Heide Simonis Der bittere Abgang


Am Ende blieb Heide Simonis nur der Abgang unter Schmerzen, sie sprach von einem "hinterhältigen Dolchstoß". 12 Jahre war sie Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein - und wurde dabei von der Sparkommissarin zur Schulden-Heidi.

"Ich habe eine solch persönlich verletzende Situation noch nie erlebt. Gegen offene Messer zu kämpfen ist nicht leicht, aber in der Politik manchmal notwendig. Gegen einen hinterhältigen Dolchstoß jedoch gibt es keine Abwehrmöglichkeiten", sagte sie am Freitag vor der SPD-Landtagsfraktion Kiel. 19 Stunden war es da her, dass sie auch im vierten Wahlgang bei der Wiederwahl zur Regierungschefin im Landtag gescheitert war. Das bittere Ende einer langen politischen Karriere.

Von der Sparkommissarin zur "Schulden-Heidi"

12 Jahre war die gebürtige Bonnerin Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein, länger als jeder andere zuvor. 1993 folgte sie auf Björn Engholm, der über eine Nachwirkung der Barschel-Affäre gestolpert war. Vorher hatte sie fünf Jahre lang als Finanzministerin das beschauliche Kiel gehörig aufgemischt: Als "eiserne Sparkommissarin" galt sie damals. Diese Tugend muss sie irgendwo auf dem Weg verloren haben, denn unter ihrer Führung wurde Schleswig-Holstein zum höchstverschuldeten Flächenland, die CDU ernannte sie zur "Schulden-Heidi". Auch andere große Simonis-Projekte schlugen fehl, zum Beispiel Lehrer nicht zu verbeamten oder das Land in eine Art Silicon Valley des Nordens zu verwandeln.

Die studierte Volkswirtin hat es in all den Jahren geschafft, sich mit einer harten Führung viele Feinde zu machen. So etwa 1987, als sie den Rücktritt von SPD-Legende Willy Brandt forderte, weil eine von Brandt eingestellte SPD-Pressesprecherin kein Parteibuch hatte. Oder als sie Rudolf Scharping zum Autisten erklärte. Oder als sie 1998 mit rüden Rausschmiss-Drohungen gegen Kabinettsmitglieder eine Nordstaat-Debatte unterband. Der "Spiegel" stellte damals fest, von vielen SPD-Abgeordneten werde Simonis "mehr zähneknirschend ertragen als geschätzt".

Bei den Menschen beliebt

Ganz anders dagegen ihre öffentliche Erscheinung. In den Zeitungen und im Fernsehen inszenierte sie ihre Marotten wie die Sammelleidenschaft, Flohmarktbesuche oder die Liebe zu Mengen an Schmuck. Das und ihre direkte Art kam an bei den Menschen zwischen Nord- und Ostsee. Vor der Landtagswahl im Februar lag sie in der Beliebtheit Lichtjahre vor CDU-Konkurrent Peter Harry Carstensen.

Das Ende ihrer Laufbahn hatte Simonis sich anders vorgestellt: "Ich will hier nicht rausgetragen werden", hatte sie immer auf die Frage geantwortet, wie lange sie denn den aufreibenden Job noch machen wolle. Die laufende Amtsperiode wollte sie noch mitmachen und einen Nachfolger aufbauen. Jetzt muss sie den für viele Politiker schweren Wechsel in den Ruhestand bewältigen. Simonis lebt mit ihrem Mann Udo, einem pensionierten Professor, in einer stuckverzierten 200-Quadratmeter-Wohnung in der Kieler Schillerstraße - eine feine Gegend. Den Kontakt zur Bevölkerung glaubt sie trotzdem nie verloren zu haben. "Ich gehe auf die Leute zu, ich rede mit ihnen, ich höre ihnen zu." Gelegenheit dazu bieten ihre ständigen Flohmarktbesuche. "Da lerne ich mal das pralle Leben kennen", sagte sie.

In einer Männerwelt behauptet

1943 wurde Simonis in Bonn als Tochter eines Beamten geboren und wuchs in Bonn, Hamburg und Nürnberg auf. Dass sie sich als Frau in der Männerwelt der Politik behaupten kann, begründet sie auch mit der Erziehung in ihrem Elternhaus, wo preußische Tugenden gefragt waren. "Heulen, sich vor etwas drücken oder die 'Kleinmädchentour', das ging bei uns nicht." Nach dem Examen als Diplom-Volkswirtin ging Simonis zunächst als Deutsch-Lektorin nach Sambia, arbeitete anschließend beim Institut für Bau- und Finanzplanung in Berlin und Kiel, bevor sie als Deutsch-Lehrerin für das Goethe-Institut nach Tokio ging. Danach wurde sie Berufsberaterin beim Arbeitsamt Kiel. Bei der Bundestagswahl 1976 konnte sie ein Direktmandat holen und blieb bis 1987 im Bundestag, wo sie bald zu den finanzpolitischen Nachwuchstalenten zählte.

1988 wechselte sie in die schleswig-holsteinische Landespolitik und wurde in Kiel Finanzministerin im Kabinett von Engholm. Nachdem dieser 1993 wegen seiner Falschaussagen in der Barschel-Pfeiffer-Affäre alle Ämter niedergelegt hatte, wurde Simonis quasi über Nacht zur Ministerpräsidentin. Sie ist immer noch die einzige Frau in Deutschland in dieser Position. Auf mehr Dienstjahre als sie kommt nur der baden-württembergische Regierungschef Erwin Teufel.

Claus-Peter Tiemann/AP AP

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