Seit er als Chef der Jungen Liberalen vor einem Vierteljahrhundert im Cashmerepullover neben Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff auftauchte, gehört dieser Mann gleichsam zum Inventar der Republik: Brille, Scheitel, hochgerecktes Kinn. Große, laute Worte von mehr Freiheit und weniger Steuern.

"Der ewige Guido" hat der "Spiegel" mal getitelt. Manche lächeln inzwischen über ihn.

Er aber träumt einen einsamen, großen Traum: 2009 will er seine FDP nach elf Oppositionsjahren wieder an die Regierung bringen, zusammen mit Angela Merkel und der Union. Er will Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland werden, so wie vor ihm Genscher oder Scheel - große, alte Liberale, die in jedem Geschichtsbuch stehen. Es wäre dann wirklich und endlich ganz große Politik - das Ende des "ewigen Guido".

Doch jetzt ist etwas in Bewegung geraten, Westerwelle spürt es genau. Merkel sucht plötzlich ganz unsentimental die Nähe zu den Grünen, sie will eine neue strategische Option - ohne ihn. In Hamburg lässt sie erstmals Schwarz-Grün testen, vielleicht als Muster für 2009.

Jahrelang hat er Merkel die Treue gehalten, jede andere Koalition außer der schwarz-gelben ausgeschlossen. Westerwelle ist aufs Äußerste gereizt: "Was sich in Hamburg abgespielt hat, ist ein hochpolitischer Vorgang." In ihm keimt ein Verdacht: Die Kanzlerin könnte das Spiel 2009 ohne ihn machen. Und dieses Spiel, das ist ihm klar, ist seine letzte große Chance.

Fischer nahm seine Hand nicht an

Er kennt dieses Gefühl, wenn man ihn draußen halten will, wenn er nicht dazugehören soll. Es verletzt ihn. Bis heute hat er jene Szene im Reichstagsgebäude nicht vergessen, als er auf einem Flur den damaligen Außenminister Joschka Fischer traf und ihm freundlich die Hand reichte: "Guten Morgen, Herr Minister!" Fischer nahm seine Hand nicht an. Er würdigte ihn nicht mal eines Blickes. Es gibt kaum etwas, was Westerwelle mehr gekränkt hätte.

Sie sollen mit ihm jetzt gefälligst rechnen, mit ihm: mit Dr. Guido Westerwelle. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als er für die FDP in der "Bonner Runde" als Generalsekretär irgendwelche Drei-Prozent-Ergebnisse schönreden musste und alle blöde kicherten.

Seine Partei war nach den Kinkels und Gerhardts fast schon tot. Er hat sie wieder stark und stolz gemacht. Es ist keine Hurenpartei mehr, die es mit jedem macht: keine "Ampel" mit SPD und Grünen jetzt in Hessen, schon 2005 keine "Ampel" mit Verlierer Schröder, der ihm am Wahlabend im Fernsehen feist grinsend ein Angebot machte. "Ich habe Nein gesagt, Millionen Menschen waren Zeuge!", sagt Westerwelle. "Millionen haben es gesehen!"

Gesprächsfäden knüpfen

Aber: Die Dinge sind ins Rutschen geraten, und die FDP brauchte jetzt einen Vorsitzenden, der klug, listig und verschlagen agiert, aber auch weitsichtig und kommunikativ. Einen, der die Gesprächsfäden knüpft zu Grünen, Roten und Schwarzen, um neue Bündnismöglichkeiten auszuloten, aber auch einen, der Zugang findet zu den Milieus und Lebenswelten, in denen die anderen Parteien wurzeln.

Vielleicht ist dieser Guido Westerwelle plötzlich der richtige Vorsitzende zur falschen Zeit. Vielleicht muss er sich noch mal ganz neu erfinden. Aber kann er das?

Er schüttelt sich und strafft sich in seinem feinen Anzug. Er hält jetzt eine Rede in einem Münchner Hotel, Kommunalwahlkampf in Bayern, und er hämmert seine Sätze ins Publikum - wütende Ausfälle gegen "rote und schwarze Linke", gegen "Gleichmacherei" und "bürokratische Staatswirtschaft" und für "mehr netto vom brutto". "Wo sind wir gelandet?", fragt er empört. "Was sind das für Debatten?"

Wenig Gefühl

Mein Gott, wie kann der Mann reden! Es ist Klassenkampf aus der Mitte, vorgetragen im Namen der angeblich "vergessenen Mehrheit, die frühmorgens noch aufsteht" - schneidend und unbarmherzig. Aber: Es ist verdammt wenig Trost dabei und wenig Gefühl. Eine Atmosphäre der Eingeschnapptheit und Übellaunigkeit liegt über allem. Als spüre er diesen Mangel, schwingt sich Westerwelle oft im letzten Moment zu einer Art liberalem Glaubensbekenntnis auf: "Das sind wir! Das ist ein Lebensgefühl! Die Sache der Freiheit!"

Er spricht unglaublich laut, mit enervierend hoher Stimme, und bei jedem seiner Auftritte ist zu beobachten, wie die Zuhörer in den ersten Reihen unwillkürlich etwas zurückweichen, wenn er das Wort ergreift. Treibt ihn bei seinen Fanfarentönen vielleicht das untergründige Gefühl, dass man ihm nach all den Jahren nicht mehr so richtig zuhört? Nicht selten erscheint die Empörung, die dieser Mann stets aufs Neue druckreif in sich abruft, seelenlos und automatisiert. Sein Gesicht zeigt in solchen Momenten einen Anflug von Müdigkeit, und hinter der Fassade munterer Jugendlichkeit wirkt er ein wenig wie vorzeitig gealtert.

