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Heiligendamm: Die Protestler, der Zaun und der Bulle

Die Gipfelgegner triumphieren: Mit Tricks und Finten haben sie es geschafft, einen der wichtigsten Zugänge nach Heiligendamm zu blockieren. Die Mehrheit feiert friedlich den Erfolg - und bleibt sitzen. Andere dringen darauf, den Zaun zu stürmen.

Eine Reportage von Florian Güßgen, Bad Doberan

Johannes Lampen ist sauer. Und wie. Seine Felder haben sie zertrampelt, die Elektrozäune niedergerissen. Und jetzt muss er das Vieh einfangen: 150 Rinder insgesamt, zehn davon Ochsen. Und das ist noch nicht alles. Was soll nur geschehen, fragt der Öko-Landwirt, wenn die alle wieder zurückwollen. "Ich habe auch etwas gegen die Globalisierung", schimpft er. "Da stimme ich ihnen ja zu. Aber müssen sie deshalb unsere Felder zerstören?" Wenn die Demonstranten sich zurückzögen, bittet er, sollten sie doch bitte über die Straße gehen, keinesfalls über seine Felder.

"Wir haben Ausrüstung für mehr als 24 Stunden

Aber noch wollen die Demonstranten nicht gehen. Im Gegenteil. Sie haben alles unternommen, um es bis hier zu schaffen, haben tagelang geplant, haben sich Tricks und Finten einfallen lassen. Jetzt sitzen sie hier, 2000 oder 3000 Leute, auf der Lindenallee, der Zufahrtsstraße von Bad Doberan nach Heiligendamm, dem Tagungsort der G8. Und sie sitzen auf den Gleisen der Schmalspurbahn "Molli." Unmittelbar vor ihnen liegt der Zaun, liegt der Check-Point, wo eigentlich die wichtigen G8-Delegationen mit ihren schwarzen Limousinen durch sollen. Aber hier ist kein Durchkommen. Hier wird blockiert. Für die G8-Gegner ist das ein Riesenerfolg. "Wir haben Ausrüstung und Verpflegung für mehr als 24 Stunden", sagt einer der Organisatoren des "BlockG8". Nein, hier wollen sie nicht weg. Auch nicht über die Felder des Bauern Lampen. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Der Erfolg der Demonstranten ist eine Sensation

Eigentlich gehört das Gebiet hier, direkt vor dem Zaun, zur Demonstrationsverbotszone. Bis gestern war die Auffahrtsstraße von der Polizei bestens bewacht. Aber an diesem Mittwoch sind die Demonstranten, oh Wunder, nicht über die Straße gekommen. Morgens sind sie von ihren Camps aufgebrochen, von Reddelich südlich von Heiligendamm etwa, sind zunächst ein paar Kilometer auf der Bundesstraße gelaufen, und haben sich dann durch die Landschaft geschlagen. Zuerst durch den Wald, dann über die Felder, bis zum Checkpoint an der Galopprennbahn. Anfangs haben sie hinter sich noch Barrikaden aus Baumstämmen und Ästen hinterlassen. Am Ende war das nicht nötig. Auf dem Weg, während des einstündigen Fußmarsches durch die schwüle Hitze hat sie niemand aufgehalten. Eine Sensation.

Es sind die friedlichen Demonstranten, die hier einen Sieg errungen haben. Ohne Gewalt haben sie ihre Sitzblockade errichtet. Jetzt warten sie darauf, dass etwas passiert. Ihnen gegenüber steht eine Mauer von Polizisten mit weißen Helmen und Plastikschilden. Die Polizisten schützen den Zaun. Zunächst bleibt die Lage ruhig, fast entspannt. Nur das ständige Knattern der Hubschrauber, die über den Köpfen fliegen, verleiht der Szenerie die Tonlage einer Notsituation. Gegen eins am frühen Nachmittag reitet eine Reiterstaffel der Polizei in das grüne Kornfeld neben besetzten Allen und Gleisen. Kurz darauf landen Hubschrauber in dem Feld. Sie setzen eine Polizeieinheit in schwarzer Kampfmontur ab. Die Szenerie wirkt bedrohlich, auch wenn die Männer in Schwarz zunächst nur von Kameraleuten und Fotografen umringt werden, nicht von Demonstranten.

