VG-Wort Pixel

Hamado Dipama im stern-Interview "Rassismus geht quer durch die Gesellschaft"


Wohnungssuche oder Barbesuche: Für Menschen mit Migrationshintergrund gestaltet sich das Leben in Deutschland schwerer, sagt Asylbewerber-Aktivist Hamado Dipama. Alltagsrassismus sei allgegenwärtig.

Herr Dipama, seit Monaten beherrschen Diskussionen über das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland die öffentliche Wahrnehmung. Haben Sie die Befürchtung, dass die angespannte Atmosphäre nach dem An-schlag auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" nun weiter aufgeheizt wird?
Rechtspopulisten nutzen jede Gelegenheit, um ihre Botschaften zu verbreiten. Diese Situation können sie nun weiter ausnutzen. Der Anschlag selbst hat allerdings nichts mit dem Islam zu tun. Gewalttäter gibt es in jeder Religion.

Hat die aktuelle politische Entwicklung Auswirkungen auf Ihr Leben?
Seit Pegida aktiv ist, werde ich häufiger als Privatperson in der Öffentlichkeit angegriffen. Ich habe den Eindruck, dass auch die Fälle rechter Gewalt gegen Asylbewerber zunehmen und in ihrer Ausführung dreister werden. Doch das ist nur ein Teilaspekt. Das Problem ist tiefer im Land verankert. Rassismus ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen, unabhängig von politischer Gesinnung. Ich betrachte den Begriff getrennt von Rechtsradikalismus. Das zieht sich quer durch alle Altersgruppen oder Ideologien. Deshalb sollte Aufklärungsarbeit schon im Kindesalter beginnen. Wir brauchen einen Unterricht, der bereits in der Grundschule mit Vorurteilen aufräumt.

Wie äußert sich Rassismus im Alltag?
Das beginnt bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Meiner Erfahrung nach ist es die Ausnahme, in einer Arbeitswoche zwei Tage am Stück ohne rassistische Anfeindungen nach Hause zu kommen. "Wann gehst du denn endlich zurück, wo du herkommst?" ist da noch das Netteste was ich in der U-Bahn zu hören bekomme. Auch das N-Wort ist bei den Beleidigungen dabei. Oftmals ist die Ausgrenzung jedoch unterschwelliger.

Inwiefern?
Zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Gerade in München ist der Markt äußerst unübersichtlich, aber für Afro-Deutsche ist es ein besonders harter Kampf. Das habe ich selbst erlebt. Es tut weh. Ich arbeite hier, ich bezahle Steuern wie jeder andere. Trotzdem bekomme ich nur sehr schwer eine Wohnung.

Die Pegida-Ableger in München waren doch mit ihren bisherigen Kundgebungen eher mäßig erfolgreich.
Es waren nur Wenige, die hier zu diesen Veranstaltungen gekommen sind, ja. Aber wie viele Menschen gibt es, die mit dem Gedankengut sympathisieren? 12.000 Menschen sind zur Kundgebung vorm Nationaltheater Ende Dezember gekommen, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Wie konsequent wird das im Alltag umgesetzt? Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Viele meiner Bekannten verlieren die Lust am öffentlichen Leben teilzunehmen, aber ich werde mich nicht zurückziehen.

Sie sind in einen Rechtsstreit mit den Betreibern Münchner Nachtclubs getreten, nachdem Sie in einem Selbstversuch in 20 von 25 Läden an der Tür abgewiesen wurden. Freunde, die sie begleitet hatten und ein eher mitteleuropäisches Aussehen haben, durften jedoch passieren. Wie ist der Stand der Dinge?
Von den sechs Klagen ist eine am Amtsgericht abgewiesen worden. Es gab in zwei Fällen Zahlungen von Schmerzensgeld, in zwei weiteren konnten wir uns auf einen Vergleich einigen. Ob es zu einem Revisionsprozess kommen wird, steht allerdings noch nicht fest.

Interview: Michael Chmurycz

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker