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Nach Krawallen gegen Flüchtlinge: Die zwei Gesichter von Heidenau

Nach rechten Krawallen kennt ganz Deutschland Heidenau. Doch ein Riss geht durch die sächsische Kleinstadt. Dort wohnen auch Menschen, die jetzt zeigen wollen: Unsere Stadt kann auch anders.

Von Samuel Rieth, Heidenau

Noch nie in ihrem Leben, wird Heike Sabel später sagen, hatte sie solche Angst wie an diesem Freitagabend. Als in Heidenau Steine, Böller, Flaschen fliegen, ist Sabel mittendrin. Aber sie gehört nicht zu den Demonstranten, die verhindern wollen, dass ein leerstehender Baumarkt Erstaufnahmelager für bis zu 700 Flüchtlinge wird. Seit 25 Jahren ist sie Lokaljournalistin, schreibt für die "Sächsische Zeitung" über die Stadt, in der sie lebt, und ihre Bewohner. Auch und ganz besonders, wenn ein Teil dieser Bewohner einem Aufruf der NPD folgt und gegen Flüchtlinge auf die Straße geht.

Zu zweit sitzen sie im Auto, beide Journalisten, umgeben von angetrunkenen Krawallmachern, und plötzlich bricht die Hölle los. Wir müssen raus hier!, denkt Sabel. Sie fahren los, doch der Weg ist versperrt: Die Rechten haben Baustellenabsperrungen herausgerissen und auf die Straße geworfen. Also raus aus dem Auto, die Fahrbahn freimachen, so schnell sie nur können, dann Gas geben, und irgendwann: durchatmen. Als sie in Sicherheit sind, kann Sabel die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Als die Nacht vorüber ist, sind 31 Polizisten verletzt. Und der Rest des Landes nimmt zum ersten Mal Notiz von der Existenz dieser kleinen Stadt in Sachsen. 

Wachtposten in schwarzen Pullovern

Heidenau. Man kann dort am Elbufer entlang spazieren oder Paintball spielen, der Barockgarten mit seinen Fontänen und weißen Torbögen gilt als einer der schönsten in Sachsen. Aber davon will jetzt keiner hören. Tröglitz, Freital, Meißen - und nun Heidenau. Nur 14 Minuten mit der S-Bahn von Dresden entfernt, der Geburtsstadt von Pegida. Doch in Heidenau haben die Rechtsextremen nicht einfach ein künftiges Flüchtlingsheim unerkannt niedergebrannt: Hier kann jeder die Bilder sehen, im Fernsehen und auf Youtube, und das ganze Land wird so Zeuge der Gewalt.

Auch Samstag- und Sonntagabend kommt Heidenau nicht zur Ruhe. Erst am Montag macht der Polizei keiner mehr die Straße streitig. An fast jeder Ecke steht ein Polizeiauto, das Gebiet um das Flüchtlingsheim ist zur Sicherheitszone erklärt worden: "Wo soll's denn hingehen?", wird gefragt, wer in Richtung altem Baumarkt spaziert. Die Beamten kontrollieren Ausweise - und erteilen im Zweifel einen Platzverweis. Ein Bauzaun mit Sichtschutz umgibt das Gelände wie die Mauer einer Burg. Darüber leuchtet noch das "Praktiker"-Schild gelb und blau in die Nacht. Nur wenige Flüchtlinge wagen sich nach draußen, plaudern, rauchen, telefonieren. Sie könnten entspannt wirken, wäre die Armee von Polizisten nicht eine unübersehbare Erinnerung daran, dass sie nicht bei allen ihren neuen Nachbarn willkommen sind.

Die Neuankömmlinge haben noch eine zweite Wachtruppe, sie trägt schwarze Pullis statt Uniform und hockt am Straßenrand. Antifa, aus Dresden. Sie haben Bananen als Proviant dabei, aber, bedauert einer, leider keine Schlafsäcke. Ein Auto rauscht vorbei, mit offenem Fenster. "Zecke!", brüllt der Fahrer.

Engagierte Helfer auch in Heidenau

Auch Jürgen Opitz kommt heute nicht früh ins Bett. Der Bürgermeister ist ein gefragter Mann. Am Vormittag hat er dem Vizekanzler die Hand geschüttelt, jetzt steht er vor dem Flüchtlingsheim und gibt ein Interview nach dem anderen. "Ich kann verstehen, dass einige Leute verärgert sind", sagt Opitz. Er selbst habe letzte Woche erst am Dienstag erfahren, dass bis Freitag die Unterkunft für Hunderte Flüchtlinge bereitstehen muss. Außerdem seien einige der rechten Krawalltouristen von außerhalb gewesen.