"Schau'n Sie", sagt er, "2003 habe ich aufgehört, mich um Veränderungen zu bemühen. Ich bin der, der ich bin, und mache mir keine Imagegedanken mehr."

Westerwelles Promo-Tour

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dem "ewigen Guido" plötzlich gegenüberzusitzen in seinem Büro. Eine Zeit lang hat uns dieser Mann doch mit Bildern von sich versorgt, dass wir fast irre geworden sind an ihm. Westerwelle mit Flaschenbier im Container von "Big Brother", Westerwelle im "Guido-Mobil", Westerwelle in einer Gondel in Venedig, im weißen Anzug, wie Thomas Mann. Einmal, bei "Christiansen", hat er uns sogar seine Schuhsohlen mit der gelben "18" ins Gesicht gehalten.

Eigentlich wollte er all die Jahre etwas von sich mitteilen, er wollte, dass wir ihn mögen. Aber es war alles zu viel, es war alles zu grell - und oft waren seine Gesten seltsam verrutscht, sie kamen zum falschen Zeitpunkt: Er machte Spaßpolitik, als der Spaß der New Economy längst vorbei war; und als alle Angst vor einem Irak-Krieg bekamen, kurvte er noch mit seinem lustigen "Guido-Mobil" durch die Republik. Er wurde zu einer überinszenierten Figur, aufgelöst in synthetischer Kunsthaftigkeit.

Jetzt sitzt er behaglich in seinem Sessel - seltsam: Es gibt ihn also wirklich. Die Sekretärin reicht Kaffee aus gelben "FDP"- Thermoskannen. Aus der Nähe ist er doch anders, als man ihn aus dem Fernsehen kennt. Nicht so schnell und nicht so schneidend. Sehr verbindlich. Ein aufmerksamer Zuhörer. Ein angenehmer Mensch.

Er kennt Härte und Tiefen

Dann träumt man sich mit ihm ein wenig zurück - bis hin zum unerbittlichen, am Ende tödlichen Duell mit Jürgen Möllemann, der "geradezu griechischen Tragödie", wie er es heute nennt. Ein ganzes politisches Leben hat er doch schon gelebt! Es kennt mehr Härte und mehr Tiefen als manch andere Politiker-Biographie.

Und trotzdem haftet an Guido Westerwelle bis heute eine Aura juveniler Verantwortungsferne. Er weiß das, und wohl deshalb fällt es ihm so schwer, in dem großen Machtgeschacher, das nun beginnt, einfach mitzuschachern: Kurt Beck bricht sein Wort und macht es mit der Linken, Merkel mit den Grünen - nur er schleppt noch immer den "ewigen Guido" mit sich herum und braucht daher für sich Gesten altbürgerlicher Solidität und Verlässlichkeit.

In wohlgesetzten Worten ("Herr Minister, im Hinblick auf Ihre Ausführungen erlaube ich mir eine kurze Bemerkung") formuliert er auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegenüber dem US-Verteidigungsminister seine Position zu Afghanistan. Mitten im überhitzten Hessen-Wahlkampf schreibt er Briefe an die anderen Parteichefs und fordert Mäßigung bei dem "demokratieschädlichen" Treiben.

Einstudiert und aufgesetzt

Doch wirken auch diese Gesten oft einstudiert und aufgesetzt - als wolle hier einer im Vorgriff auf den ersehnten Außenminister-Posten im Eiltempo würdevolle Staatlichkeit in sich aufnehmen. Und im Publikum bleiben Zweifel, ob er wirklich ernster, reifer und gefestigter ist. Oder ob wir nur Zeugen einer weiteren, auf Effekt berechneten Charakterdarstellung sind.

Trotzdem spricht doch so viel für ihn und seine FDP - die Kanzlerin macht sich im Bundestag immer ganz klein, wenn der "letzte freie Oppositionelle" (Westerwelle) seine beißenden Sottisen gegen großkoalitionäre Stümperei vorträgt.Warum nur ist es so schwer, ihn zu mögen? Warum ist es so schwer, die FDP zu mögen? Warum kann man sich auf hippen Partys in Berlin- Mitte zu allem bekennen, zu Oskars Kommunisten, notfalls auch zu Becksteins CSU - aber nicht zu Guidos FDP?

Alle reden vom Steuersünder Zumwinkel, alle haben Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, nach einem Staat, der beschützt. Aber wenn man bei der FDP anruft, hört man in der Warteschleife eine markige Männerstimme, sie sagt: "Mehr FDP heißt: weniger Steuern!" Das ist vielleicht genau das Problem: "Weniger Steuern" - das reicht irgendwie nicht mehr. Das ist zu wenig.

Alles hat seinen Platz

Die Westerwelle-FDP ist eine Partei ohne Pathos und ohne Sentiment. Sie hat sich eingerichtet in ihrer eigenen Welt. Und diese Welt sieht ein bisschen so aus wie die Dachgeschosswohnung, die der Parteivorsitzende im feinen Berlin-Charlottenburg bewohnt. Alles hat dort seinen Platz: die Bilder an der Wand, die Esstischstühle im Wohnzimmer. Alles ist adrett und akkurat. Es ist die Welt als Wille und Vorstellung des Guido W. - einsam, aufgeräumt und liberal.

Vielleicht muss er sich tatsächlich noch mal ganz neu erfinden. Es wird schwierig für ihn. Er sucht noch nach einer Strategie.

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