Hamburg Polizei fasst Terrorverdächtige


Nach einer Großfahndung hat die Hamburger Polizei drei verdächtige Tschetschenen gefasst. Zwei der Gesuchten stellten sich freiwillig, einer wurde nach Hinweisen verhaftet. Noch ist offen, ob sie einen Anschlag planten.

Nach einer spektakulären Großfahndung hat die Hamburger Polizei drei tschetschenische Terrorverdächtige gefasst. Die Männer im Alter von 21 und 25 Jahren wurden am Freitag verhört. "Nach dem ersten Eindruck gehen wir davon aus, dass eine konkrete Anschlagsplanung nicht vorlag", sagte der Leiter des Hamburger Landeskriminalamtes (LKA), Reinhard Chedor. Ein Mann sei von der Polizei aus seiner Wohnung zum Verhör gebracht worden, die beiden anderen hätten sich später freiwillig gemeldet.

Einzelheiten aus den Verhören wollte die Polizei nicht nennen. "Wir sind erst am Anfang", sagte Chedor. Am Mittwochabend hatte ein Ägypter gehört, wie die drei Männer in arabischer Sprache unter anderem über Heldentum "vor Allah" sprachen. Bei den "Sprachfetzen", die der Mann verstanden habe, fiel nach Polizeiangaben auch der Satz: "Wir werden morgen als Held vor Allah stehen" - anschließend seien sie mit einem Rucksack in der Hand in einen Bus gestiegen. Warum sich die Tschetschenen auf Hocharabisch unterhielten, blieb unklar. Die Polizei konnte keine Angaben dazu machen. Die Staatsanwaltschaft leitete unterdessen ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages ein.

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sagte: "Ich kann noch nicht beurteilen, ob die Festgenommenen irgendetwas im Schilde geführt haben." Es sehe im Moment aber nicht danach aus. "Ich bin dafür, dass man jedem Verdacht nachgeht." Man müsse wegen der Bedrohung wachsam sein, solle aber nicht in Panik verfallen, sagte der Minister bei einer Veranstaltung in Hamburg-Rahlstedt. Nach den Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid und den Bomben in der Londoner U-Bahn befürchteten besorgte Bürger bereits: Nun hat der Terror auch Hamburg erreicht.

Jagd nach Terrorverdächtigen

Die Hamburger Polizei hatte nach dem Hinweis des Zeugen zunächst verdeckt mit 100 Beamten der Staatsschutzfahndung des Landeskriminalamtes und dann mit einem Großaufgebot von mehr als 1000 Beamten nach den drei Männern gesucht. Dazu wurden Bilder einer Überwachungskamera aus einem Bus veröffentlicht. Auf der Jagd nach den Terrorverdächtigen standen die Beamten bei der größten Fahndung in der Hansestadt seit Jahren mit Maschinenpistolen an Kontrollstellen, gingen ganze Gruppen von Uniformierten durch Busse, leuchteten mit Taschenlampen in verdächtige Taschen und Autos. Am Freitag durchsuchte die Polizei mehrere Wohnungen. Polizeipräsident Werner Jantosch sagte, es seien 255 Personen überprüft worden. Außerdem wurden 77 Autos kontrolliert. Aus der Bevölkerung hatten die Beamten 60 Hinweise bekommen, davon 3 nach ihren Angaben viel versprechende. "Wir haben alles getan, um so schnell wie möglich Licht in den Sachverhalt zu bringen. Ziel war, die drei Personen so schnell wie möglich zu ermitteln und den Sachverhalt zu verifizieren."

Polizeivizepräsident Michael Daleki äußerte sich kritisch über den Beginn der Fahndung. "Das hätte anders laufen können." Der Zeuge habe nach dem mitgehörten Gespräch eine Polizeistreife angesprochen. Der Beamte habe ihn angewiesen, auf dem Revier Anzeige zu erstatten und dann seine Streife fortgesetzt. Der Zeuge sei dann nach Hause gefahren und habe die Polizisten seines Wohnreviers verständigt. Dort sei die Aussage zunächst bewertet worden. Das alles habe bis drei Uhr in der Nacht gedauert. "Dann kam die Entscheidung, die Morgenstunden abzuwarten, um erfolgreich tätig sein zu können." Noch sei offen, wann die Verdächtigen wieder freigelassen werden.

Innensenator Udo Nagel (parteilos) sagte, noch vor zwei Jahren hätte es eine derart umfangreiche Fahndung in Hamburg nach einem solchen Hinweis nicht geben, "aber nach den Anschlägen von London ist das etwas anderes". Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Koschyk (CSU), erklärte zu der Großfahndung, die Ereignisse im Hamburg zeigten, wie wichtig für eine erfolgreiche Arbeit der Sicherheitsbehörden die Wachsamkeit und Unterstützung der Bevölkerung ist.

Hamburg im Fokus der Fahnder

Nicht zum ersten Mal geriet die Stadt in diesen Tagen in den Fokus der Fahnder: Als Planungs- und Ruheraum für Terroristen ist Hamburg seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ein Begriff. Damals hatte die "Hamburger Zelle" um den Todespiloten Mohammed Atta ihren Terror von einer Wohnung im Stadtteil Harburg aus geplant. Ende 2003 sorgte der damalige Innensenator Dirk Nockemann für einen Terrorgroßalarm in der Hansestadt. Selbstmordattentäter sollten es auf das Bundeswehrkrankenhaus im Stadtteil Wandsbek abgesehen haben. Nockemann ließ die Zufahrtstraßen zum Krankenhaus sperren und das Klinikgelände nach Sprengstoff durchsuchen - allerdings ohne Ergebnis. Nach gut zwei Wochen wurde der Terroralarm aufgehoben.

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes leben rund 200 gewaltbereite Islamisten in der Hansestadt, 20 von ihnen gelten als "Gefährder", denen "Straftaten von nicht unerheblicher Bedeutung" zugetraut werden. Die drei Tschetschenen gehören allerdings nicht dazu, dem Staatsschutz sind sie nie zuvor aufgefallen.

DPA DPA

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