"Sollen wir den Zaun erstürmen"

Unter den Demonstranten herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Was tun? Eine Gruppe Autonomer mit den mittlerweile berühmten schwarzen Brillen und den Schwarzen Kapuzenpullis macht sich an einem kleinen Zaun zu schaffen, der die Straße von dem anliegenden Wald trennt. Sie reißen den Zaun nieder und ziehen das Metallgestänge aus den Pfosten. Es sieht so aus, als wollten sie die Stangen als Waffen gebrauchen. Fast zeitgleich diskutieren "Block"-Delegierte im Sitzen über die richtige Strategie? Sie diskutieren, wie sich's gehört, fast basisdemokratisch. Soll man nun versuchen, den Zaun zu stürmen oder nicht? Nein, sagen die Vertreter des "Block G8", die Organisatoren: "Wir haben unser Ziel erreicht. Ein Eindringen in die rote Zone gehört nicht zu unserer Strategie." Es sei besser, zusammenzubleiben als sich aufzuteilen. Die Verfechter einer offensiven Strategie, sie murren. Überhaupt, die Organisatoren der Sitzblockade bemühen sich nach Kräften, die angespannte Situation gegenüber der Polizei zu beruhigen. Jene, die sich vermummt der Mauer von Polizisten nähern, fordern sie auf, die Tücher vor dem Gesicht wegzunehmen. Alle, die die Polizisten provozieren wollen, drängen sie ruhig und bestimmt, manchmal auch mit Hilfe des Megafons zur Seite.

Um kurz nach zwei wird es der Polizei offenbar zu brenzlig, es scheint ihnen zu wenig Spielraum, zu wenig Luft zwischen Polizei und Demonstranten. "Achtung! Achtung!", tönt es aus dem Megafon, "Hier spricht der Einsatzleiter der Polizei. Ich fordere Sie auf, das ganze Gebiet im Umkreis von 250 Metern des Zauns zu räumen." An einem anderen Ort, hört man, haben sie heute schon Wasserwerfer eingesetzt. Hier ist offenbar keiner auf Eskalation aus. Kurze Zeit später werden die weiß behelmten Polizisten durch eine Hundertschaft schwarzer Einsatzkräfte in Kampfmontur ersetzt. Langsam drängen sie die Demonstranten zurück. Nicht weit. Nur 50 Meter. Als diese Grenze mit einem rot-weißen Band markiert ist, ziehen sich die Schwarzhelme wieder zurück.

Eine aufgewühlte, schwüle Atmosphäre

Vor der neuen Grenzlinie spielt eine Trommelkombo auf, die "Army of Clowns", die Gruppe der als Clowns verkleideten Demonstranten springt vor den Augen der Polizisten herum. Aber auch sie werden von dem "Block-G8-Mann" gebeten, sich zurückzuziehen, ja nicht zu provozieren, von irgendwo her skandiert ein Chor "Fuck G8". Es ist eine aufgewühlte, eine schwüle Atmosphäre. Aber noch bricht kein Gewitter los. Noch, so scheint es, kann Ruhe bewahrt werden. Noch, so scheint es, können die Organisatoren voller Stolz von sich behaupten, die Polizei ausgetrickst zu haben, ein Zeichen gesetzt zu haben - und das alles ohne Gewalt.

Auch Bauer Lampen dürfte diesen Tag nicht nur in schlechter Erinnerung behalten. Dem Vernehmen nach hat sein Gut Vorderbollhagen nicht nur Schaden genommen. Angeblich werden Lämmer aus seinem Öko-Betrieb den Staats- und Regierungschefs im Laufe des Gipfels noch als regionale Delikatesse serviert werden. Und offenbar haben manche der Ochsen, die dem Elektrozaun dank der Hilfe der Demonstranten entronnen sind, die Zeit auch sinnvoll genutzt: Einer der Bullen zumindest war am frühen Nachmittag vor allem damit beschäftigt, eine Kuh zu besteigen.