Doch das soll keine Entschuldigung für die beteiligten Heidenauer sein. Die seien bei den Ausschreitungen am Freitag "sicher federführend" gewesen. Opitz hat sich klar gegen die Proteste gestellt -  und musste sich von einigen seiner Bürger dafür als "Volksverräter" beschimpfen lassen. Aber er sei überzeugt, sagt Opitz: Auch in Heidenau werden viele engagierte Freiwillige den Flüchtlingen helfen.

Das meint auch Günter Eckoldt, und darum will er mit gutem Beispiel vorangehen. Seit 2007 sitzt er für die Linke im Heidenauer Stadtrat. "Die Rechten haben von Anfang an versucht, hier eine Hochburg aufzubauen", erzählt er in seinem Haus am Stadtrand. Heidenau, einst Industriestadt in der DDR, sei die Wende nicht gut bekommen, die Jugend weggezogen und die Arbeitslosigkeit hoch. Von gut 16.000 Einwohnern haben bei der letzten Stadtratswahl rund 1246 ihre Stimme der NPD gegeben. Die Partei schnitt besser ab als die SPD oder die Grünen. Aber für Eckoldt ist das Glas dennoch halb voll.

"Es kommen so viele Bürger mit Kleinigkeiten, die sie spenden wollen", sagt der 69-Jährige. Erzieherinnen wollten eine gemeinsame Spielstunde gründen - für Kinder, die geflohen sind, und Kinder, die das Glück hatten, schon hier geboren zu sein. Und er selbst sei schon dabei, zusammen mit dem Wirt der besten Gaststätte Heidenaus einen Sonntagsbrunch für Flüchtlinge zu organisieren. Der erste soll schon in vier Tagen stattfinden.

Aber die Gewalt vom Wochenende hat tiefe Wunden hinterlassen.

Heidenaus wahres Gesicht?

Nicht weit vom Rathaus steht ein unscheinbares altes Haus, Büsche und Bäume wachsen drumherum. Die Mauern sind grau-braun verputzt, Schornsteine aus Backstein ragen aus dem  Dach. Nur das goldene Kreuz über dem Eingang erinnert daran, dass dieses Haus ein Haus Gottes ist.

Am Montagabend bitten die Pfarrer der drei Kirchengemeinden die Heidenauer hierher. Zum "Gebet für unsere Stadt" in die Christuskirche, wie es in der Einladung heißt. Über 200 Menschen kommen, auch die Journalistin Sabel und der Bürgermeister Opitz. Sie alle sollen ihre Klagen, Fragen, Wünsche auf Zetteln notieren. "Woher all der Hass in der Welt?", schreiben sie, "Ich beklage die Enttäuschung über Bekannte", aber auch: "In Heidenau ist Platz für alle." Die Schriftlesung dreht sich um die "Goldene Regel" aus dem Matthäusevangelium: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch Ihnen!"

Noch am selben Abend schreibt Heike Sabel einen Artikel über die Veranstaltung. Darüber setzt sie die Überschrift: "Heidenaus wahres Gesicht."

Doch die Stadt hat neben diesem eben noch ein zweites Gesicht, ein von Hass verzerrtes, auch wenn es sich, zumindest für den Moment, nicht mehr zu zeigen wagt. 

Seifenblasen für Flüchtlingskinder

Dienstagnachmittag. Vor dem Flüchtlingsheim halten jetzt immer wieder Autos, auf denen nicht "Polizei" steht. Die Fahrer kommen teils von weit her und haben Geschenke für die Flüchtlinge mitgebracht. Ein Paar ist aus dem Saarland hergefahren, mit bunten Luftballons am Außenspiegel und einem Kofferraum voll Spielzeug. Jungen und Mädchen eilen herbei aus ihrer Bauzaunburg und greifen zu: Bälle, Seifenblasen, Schach, Frisbees, Luftballons und Gummibärchen, so viel sie mit ihren kleinen Händen halten können.

Ein Mann schaut von weitem zu. Er hat einen Hund an der Leine und tätowierte Arme. Wes Geistes Kind er ist, daran lässt sein T-Shirt wenig Zweifel: "Ich vertraue lieber einer Hure als der deutschen Justiz", steht dort in Frakturschrift. Er lässt sich nicht anstecken von der gelösten Stimmung auf dem Parkplatz.

Nur sein Hund wedelt fröhlich mit dem Schwanz.

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